Theater

Pointen über jüdischen Gräbern

Von Irene Bazinger

Auf dem Trümmerfeld der Geschichte: Taboris “Jubiläum“

Auf dem Trümmerfeld der Geschichte: Taboris "Jubiläum"

22. Juni 2005 Heiligkeit und Humor? Vielleicht ist die Angleichung der einen an den anderen „der große jüdische Beitrag zur Zivilisation“, schrieb George Tabori einmal, „und jeder wirkliche Humor ist schwarz“.

Wie in seinem Stück „Jubiläum“, das er zum fünfzigsten Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hitlers 1983 selbst am Schauspielhaus Bochum zur Uraufführung brachte. In jenem Jahr erwachen auf einem „Friedhof am Rhein“ ein paar tote Juden und erinnern sich an den Terror des Naziregimes, beobachten aber auch den zunehmenden Neofaschismus in der Bundesrepublik.

Allerdings sehen sie die Dinge gelassen und erwecken überhaupt den Eindruck, ihre Reminiszenzen und Reflexionen weniger zur eigenen Verständigung als mehr für das Publikum zu betreiben. Denn das soll, wie in einer guten Therapie, durch die Konfrontation mit den Schatten der Vergangenheit, die von Opfern wie Tätern geworfen werden, die Gegenwart zumindest ein bißchen erfreulicher hinkriegen.

Aschfahler Staub, trockene Blätter

Die Probebühne des Berliner Ensembles ist über und über mit aschfahlem Staub überzogen, der die trockenen Blätter, zerdrückten Dosen, losen Ziegel wie nach einer gewaltigen Explosion bedeckt. Im Bühnenbild von Etienne Pluss befindet sich ein Grabstein samt Totenkopf vor dem Vorhang. Und schon baut sich Wumpf, der Totengräber, auf, der bei Karsten Gaul ein dickes Kölnisch spricht. Er könnte von Shakespeare sein und zitiert - zur Musik von Stanley Walden - natürlich aus „Hamlet“: „Eine Hacke, ein Spaten, ein Leichenlaken dazu“.

Zu Beginn gibt er den Conferencier, der ein paar nette Worte ans Volk richtet, ehe er den Vorhang öffnet, wie etwa: „Jedes Leben hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Alles klar? „Nein!“ ruft George Tabori, der in der ersten Reihe am Teeglas nippt. Dabei hat er den Satz einst selbst notiert und ist überdies der perfekte Beweis für seine These. Vor rund einem Monat wurde er nämlich einundneunzig Jahre - schwer zu sagen, ob alt oder jung.

Die Schauspieler lieben ihn

Bevor er indes definitiv zum Denkmal wird, setzt sich Tabori lieber der dünnen Theaterluft und der kritischen Öffentlichkeit aus. „Er sieht nichts, er hört nichts, doch die Schauspieler lieben ihn - ich weiß nicht, wie er das schafft“, verriet neulich bei einer Pressekonferenz Claus Peymann, als Intendant des Berliner Ensembles irgendwie - mit knapp siebzig Jahren geradezu jugendlicher - Chef George Taboris, dieses schlohweißen, schnauzbärtigen, ewig neugierigen Glückskinds der schönen Künste, das sich nicht um Zeit und Raum und derlei Belanglosigkeiten zu kümmern scheint.

Er führt nun also bei „Jubiläum“ wieder Regie, tut es dezent und gediegen, macht das Stück nicht besser, als es mit seiner Mischung aus Sentimentalität und Sarkasmus, aus Kitsch und Weisheit ist, aber auch nicht schlechter. Vor allem gelingt es ihm, den Darstellern eine sichere Existenzgrundlage zu bereiten, auf der sie gemeinsam eindrucksvoll auftreten können.

Surreale Albtraumszene

Wie beispielsweise Ursula Höpfner und Martin Seifert als Ehepaar Lotte und Arnold Stern: Er ist Musiker und liebt Wagners „Parsifal“, sie wird später in einer surrealen Albtraumszene in einer Telefonzelle nahe dem Kölner Dom ertrinken - und niemand greift ein. Boris Jacoby und Dirk Ossig spielen das schwule Paar Otto und Helmut, das aus Verzweiflung über die rechtslastigen Verhältnisse Selbstmord begeht. Ein unseliges Gegensatzpaar bilden Christina Drechsler als junge, körperbehinderte Mitzi und Ronny Tomiska als brutaler Neonazi Jürgen, nach dessen infamer Post („Wieso hat man vergessen, dich zu vergasen?“) sie sich umbringt.

Die Erzählstränge kreuzen sich auf dem kalkigen Trümmerfeld der Geschichte, über das Tabori die Personen in ihren „besten Bestattungsklamotten“ mal stolpern, mal stürzen, mal stolzieren läßt - und gelegentlich sogar tanzen. Als Autor schickt er sie schnurstracks in die Abgründe des Dritten Reiches und des Antisemitismus, als Regisseur geleitet er sie mühelos in die Helligkeit des Lachens und Schwebens.

Am Schluß taucht obendrein der große Traugott Buhre als Geist von Arnolds Vater aus dem KZ Auschwitz auf und verschenkt einen Laib Brot. Ein Wunder? Ein Witz? Gewiß. Und ein harter, feiner Wahnsinn dazu. So fröhlich macht George Tabori mit dem Theater Ernst: als Welt, Wunsch und Vorstellung.

Text: F.A.Z., 23.06.2005, Nr. 143 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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