
Die Einschätzung der bisher geleisteten Arbeit von Simon Rattle erweckt den Eindruck, als habe der Autor kein einziges der Konzerte unter Sir Simon je live gehört. Dass etwa in den Übergangsjahren nach Abbados Rücktritt programmatische „Altlasten“ eine durchgängige Dramaturgie des Konzertspielplans noch nicht ermöglichten, ist nicht das Verschulden des Chefdirigenten, der in 18 Jahren in Birmingham unter Beweis gestellt hat, kluge Programme auch über einen langen Zeitraum hinweg planen zu können. Dass er darüber hinaus ganz neue Repertoirebereiche erschlossen hat, bedeutet in keinem Fall, den „romantischen Ton“ – was immer das sein mag – verspielt zu haben! Simon Rattle ist dabei, mit dem Orchester einen eigenen, unserer Zeit adäquaten Klang zu prägen. Da scheint es geradezu grotesk anzunehmen, das müsse für alle Zeiten der Klang Furtwänglers und Karajans sein! Ganz zu schweigen davon, dass das Orchester in seiner bald 125-jährigen Geschichte sich wohl noch nie so stilsicher auf dem Parkett von rund 400 Jahren Musikgeschichte bewegt hat, wie seit 2002. Ich kenne kein anderes Orchester, das in den letzten Jahren in Sachen Selbstverwaltung, Sorge um den musikalischen Nachwuchs und Entwicklung neuer Organisationsformen so viel gewagt hat wie die Berliner Philharmoniker. Bleibt zu hoffen, dass unter Sir Simon Rattle eben nicht ein Rückfall in jene musikalische Vorzeit stattfindet, für den der „Klang“ manch eines Dirigenten steht, der angeblich Sir Simon in Berlin ablösen soll.

Die Berliner Philharmoniker sind von Simon Rattle fantastisch aufgestellt. Das beweisen sie ständig, wenn sie unter den verschiedensten Dirigenten jedesmal hervorragend spielen, selbst unter Kurt Masur. Es ist ein teilweise erneuertes und sehr viel jüngeres Orchester als unter Claudio Abbado. Das unterscheidet sie wesentlich von der Staatskapelle, die lediglich unter dem Dirigat von Barenboim Qualität hat, und dann erst in der 2. oder 3. Aufführung, denn die Premiere ist meist die Generalprobe. Wenn es in Berlin eine Konkurrenz gibt, dann das DSO unter Kent Nagano.
Vor 10 Jahren konnte man für jedes Konzert der Berliner Philharmoniker noch drei Tage davor Karten bekommen. Heute füllt Rattles Programm den riesigen Saal randvoll, und zwar ständig. Glücklich können sich diejenigen schätzen, die ein oder zwei Abonnements haben. Die Sonderkonzerte, speziell mit Rattle, sind am Tag des Vorverkaufbeginns ausverkauft. Das kann man im Internet ganz einfach überprüfen.
Die Erfolge der Berliner Philharmoniker im Ausland, auch in so verwöhnten und kritischen Städten wie New York sprechen eine eigene prache. Die Kritiken sind phantastisch.
Obwohl ich wöchentlich ins Konzert gehe, kenne ich niemanden in Berlin, der sich jemanden anderen als Simon Rattle wünscht.
J. Michael Semler

Vielleicht will der Artikel ja das hervorrufen, was er im Titel verspricht: Schlachtenlärm. Natürlich muß es den Blick des Boulevards auch mal in der FAZ geben. Natürlich sollte man das dann alles nicht so bierernst nehmen.
Aber leider geraten im Überschwang der Lust am Schlachtenlärm dann auch Geschichtsklitterungen in denselben, die leicht zu historischen Unwahrheiten mutieren. Nur ein Beispiel: nicht Barenboim hat die Staatskapelle zu einem Spitzenorchester gemacht. Sie war das schon länger.
Dank Otmar Suitner.

...das Problem ist wohl nicht dieser Bericht, den ich für meine Person für hochinteressant halte. Das Problem ist vielmehr, dass es solche Machtspielchen in der Tat gibt, dass nicht für deren Protagonisten die Musik im Vordergrund steht.
Aber wenn so die Lage tatsächlich ist, warum sollte dann nicht darüber berichtet werden?

keine ahnung von musik!
es war ja schon karajan nie wirklich der beste (oder haben sie nie bernstein live gehört) sondern nur preussisch militärisch perfekt - und damit machte er die musik ziemlich tot
barenboim und thielemann sind da sicher die idealen nachfolger.
eigentlich gut so, vielleicht kommt rattle dann wieder öfter zu uns nach wien und zu den wiener philharmonikern ...

Diese Berichte über Machtspielchen und können .
Kein Mensch braucht solche Berichte wirklich. Es sollte doch viel mehr um Musik gehen, wer die Musik macht ist dann letztlich zweitrangig.
Dass der Autor dieser "Hintergrundanalyse" sich mit leidenschaftlichem Einsatz auf solche eigentlichen Nebensächlichkeiten kapriziert zeigt nur, wie wenig Interesse, Verständnis und Fokus auf Musik auch und gerade bei den Autoren von Feuilleton-Artikel noch vorhanden ist.
Ob es also dergleiche Machtspiele wirklich gibt oder nicht, spielt keine Rolle: sie sind zweitrangig.
Das Einzige, was zählt, ist: Musik an sich.