25. Juli 2004 Der von einigen Beobachtern befürchtete Skandal bei der Neuinszenierung von Wagners Parsifal von Christoph Schlingensief bei den Bayreuther Festspielen ist am Sonntag ausgeblieben. Zwar erntete der Theaterprovokateur, der seine erste Opernarbeit überhaupt vorlegte, bei der Premiere am Sonntagabend im Festspielhaus auch heftige Buhrufe, doch überwog am Ende leicht der Beifall.
Während über die Regie die Meinungen auseinandergingen, herrschte über die Leistung von Pierre Boulez Einigkeit: Der französische Dirigent bescherte den Richard-Wagner-Festspielen eine musikalische Sternstunde.
Bilderreichtum erschwert den Sängern den Stand
Schlingensief legt Wagners Spätwerk als heidnisch-christliches Kultstück um Tod und Erlösung an. Dabei bedient er sich uralter Mythen und nimmt Anleihen bei afrikanischen Traditionen. Er zeigt die Gralsburg als einen Schmelztiegel von Nationen und Religionen, die gemeinsam des Frieden stiftenden Erlösers harren.
Der Regisseur bietet insbesondere im ersten Akt eine Überfülle an Bildern und Symbolen an, auf einer mit Wänden, Behausungen und Kultgegenständen zugestellten Drehbühne wandern die Darsteller von Station zu Station. Immer wieder werden Szenen mit Videosequenzen überblendet, als deren zentrale Figur Schlingensief - inspiriert von Joseph Beuys - den Hasen ins Spiel bringt: Mythos der Fruchtbarkeit, Symbol der Friedenssehnsucht, doch auch Opfertier, am Ende - in bühnenfüllender Projektion auf die Leinwand geworfen - tot, verwesend.
Die Sänger haben es bei diesem Bilderreichtum schwer, eigene Akzente zu setzen. Am besten gelang dies Robert Holl als einmal kraftvollem, dann wieder resignierten Gurnemanz. Auch John Wegner als Klingsor und Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas gestalteten ihre Rollen mit Expressivität. Dagegen konnte Endrik Wottrich, der sich im Vorfeld bitter über die Inszenierung beklagt hatte, den markigen Worten keine sängerischen Glanztaten folgen lassen, er blieb blass. Michelle de Young verlieh der Kundry manch schmeichlerischen Ton, verstieg sich jedoch phasenweise in allzu schrille Töne.
Dirigent Pierre Boulez war der Star des Abends
Zum wirklichen Star des Abends avancierte am Dirigentenpult Pierre Boulez, der Richard Wagners Weihfestspiel flott anging und mit dem konzentriert spielenden Festspielorchester für transparenten, kristallenen Klang sorgte. Der makellos singende Festspielchor rundete die musikalische Glanzleistung ab.
Was die Inszenierung anging, gab es von Seiten des Publikums unterschiedliche Reaktionen.So sprach Starregisseur Dieter Wedel in einer ersten Reaktion von toll-spannendem Theater. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte: Das muß ich erst verarbeiten. Seine Gattin Karin zeigte sich indes angetan: Theater muß auch revolutionär sein, um die Menschen aufzurütteln. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich bekannte, die Inszenierung sei sehr anregend.
Für Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) ist die Arbeit Schlingensiefs gewöhnungsbedürftig, Finanzminister Kurt Faltlhauser (beide CSU) verglich sie mit einem chaotisch-symbolistischen Schrebergarten. Für CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer war die Aufführung etwas verwirrend.
Wie immer viel Prominenz bei der Premiere
Pünktlich um 16.00 Uhr hatte das wichtigste deutsche Festival von internationalem Rang begonnen. Die Inszenierung Schlingensiefs hatte bereits im Vorfeld für Aufregung gesorgt. Zur Eröffnungspremiere war wieder viel Prominenz erschienen, darunter Alt-Bundespräsident Walter Scheel, Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), CDU-Chefin Angela Merkel und der neue EU-Kommissionspräsident José Durao Barroso.
Bis zum 28. August stehen insgesamt 30 Vorstellungen auf dem Programm. Als zweite Aufführung folgt am Montag der Tannhäuser in der Inszenierung des Franzosen Philippe Arlaud. Am Dienstag geht Jürgen Flimms Version des Ring des Nibelungen mit dem Rheingold ins fünfte und letzte Jahr. Claus Guths Deutung des Fliegenden Holländer unter der musikalischen Leitung von Marc Albrecht bildet den Abschluss des Premierenzyklus.
Am Rande der Eröffnung haben rund 30 Demonstranten gegen Sozialabbau protestiert. Sie hielten den Besuchern der Parsifal-Premiere Transparente mit der Aufschrift Stoppt den Sozialabbau entgegen.
Text: DPA, ddp
Bildmaterial: AP