Von Eleonore Büning
04. Mai 2008 Ein müder Gruß bei Seite. Blinzeln in den Applaus hinein. Nur angedeutet das Heben der Mundwinkel, Lächeln kann man so etwas wirklich noch nicht nennen. Wenn Alfred Brendel dann auf seinen legendär langen Beinen die Treppe zum Podium hinaufgestiegen ist, fängt er sofort zu spielen an, kaum, dass er sich richtig hingesetzt hat.
Keine Zeitverschwendung, keine Schnörkel, das hält er schon seit über fünfzig Jahren so. Hält sich auch diesmal wieder daran. Aber dann am Schluss, als wieder eine große Blütenlese querbeet durch die Wiener Klassik ausgebreitet worden ist; als wieder einmal der Brückenschlag glückte von einem scheinleichten kapriziösen Haydnstück hinüber ins gewaltige Weltgedankengebäude der späten schubertschen B-Dur-Sonate - dazwischen Mozarts geniale F-Dur-Sonate KV 533, Beethovens ambitionierte erste Quasi una fantasia-Sonate Es-Dur - da käme kein Mensch im Saal auf die Idee, zu sagen: Na also, das war's.
Vor Glück ein bisschen seufzend
Dies ist das Beste, was man überhaupt mitteilen kann von den wunderlichen, wehmutsdurchwehten brendelschen Lebewohlkonzerten (bei denen das Publikum am Ende, wie immer, aufspringt und Einzelne stehenbleiben auch während der Zugaben, ringsum vor Glück ein bisschen seufzend, auch noch lange später, schon draußen an der Garderobe, vor der Tür): dass es diesmal genauso war wie sonst auch. Dass Alfred Brendel nicht aufhört aus Altersgründen, dass er ebenso gut weiter als reisender Virtuose unterwegs sein könnte, um seine Hörerschaft immer wieder ins Nachdenken und zum Schwärmen zu bringen, noch ein oder zwei Jahrzehnte länger.
Brendel ist jetzt achtundsiebzig Jahre alt. Seinen ersten Auftritt hat er in Graz absolviert, mit eignen Kompositionen, das liegt sechzig Jahre zurück. Später zog er nach London, und eine Zeitlang hat er behauptet, dies sei vor allem geschehen, um dem Wiener Spießertum und dem deutschen Nachkriegsmief aus dem Weg zu gehen. Er wurde aber dann zu einer Galionsfigur in der Interpretation jener zutiefst deutschen Musik, die man Wiener Klassik nennt.
Alles ist frisch geblieben
Vor einem Jahr beschloss Brendel, das Konzertieren an den Nagel zu hängen. Er hatte schon zuvor damit begonnen, gewisse harte Brocken, etwa die beethovensche Hammerklaviersonate, aus seinem Repertoire auszumustern. Jetzt hat er Deutschland erreicht auf seiner offiziellen Fare-well-Tour 2008. Am Dienstagabend spielte er in der Berliner Philharmonie, am Donnerstag im Regentenbau in Bad Kissingen, und heute Abend wird er im Münchner Herkulessaal auftreten. Eine so dichte Abfolge von Konzerten wäre auch für jüngere Pianisten ein Synonym für große körperliche Anstrengung. Und doch: Bei diesen Adieukonzerten gibt es keinen Verschleiß. Es ist nicht wie sonst so oft bei den vermaledeiten, vom besseren Gestern flankierten Lebewohl-Tourneen: dass man gemeinsam ein Bad nimmt in schönen Erinnerungen und sich zwischendurch dabei ertappt, wie sich optional uncharmanterweise im Hinterkopf der Satz Das war's also von selbst ergänzt zu einem Na, endlich. Bei Brendel ist alles frisch geblieben. Er war schon immer ein Zweifler, noch nie ein Perfektionist.
Sein Repertoire hat er im Laufe der Jahre eingeschränkt auf Werke der Klassik im engeren Sinne: Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, späten Liszt. Kaum Bach, kein Chopin, kein Rachmaninow, keine neue Musik. Gewiss gab es eine Zeit, da hat Brendel auch Prokofjew und Schönberg aufgeführt. Aber in den letzten Jahrzehnten nahm er sich die Freiheit heraus, nur noch Werke zu spielen, die, wie sein Idol Artur Schnabel es einmal formuliert hat, besser sind, als man sie aufführen kann.
Er lässt ein kleines Loch entstehen
Wer, um ein Beispiel zu nennen, eine Beethovensonate wie die Es-Dur-Sonate op. 27 einstudiert, der kann unmöglich auf einer einzig wahren Phrasierung der letzten Trillerkette des Adagio con espressione bestehen; es ist ja einerseits damit abgeschlossen und ein Übergang zugleich, sowohl Langsame Einleitung zum Finalsatz wie auch ein thematischer Bestandteil davon. Deutlich bricht diese Sechzehntelkette ab, als Brendel die Sonate am Donnerstag im Regentensaal in Bad Kissingen spielt. Er nimmt sich Zeit an dieser Stelle, und das, obwohl ein attacca in den Noten steht; lässt ein kleines Loch entstehen, weil eben auch eine Fermate über dem attacca geschrieben steht - ein Widerspruch, der sich Luft macht in einer kleinen Pause. Deutlich markiert wird das Ende des Pianissimo-Tons, einem As, das von der hölzernen Regentensaalakustik lupenklar bis in den letzten Winkel transportiert wird: Einmal kurz Durchatmen, bevor der Rondosatz losprasselt.
Aber es geht auch anders. Zwei Tage zuvor, in der Berliner Philharmonie, wo die Akustik weniger rund, das Publikum aber umso aufmerksamer ist, spielt Brendel die gleiche Stelle comme il faut in einem Zuge durch. Nur eine winzige Kleinigkeit, vielleicht ist sie nicht mal wirklich wichtig für das Verständnis dieser beethovenschen Sonate. Aber charakteristisch für diesen eigensinnigen Kauz von Klavierspieler ist diese Stelle schon.
Immer sind Brendels Ideen großartig gedacht
Genau genommen ist Brendel gar nicht Pianist, sondern ein Musikgedankenvorleser. Er erklärt sich (und uns) die Ideen eines Stückes und zerlegt dessen formale Strukturen, indem und während er spielt. Manchmal bremst das seinen pianistischen Fluss. Es kommt vor, dass die Musik stockt, dass sie Widerhaken und Stacheln ausfährt oder mitten im locker perlenden Passagenwerk plötzlich verstolperte Klumpen bildet. Immer sind Brendels Ideen großartig gedacht, aber manchmal werden sie pianistisch nur ausgezahlt in kleinster Münze. Macht nichts. Einen tadellos abgeschnurrten Übergang in den Finalsatz aus op. 27,1, den kann jeder angehende Virtuose an den Hochschulen lernen und in Wettbewerben vorführen. Musik verstehen und gestalten, wie es Brendel noch tut, lernt man dort leider kaum noch.
So etwa exemplarisch am Schluss von Joseph Haydns Variationen in F-Dur respektive f-Moll, Hobokenverzeichnis XVII/6, komponiert 1793: ein raffinierter später Haydn. Für seine Abschiedskonzerte hat sich Alfred Brendel die Programmnotizen selbst geschrieben und dabei die Themen dieser Doppelvariation mit einem Vokabular gefasst, das heute so aus der Mode gekommen ist, dass man die Worte allenfalls noch schreiben kann, aber kaum mehr spricht: Schalkhaftigkeit attestiert er dem Durthema, Grazie dem Mollthema. Und dann dekliniert er wie zum Trotz die Triller in der zweiten und die figurativen Sechzehntelketten in der dritten Variation so unpoetisch und penibel durch wie ein Buchhalter. Der Schluß der Coda rückt das Werk endgültig ins Dur, heißt es in seiner Programmnotiz. Und basta. Dabei ist ein Begriff wie endgültig für den Interpreten Brendel ganz und gar unbekannt. Er spielt im Konzert tatsächlich diesen Schlusston so weich verschwommen und mit einem so deutlich in die Luft gezeichneten Fragezeichen versehen, dass wir uns plötzlich sicher sind: Hätte Haydn an dieser Stelle weiterkomponiert, würde dieser fahle Unisono-Schluss in F trotz der Durkadenz zuvor doch wieder weiterwandern ins Moll. Oder ist sogar beides möglich?
Wie anders dieser Pianist spielt als andere
In Berlin trifft man in Brendelkonzerten immer auch auf jene Brendelhasser, die mit offenen Fragen dieser Art nicht leben wollen und trotzdem immer wiederkommen, um sich immer wieder darüber zu ärgern, wie anders dieser Pianist spielt als andere. Sie mögen es nicht, dass Brendel nicht auf Nummer sicher spielt, wie es heutzutage jeder junge Ta-Fi tut (das ist im Klavierwettbewerbsjargon die Abkürzung für einen absolut unanständigen Begriff, mit dem die seelenlosen Unfehlbaren bezeichnet werden, die Tastenvergewaltiger). Brendel selbst hat zur Frage der Fehlerlosigkeit einmal im Gespräch mit Martin Meyer eingeräumt: Ich war nie der perfekteste Interpret. Ich spielte schon frühzeitig genug falsche Noten, um davon nicht als alternder Pianist schockiert zu sein. Aber ich hatte anhand der Pianisten, die ich bewunderte, auch immer den Eindruck, dass man trotz einiger falscher Noten Eindruck machen könne. Nicht die Makellosigkeit ist das erste Kennzeichen einer großen Aufführung.
Tatsächlich, Schnabel und Cortot sind berühmt geworden wegen, aber dann vor allem trotz ihrer vielen Verspieler. Das Ideal der Perfektion hat sich im Konzertsaal erst viel später etabliert, als Folge der Möglichkeit der Plattenaufzeichnung. Bei Alfred Brendel jedoch, der stapelweise Schallplatten eingespielt hat und erst kürzlich eine Artist's Choice-Collection mit den ihm persönlich liebsten Aufnahmen zur Veröffentlichung freigab, liegt der Fall noch etwas anders. Er kennt weder Berührungsängste vor dem Live-Mitschnitt noch die übertriebene Liebe zum Studio. Brendel ist ein Musiker, der die Extreme scheut und den eindeutigen objektiven Wahrheiten misstraut.
Als ob er sich geistige Gewichte angelegt hat
Brendel reflektiert die Möglichkeiten von Musik. Daraus folgt, dass er in der Praxis oft den Mittelweg wählt. Seine Fortissimi sind nie zu laut, seine Pianissimi selten wirklich unhörbar leise, seine Tempi stets moderat. Und wie gezügelt wirkt zuweilen seine Gestik, als ob er sich geistige Gewichte angelegt hat, die ihm das Fliegen verbieten, ja, als ob er sich nicht erlauben möchte, die Extreme auszukosten, und uns, die Hörer, nicht überwältigen will.
Und wenn es dann doch geschieht und der brendelsche Swing beginnt; wenn etwa im Scherzo von Schuberts B-Dur-Sonate die Tanzrhythmen aufblitzen und im Finale aus Licht und Luft gebaut die herrlichsten Gespenster herbeischwanken, dann ist man froh.
Brendels Beethoven ist allzeit denk- und bewundernswürdig, sein Schubert aber kann unübertroffen sein. Das liegt auch an Schuberts unendlichen Möglichkeiten. Es ist jedes Mal wieder ein Abenteuer, diesem nicht pianistischen Pianisten dabei zuzuhören, wie er alles Denkbare ausprobiert, die in dieser Musik steckt.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, Helmut Fricke
