30. Oktober 2006 Nach einer neuen Bedrohungsanalyse der Berliner Sicherheitsbehörden kann Mozarts Idomeneo in der Inszenierung von Hans Neuenfels wieder an der Deutschen Oper gespielt werden. Bedenken, der in der Schlußszene gezeigte abgeschlagene Kopf des Propheten Mohammed könne in der islamischen Welt Unruhen auslösen, bestehen nicht mehr. Wegen solcher Sorgen war, wie ausführlich berichtet, die Wiederaufnahme der zuerst 2003 gezeigten Inszenierung im September abgesagt worden. Die neue Lagebeurteilung stützt sich vor allem darauf, daß die weltweit diskutierte Absetzung der Oper im Nahen Osten keine Mobilisierungseffekte gezeigt habe. Über das Ausbleiben der befürchteten Reaktionen sprach die F.A.Z. mit dem Berliner Büroleiter des arabischsprachigen Nachrichtensenders Al Dschazira, Aktham Suliman.
Herr Suliman, trifft die Einschätzung der Berliner Polizei zu, die Idomeneo-Debatte habe in der arabischen Welt nur wenig Aufmerksamkeit gefunden?
Ja, es gab kaum Reaktionen. Im allgemeinen herrschte das Gefühl, das geht uns nichts an. Das war eine interne deutsche Debatte.
Sie sind einer der wichtigsten Nachrichtenvermittler zwischen Deutschland und dem Nahen Osten. Haben Sie über die Idomeneo-Diskussion berichtet?
Wir haben es erwähnt, im Zusammenhang mit der Islamkonferenz in Berlin. Als ein Beispiel dafür, wie angespannt die Situation in Deutschland war, wie viele gegenseitige Mißverständnisse die Atmosphäre bestimmen.
Einen eigenen Bericht über die Opern-Debatte haben Sie nicht gemacht?
Nein. Was hätte ich meinem Publikum auch sagen sollen? Da gab es eine Oper, die ist abgesetzt worden, weil vielleicht Muslime von einer Szene beleidigt werden könnten. Mein Chefredakteur hätte da sofort gefragt: Wer war beleidigt? Wo sind die Kritiker der Oper? Ich hätte antworten müssen: Es gibt keine Beleidigten, aber die Polizei geht davon aus, daß es vielleicht welche geben könnte. Das ist doch keine Nachricht. Interessant war etwas anderes: Als wir die Oper kurz erwähnt haben und dafür auch ein paar Sekunden lang die Bilder der abgeschlagenen Köpfe zeigen wollten, mußten wir feststellen, daß der Preis für die Rechte an den Bildern innerhalb kürzester Zeit sehr gestiegen ist. Ein merkwürdiger Markt.
Warum hat es auf den Karikaturenstreit und die Regensburger Äußerungen des Papstes heftige Reaktionen gegeben, auf den Opern-Streit aber nicht?
Aus westlicher Sicht mag man den Eindruck gewinnen, das seien ähnliche Vorgänge. Ich sehe das ganz anders. Für mich war der Karikaturenstreit extrem gefährlich, die Opern-Sache aber eher unbedeutend. Warum? Weil der Karikaturenstreit in einer politisch sehr gespannten Zeit stattfand. Da bedurfte es nur eines Funkens, und das waren die Karikaturen, die von beiden Seiten, von der dänischen Zeitung wie von radikalen Muslimen, gezielt zur Eskalation benutzt wurden. Weniger bedrohlich fand ich die Worte des Papstes. Ihm ist etwas mißlungen, keine Frage. Ein Papst kann keinen rein akademischen Diskurs führen. Aber er genießt großen Respekt in der arabischen Welt, und er hat sich sofort bemüht, die Lage zu beruhigen. Über den Papst war man enttäuscht, über die Karikaturen war man wütend. Die Oper schließlich: Das ist eine westliche Institution, die in der arabischen Welt kaum eine Rolle spielt. Das heißt nicht, daß wir uns nicht dafür interessieren, erst gestern habe ich einen Bericht über Mozarts Todestag gesendet. Aber für den westlichen Diskurs ist die Oper viel wichtiger. Das zeigte sich auch daran, daß Al Jazeera International, unser englischsprachiger Dienst in London, wegen der Opern-Debatte ein Team nach Berlin geschickt hat. Im arabischsprachigen Programm haben wir Idomeneo, wie gesagt, kaum erwähnt. Einem westlichen Publikum kann man eine Geschichte über eine Opern-Absetzung gut verkaufen, arabischen Zuschauern nicht.
Mit antiislamischen Bildern lasse sich bestens Quote machen im Nahen Osten, heißt es im Westen immer wieder.
Ich bin Journalist, ich weiß schon, welche Geschichten mein Publikum interessieren. Und natürlich gehören antimuslimische Vorgänge dazu. Aber da haben wir, wenn ich so sagen darf, Brennstoff genug. Eine Opernaufführung gehört eher nicht dazu. Auch wir wissen schließlich, daß es hier um eine künstlerische Aussage ging, nicht um eine politische.
Wie steht es mit den Totenschädeln, mit denen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan posiert haben? Werden diese Bilder in der arabischen Welt als Provokation verstanden?
Wissen Sie, eine lange Reihe von Provokationen führt auch zu einer gewissen Abstumpfung. Die Bilder aus Abu Ghraib waren entsetzlich und haben das Ansehen Amerikas in der arabischen Welt zerstört. So gräßlich jetzt die neuen Bilder sind, sie sind keine Überraschung mehr. Als die Bild-Zeitung sie veröffentlicht hat, kam der Bericht darüber in unserer Hauptnachrichtensendung erst an dritter oder vierter Stelle.
Es heißt immer wieder aus Afghanistan, die deutschen Soldaten dort genössen höheres Ansehen als die Amerikaner.
Ich fürchte, das ist ein Wunschtraum. Ich kann ihn gut verstehen, er hat viel mit der deutschen Vergangenheit zu tun und mit dem Mythos, die Bundeswehr sei eine Truppe von Entwicklungshelfern in Uniform. In der Realität werden deutsche Soldaten im Nahen Osten als Teil des Westens wahrgenommen, nicht besser oder schlechter als Amerikaner, Franzosen oder Engländer. Ich habe jedenfalls noch nie von einem Selbstmordattentäter gehört, der seine Bombe nur deshalb nicht gezündet hat, weil er kurz vor dem Anschlag festgestellt hat, seine Opfer seien Deutsche.
Die Fragen stellte Heinrich Wefing.
Text: F.A.Z., 30.10.2006, Nr. 252 / Seite 33
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