Von Eleonore Büning
26. März 2008 Super wieder die Festtage im Schmuckkästchen Lindenoper, so wie Berlins Kulturbeauftragter Wowereit sie liebt: Nachmittags galoppiert GMD Daniel Barenboim persönlich vierhändig mit Lang Lang durch Liszts Don Juan-Paraphrase, abends segelt er seidig mit Rolando Villazón durch Schumanns Dichterliebe. Und Musiktouristen aus aller Herren Länder strömen herbei zu Saus und Braus, kurbeln den Kulturtourismus an, zahlen freudig fette Eintrittspreise.
Deprimierend dagegen der knickerige Opernstiftungsalltag am Dienstag darauf. Wegen eines verspätet eingereichten Wirtschaftsplans hat Klaus Wowereit den Vertrag des Lindenopern-Intendanten Peter Mussbach und den des Geschäftsführenden Direktors Georg Vierthaler nicht verlängert. Dies gab Mussbach, offenbar überrascht, auf einer Betriebsversammlung bekannt. Er wird das Haus 2010 verlassen müssen. Da die Lindenoper wie jedes Opernhaus natürlich auch eine Schlangengrube ist, wird es einige geben, die sich darüber freuen.
Hervorragende Bilanz
Doch die Bilanz der Ära Mussbach ist, nüchtern betrachtet, hervorragend. Mit eigenen Regiearbeiten eher glücklos, hat er als Intendant mit der richtigen Mischung aus Repertoire-Raritäten (zuletzt: der Spieler), abendfüllenden Uraufführungen (zuletzt: Henzes Phaedra) und Box-Office-Rennern (zuletzt: Maskenball) für ein streitbares künstlerisches Profil gesorgt. Dabei stieg, Quadratur des Kreises, weiterhin kontinuierlich die Auslastung. Dazu installierte Mussbach Educationprojekte und Experimentelles für den Nachwuchs, er kämpfte die überfällige Sanierung durch und unterstützte Barenboim in allen Schachzügen zur Aufwertung des Hauses: bei den Kooperationsverträgen mit der Scala, beim Tauziehen um zusätzliche Gelder, beim Barmen um Unterstützung des Bundes.
Die Lindenoper ist heute nicht nur das künstlerisch stärkste, sondern auch das wirtschaftlich gesündeste der drei Berliner Opernhäuser. Jedoch: Mussbach ist unbequem. Er gehört aber zu den wenigen Künstlerintendanten, die nicht nur Kritik austeilen, sondern auch einstecken können. Und er hat sich als einziger der Berliner Opernintendanten quergestellt bei der Opernstiftungsgründung, kritisierte diese als Rettung proklamierte Bürokratisierung öffentlich als Finanzreduktionsinstrument. Wer jetzt die verdrucksten Abschiedsworte des amtierenden kommissarischen Opernstiftungsdirektors Rosinski liest, könnte auf die schlimme Idee kommen, dass hier alte Rechnungen beglichen wurden. Mussbachs Abgang stärkt jedenfalls die Bürokratie, sie schwächt das Opernhaus. Noch schlimmer der Verdacht: Hätte Freund Barenboim ihn halten wollen, hätte er ihn wohl halten können.
Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 37
Bildmaterial: dpa