Dirigent James Levine

Genies brechen immer die Regeln

“Unsere Kultur ist ohne Musik nicht denkbar“: James Levine

"Unsere Kultur ist ohne Musik nicht denkbar": James Levine

31. August 2007 Zum ersten Mal ist James Levine mit dem Boston Symphony Orchestra auch in Europa aufgetreten. Ein Gespräch über deutsche und amerikanische Orchester, gute Konzertsäle und die anhaltende Diskussion über Bayreuth.

Mr. Levine, in den Hügeln von Berkshire, in Tanglewood, der Sommerresidenz des Boston Symphony Orchestra, pflegt man nachts die Türen nicht zu verschließen. Und tagsüber beschäftigen sich anscheinend alle mit Musik - Sänger, Instrumentalisten, Komponisten, Dirigenten, begabte Studenten, die besten Lehrer, Jung und Alt. Leben Sie hier auf einer Insel der Seligen?

Ja, ich bin hier in Tanglewood sehr glücklich. Aber ich habe mein ganzes Leben lang mit jungen Leuten gearbeitet, das ist also etwas ganz Natürliches für mich, dieses Zusammensein mit Musikern aus allen Kulturen, von allen Alterstufen. Die Atmosphäre hier ist unprätentiös, nicht hektisch, aber ernsthaft. Und es gibt alles: Musik in Konzertsälen und im Freien, Kammermusik, Oper, Instrumentalmusik und Gesang. Es sind sehr intensive Wochen jeden Sommer.

Das klingt sehr optimistisch. Aber in der nächsten Saison spielt das Boston Symphony Orchestra ein Violinkonzert von Brett Dean mit dem pessimistischen Titel „The Lost Art of Letter Writing“. Sind wir heute nicht auch in Gefahr, viel von unserer Kultur aufs Spiel zu setzen, auch das Erbe klassischer Musik?

Vielleicht. Aber ich bin nicht unbedingt die richtige Person für die Beantwortung einer solchen Frage. Unsere Kultur ist ohne Musik nicht denkbar. Wir dürfen nur nicht vergessen, unsere jungen Leute zu erziehen, so dass sie Musik verstehen und für sich entdecken können. Auf Pessimismus oder gar Zynismus, und Ihre Frage klang eher besorgt, kann ich nur mit ungebremster positiver Energie reagieren. Von meiner Warte aus muss ich feststellen, dass wir heute über ein größeres Repertoire als je zuvor verfügen, es gibt mehr Organisationen und Institutionen, die sich in seriöser Weise mit Musik befassen, es gibt alte und neue Musik, Kammermusikensembles, Orchester, Opernkompagnien. Und trotz der Schwierigkeiten für junge Leute, Arbeit zu finden, studieren sie, gehen aufs Konservatorium, gehen sie leidenschaftlich ihren Weg. Möglicherweise gibt es eine Tendenz zum Verzicht auf Kultur im Allgemeinen. Aber es ist nie die Masse, die die Kultur voranbringt, es sind immer die Ausnahmen.

Aber bestimmt die Masse nicht auch die Ästhetik, geht nicht das Verständnis von klassischer Musik immer mehr verloren?

Als ich zum ersten Mal die h-Moll-Messe von Bach hörte, war ich zehn Jahre alt. Heute weiß ich viel mehr über Bach und die Musik. Aber das Mysterium dieses großen Werkes ist für mich geblieben, und zwar unabhängig davon, ob ich eine alte Aufnahme mit hundert Instrumentalisten und Sängern höre oder eine moderne mit einem ganz kleinen Ensemble, was ich ästhetisch bevorzuge. Aber was ich mag, mag vielleicht ein anderer überhaupt nicht. In England war ich einmal Zeuge einer Diskussion über Originalklang und welche Instrumente man verwenden solle. Jessye Norman gehörte auch zu der Runde, und sie sagte nur lakonisch, sie habe nur ihr Originalinstrument. Wenn dann Leute zu mir kommen und sagen, in dieser und jener Zeit hat man ohne Vibrato gespielt, bin ich irritiert. Woher wollen wir das wissen? Keiner von uns war dabei.

Außerdem ist Vibrato etwas Natürliches für jede Stimme. Lesen Sie die ganzen Kommentare, von Carl Philipp Emanuel Bach, von Leopold Mozart, Sie kommen auf keinen gemeinsamen Nenner. Und die Genies haben ohnehin immer die Regeln gebrochen. Die wirklich komplizierten Probleme des Musizierens werden nicht theoretisch gelöst, sondern beim Proben, beim Musikmachen selbst, wenn es um Details geht, nicht um Regeln. Eine inspirierte Aufführung ist immer eine, bei der man das Wesentliche der Musik spürt, den Inhalt. Es gibt so viele hochwissenschaftliche Aufführungen, die einen kaltlassen. Wenn Leute zu mir kommen und sagen, die klassische Musik stirbt, dann kann ich nur antworten: Wir spielen „Die Macht des Schicksals“ ungekürzt vor vollem Haus in der Met, wir spielen „Nabucco“ und Alban Berg, und das Publikum ist engagiert und interessiert. Deshalb bin ich nicht pessimistisch. Mein Lehrer George Szell pflegte zu sagen: Solange Kinder geboren werden, müssen wir weiterspielen, denn sie haben die Fünfte von Beethoven noch nicht gehört. Ich gebe ihm recht.

Sie kennen die unterschiedlichen Systeme für die Kultur in Europa und Amerika sehr gut. Was kann Europa von Amerika lernen und umgekehrt?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin mit dem amerikanischen System des privaten Sponsoring sehr vertraut und halte es für sehr gut. Was auch immer kulturell hier geschieht, es findet sich immer jemand, der es mit Geld fördern möchte. In Europa fördert eine Regierung etwas, was die nächste Regierung gar nicht interes- siert. Ich weiß nicht so recht, wie man mit dieser Situation leben kann. Vielleicht ist es nur eine Frage der Gewöhnung. Vor zwei Jahren hat ein Privatmann der Met sage und schreibe fünfundzwanzig Millionen Dollar gespendet. Zur freien Verfügung. Das muss man sich einmal vorstellen. Natürlich gibt es Schwierigkeiten in jedem System, aber ich habe den Eindruck, dass alles in Amerika mehr in Balance ist.

Der Unterschied zwischen Europa und Amerika liegt auf einem anderen Gebiet. Europa ist die Wiege dieser Kultur, deshalb ist man dort vielleicht etwas aufgeschlossener. Interessant ist der Unterschied bei den Orchestern. Wenn ich ein europäisches Orchester dirigiere, muss ich mehr an technischen Details feilen, bei amerikanischen Orchestern muss ich mehr Wert auf inhaltliche Dinge legen, was die Musik bedeutet. Aber das ist natürlich eine ganz große Vereinfachung. Wenn man kontinuierlich mit einem großen Orchester zusammenarbeitet, verwischen sich die kulturellen und technischen Unterschiede zwischen Berlin und Wien und der Handvoll amerikanischer Eliteorchester. Aber wäre ich in München geblieben, hätte ich ein paar Dinge geändert.

Woran denken Sie dabei konkret?

Ich denke etwa an das Rotationssystem, an fixe Besetzungen.

Denken Sie auch an einen geeigneten Konzertsaal?

München ist eine großartige Stadt, sehr modern einerseits, aber es gibt auch viel Respekt für die klassischen Künste. Ich finde aber, die Münchner Philharmoniker sollten wirklich einen ausgezeichneten Konzertsaal haben. Sie würden ein noch höheres Niveau damit erreichen.

Welches sind denn Ihrer Meinung nach wirklich gute Konzertsäle?

Die Boston Symphony Hall ist sicherlich eine der besten der Welt. Aber es gibt sehr viele gute Konzerthallen: Carnegie Hall, Wiener Musikvereinssaal, Concertgebouw, Luzern ist ausgezeichnet, ich liebe auch das Bayreuther Festspielhaus. Aber in Deutschland gibt es auch in kleineren Städten großartige Konzertsäle und überall ein sehr aufgeschlossenes Publikum.

Sie kennen die anhaltende Diskussion über Bayreuth, die Nachfolgefrage und ob sich das Haus ändern sollte, aufgeschlossener sein für anderes Repertoire. Was ist Ihre Meinung?

Das ist für mich eine furchtbar schwierige Auseinandersetzung, in die ich mich nicht einmischen möchte. Ich liebe Bayreuth, und ich hoffe, dass das anhaltende Gerede keinen Einfluss auf den Inhalt der Institution nimmt. Nur zu der spezifischen Akustik des Hauses möchte ich etwas sagen. Sie ist zugeschnitten vor allem auf den Ring und auf Parsifal, nicht einmal auf die frühen romantischen Opern. Wagners Werke sind Gesamtkunstwerke, in die die Möglichkeiten des Theaters einbezogen wurden. Ich glaube, Werke von Meyerbeer oder gar Verdi hätten hier Schwierigkeiten, angemessen zu klingen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?

Ich habe einen großen Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen kann. Ich möchte Verdis „Troubadour“ in Anwesenheit des Komponisten aufführen und dann von ihm hören, ob es so war, wie er sich das Werk vorgestellt hat, ob die hohen Noten so richtig kamen, ob man Striche anbringen müsste, ob die Sänger sich richtig verhalten haben, wie die Lichtverhältnisse waren. Mein Gott, was gäbe ich dafür, mit Bach die h-Moll-Messe oder die Matthäus-Passion aufzuführen oder auch eines der Brandenburgischen Konzerte: Gibt es darin Humor, wie steht es mit dem Rubato? Oder „Così fan tutte“ mit Mozart! Wie ist das Verhältnis von Ton und Unterton? Wie steht es mit den Tempi? Das würde viele meiner Probleme lösen.

Das Gespräch führte Wolfgang Sandner.



Text: F.A.Z., 31.08.2007, Nr. 202 / Seite 44
Bildmaterial: AP

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