Von Jan Brachmann
27. Juni 2008 Der Streit um die künftige Gestaltung der Berliner Staatsoper war von Anfang an scharf. Aber in der vergangenen Woche schlug diese Schärfe um ins Unappetitliche. Stefan Rosinski, der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, hatte den gegenwärtigen Saal von Richard Paulick aus dem Jahr 1955 als totalitären Raum bezeichnet. Mit diesem Saal, orientiert an der Formensprache des friderizianischen Preußen, habe die junge DDR den Bruch in der Geschichte verdecken wollen, den Nationalsozialismus und Schoa darstellten.
Zwei Tage später, am 21. Juni, meldete sich Daniel Barenboim, der Generalmusikdirektor der Lindenoper, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu Wort. Barenboim ist Befürworter der Pläne von Klaus Roth, der den Architektenwettbewerb um die Neugestaltung des Saales gewonnen hatte. Roth will den Saal Paulicks gänzlich aufgeben und durch einen modernen Bau die bestehenden Probleme von Akustik und Sichtachsen beseitigen. Doch auf Akustik und Sichtachsen stützt sich Barenboims Argumentation in dem Interview gar nicht mehr. Es gehe darum, so Barenboim, Berlin eine neue Identität zu geben und durch einen neuen Saal etwas in Gesamt-Berlin zusammenzuführen.
Stärker als die Mauer
Seltsam an der neuen Wendung in der Debatte ist, dass sich die Befürworter eines modernen Saals vermehrt auf Geschichtspolitik berufen und die Fragen nach Funktionalität zurücktreten. Seltsam ist auch, wie Barenboim die Verdienste der Staatsoper in den sechzehn Jahren seiner Amtszeit kleinredet. Denn so schnell wie keiner anderen Institution Berlins ist es der Staatsoper Unter den Linden gelungen, nicht nur Menschen aus dem Ost- und dem Westteil der Stadt zusammenzuführen, sondern auch ein internationales Publikum anzuziehen. Im Übrigen war das schon während der deutschen Teilung so. Wer zu DDR-Zeiten an einem Sonnabend die Staatsoper besuchte, fand sich umgeben von Militärs der Westalliierten in Gala-Uniformen, die ihren festen Mädels mal was bieten wollten. Paulicks Charme war seit jeher stärker als die Berliner Mauer.
Barenboim aber hat sich jetzt lustig gemacht über dieses Preußen-Imitat und gelästert, dessen Befürworter sollten dann wenigstens konsequent sein und es gleich so wie 1742 machen, also ohne Elektrizität, nur mit Kerzenlicht, ohne Mechanik. Ausgerechnet Barenboim muss so etwas sagen, der in Fragen der Akustik bislang als Purist auftrat und bejammert, dass im Saal seit 1996 eine elektroakustische Nachhallanlage, mit seiner Zustimmung, den Klang an gegenwärtige Hörgewohnheiten angleicht. Barenboims Hoffnung war bislang, dass der neue Saal von Klaus Roth - wie der ganz alte von 1742 - ohne eine solche Anlage auskäme. Aber heute, da es kaum eine CD mit Orchestermusik ohne künstlichen Hall gibt, werden schon in Opernhäusern, die von Natur aus besser klingen als die Lindenoper, Nachhallanlagen eingebaut. Es ist nicht zu garantieren, dass nicht auch der Roth-Saal von vornherein damit ausgestattet würde.
Nebelbomben in eine erhitzte Debatte
Rosinskis Beitrag zur Debatte ist indiskutabel. Er fährt mit seiner Preußenfeindlichkeit auch in unguter Weise dem Emigranten Erich Kleiber übers Maul, der an der Lindenoper 1925 die Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck dirigiert hatte und 1955 als Generalmusikdirektor an das Haus zurückkehren sollte. Die Akustikprobe hatte er dirigiert und sich einverstanden erklärt. Den Posten hingeschmissen hat er dann aber, als er erfuhr, dass die alte Widmungsinschrift Fridericus Rex Apolloni et Musis (König Friedrich dem Apoll und den Musen) über dem Portal nicht mehr angebracht und damit der explizite Preußenbezug getilgt werden sollte.
Barenboims Worte freilich dürften in der Politik mehr Gewicht haben als die Rosinskis. Barenboim sei der einzige Weltstar, den Berlin hat, soll aus dem Munde Klaus Wowereits zu hören gewesen sein. Berlin will Barenboim halten, und Barenboims Plädoyer für den Roth-Entwurf war auch legitim - solange es um sachliche, rein funktionale Argumente ging. Seine jüngsten Äußerungen aber, auch die Rosinskis, werfen Nebelbomben in die Debatte.
Was mögen die Gründe dafür sein? Ist man sich beim Entwurf von Klaus Roth nicht mehr sicher, dass er akustisch und optisch hält, was er verspricht, und versucht daher, ihn mit geschichtspolitischer Gewalt durchzusetzen? Oder trauen die Anhänger der Moderne grundsätzlich deren funktionalistischen Vorzügen keine Überzeugungskraft mehr zu? Dann wäre die ideologische Hysterie nur Flucht vor dem Eingeständnis, dass uns die Glücksverheißungen der Moderne inzwischen so bitter schmecken wie der Maus das Mehl.
Text: F.A.Z.
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