02. Dezember 2004 Eben noch fragt sich der große, dicke, genußsüchtige Revolutionär, warum die Leute, wenn sie so einfach über die Gasse gehen, einander nicht dauernd ins Gesicht lachen, denn die Welt sei doch insgesamt sehr komisch, und selbst noch aus Gräbern könne man eigentlich herauslachen - da kommen auch schon zwei Herren den Boulevard entlang. Der eine spricht vom neuen Theaterstück eines "bizarren Kopfes": Dessen Drama sei "ein babylonischer Turm", bestehend aus einem Gewirr von Gewölben, Treppchen, Gängen - und "das alles so leicht und kühn in die Luft gesprengt. Man schwindelt bei jedem Tritt."
Dann aber bleibt er verlegen stehen. Sein Begleiter fragt, was er denn habe. Und der Dramenbegeisterte weist ihn auf eine Pfütze hin, die sich vor seinen Füßen auftut. Er bittet um die Hand des anderen - "So! Ich danke Ihnen. Kaum kam ich vorbei; das konnte gefährlich werden!" So kann er die Pfütze vorsichtig übersteigen. Die Erde nämlich "ist eine dünne Kruste; ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist". Unmittelbar darangehängt seine Empfehlung einer letzten Rettung: "Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen."
Wie ein verfassungsfeindliches Symbol
Die Szene spielt 1794 und stammt aus "Dantons Tod", einem Stück von 1835, das Georg Büchner, ein damals einundzwanzigjähriger bizarrer Kopf, schrieb. Das babylonisch in die Luft gesprengte Stück im Stück aber, von dem Büchners seltsam angstverliebter Bürger im revolutionären Paris so geheimnisklar futuristisch träumt, kann eigentlich nur von Botho Strauß stammen, der erst hundertfünfzig Jahre danach, 1944, in Naumburg an der Saale geboren wurde. Ironischerweise schien ja auch keiner so gut in Büchners Revolutionsgasse von 1794 zu passen wie Botho Strauß.
Denn der Mann, der heute das Etikett "umstritten" zu tragen hat, als sei es ein verfassungsfeindliches Symbol, und den aufklärerisch raunende Linke schon immer im Verdacht hatten, er untergrabe raunend die literarisch-demokratische Konsensordnung, betrat in den sechziger und frühen siebziger Jahren als dezidiert linker, revolutionärer Theaterkritiker für "Theater heute" und die "Stuttgarter Zeitung" das öffentliche jakobinische Leben der erst langsam linksliberal-konformistisch werdenden alten Bundesrepublik. Und fand 1969, daß zum Beispiel "der Aufbruch zu einer anderen als ästhetischen Praxis", nämlich zu einer politischen, leider "von Handke nicht eröffnet" werde, Tuli Kupferbergs "Ficknam-Report" aber durch Kunstverweigerung Gott sei Dank eine "radikal feindliche Haltung gegenüber der amerikanischen Nation" und der imperialistischen "Fuck-Gesellschaft" einnehme.
Schmerzensmann deutscher Phantomleiden
In elendslangen, sehr komplizierten Aufsätzen sprach aus dem Kritiker Strauß der Boulevard-Robespierre von 1794, der seinen Marx und vor allem seinen Adorno im Progressionstornister hatte (den er später wieder kühl beiseite legte) und solcherart das Pflaster von Büchners Gasse trat. Der Versuch eines jungen deutschen, sensiblen Intellektuellen, zeittypisch horizontal fortzuschreiten, auf festem gesellschaftlichem Boden Veränderungen voranzubringen - bis hin zu einer naturgemäß ebenso horizontal bewerkstelligten kommunistischen Erlösung.
Es macht den Skandal des Botho Strauß auch aus, daß er es bei solcher Horizontalität nicht beließ, daß er noch an Ort und Stelle in Büchners Gasse die Vertikale suchte - und sowohl über die Erde als auch unter die Erde abhob. Sozusagen eine Bewegung in Kreuzform. Und am Kreuz aus Boulevard-Physik und über- und unterirdischer Metaphysik hängend, hat sich Botho Strauß seitdem gerne präsentiert. Der schmerzlose Schmerzensmann deutscher Phantomleiden.
Stimmen, nebeneinander in die Luft gesprüht
Die Romane, Stücke, Texte, Essays, die Strauß schrieb, nachdem er ein paar Jahre in Peter Steins Berliner Schaubühne als Dramaturg, Übersetzer und Bearbeiter hingebracht hatte, gehören zunächst ganz natürlich in die Luft über Büchners Gasse, wie schwindelnd geträumt von einem spaziergängerischen Revolutionär: phantastisch babylonisch. Als warteten darin alle die Stimmen und Reden, die, allesamt nebeneinander in die Luft gesprüht und gewimmelt, weniger miteinander kommunizieren als vielmehr gegeneinander klingen und fließen, auf eine Art heiligen Geist und Gott.
Und als müßte dieser die einsam und zerrissen nebeneinanderher Plappernden in einem kuriosen, unmöglichen Akkord zusammenzwingen - im utopischen Aberwitz einer vollkommenen Verständigung: "Wir haben Babel nicht retten können" ist in der "Unerwarteten Rückkehr", dem 2002 uraufgeführten bizarren Stück von Botho Strauß, der traurigste und komischste Befund des "Mannes" und der "Frau".
Mehr an näherer Kennzeichnung benötigen sie nicht. Namen sind Schall, Rauch und Masken, "Mann" und "Frau" Gesicht und Charakter genug. Ricarda und Herr Jelke im "Kuß des Vergessens" zum Beispiel treiben so lange voneinander weg, bis sie gar nicht mehr merken, daß sie in den vielen anderen Figuren, die sie treffen, gar nicht mehr den Ehepartner finden: eine Komödie der unerkannten Stellvertreter. Paare werden zu tauschbaren Passanten.
Zweistimmigkeit ist unerreichbar geworden
Die Urform einfachster Harmonie, die Zweistimmigkeit, ist für sie unerreichbar geworden. So sind "Paare", die es weder miteinander aushalten noch ohne einander bestehen können, so ist die kleinste gesellschaftliche und auch revolutionärste Einheit, der von Strauß gern so genannte "Vierfüßler", der auf getrennten Zweifüßlern beruht, das Kern-Wesen aller seiner Werke: "Das Paar bleibe heil!" fordert Odile in den "Ähnlichen", bevor sich Mann und Frau, Bruder und Bruder, Ost und West, Liebhaber und Geliebte unerreichbar ineinander verkrallen und ein abgrundhäßlich verunstaltetes und behindertes Kind seinen anderen Paar-Teil, also die Eltern, vor Gericht verklagt, weil diese es nicht abgetrieben haben.
Derartige Szenen, so einfach kompliziert und kompliziert einfach, erschütternd und schwebend, klagend und konstatierend, schreibt kein zweiter so funkelnd und prunkend. Aber auch so abweisend: Die Szenen von Strauß buhlen nicht um den Betrachter, machen sich ihm nicht zum Kumpel, sondern spielen mit ihm als einem Ergänzer. Man ist auch mit ihnen wie in einem Paar-Verhältnis. Man muß sie sich zu eigen machen - oder allein bleiben.
Ein großer Leichtmacher
Die Frage in den "Bekannten Gesichtern, gemischten Gefühlen", seinem fast nie gespielten, aber zum reinen, vielgebrauchten Titel-Zitat verkommenen frühen Turniertänzer-Stück von 1975: "Gibt es das? Ein Paar! Ein Paar, das diesen wunderbaren Namen verdient - und einer läßt sich vom anderen überraschen und fällt vor Überraschung aufs Parkett?" - diese Frage beantworten alle Stücke von Botho Strauß mit einem traurig lächelnden: "Leider nein". Aber sie handeln unablässig von diesem Paar. Insofern ist Botho Strauß neben dem Papst in Rom die einzige dramatische Instanz, die an die Heiligkeit und Unversehrtheit der Ehe glaubt, ohne sie aber dramatisch noch einlösen zu können. Das gehört zu seinem Paradox.
Aber selbst den Bruch von Ehen und Paaren macht er leicht: indem er sie in die Höhe hebt. Botho Strauß ist überhaupt ein großer Leichtmacher. Das Schwerste noch schreibt er in die Luft. Seine Dramen sind keine Tragödien. Sondern Gesellschaftskomödien - die einzigen, die wir haben. Denn außer Botho Strauß hat die deutsche Gesellschaft keinen, der ihr noch die Komödie, also den komos, das wenn auch vergebliche Fest des Zusammenkommen- und eigentlich Heilseinwollens zutraut. Regisseure und Leser, die seine wie Operettenlibretti verfaßten Stücke schwernehmen, verfehlen ihn grotesk. Man muß ihn schweben und singen und schlendern lassen - dann erst faßt man ihn.
Einer der größten Verzweiflungsharmoniker
Seine Stücke und Texte sind der fortgesetzte Versuch, auf den luftigen Plattformhöhen des Turmes von Babel die unstimmigsten Stimmen zu komischen Paaren zu treiben. Insofern ist Strauß auch einer der größten Verzweiflungsharmoniker, die wir haben: Seine dramatischen Partituren, in denen das zusammenklingt, was nicht zusammengehört, bilden zusammen eine einzige große klingende Komödie der deutschen Chaos-Gesellschaft. Je wirrer, abstruser, ungeheuerlicher, abseitiger aber diese Gesellschaft ihr Chaos beschwätzt, desto realistischer scheint sie von Strauß besungen. Ihre Basis aber ist die Pfütze über der dünnen Erdkruste, durch die man tief hinunterfallen oder umgekehrt: durch die tief Inneres, wie Lava Fließendes und wuchtend Sprühendes die dünne Erdoberfläche zersprengen kann. Diese Büchnersche Schreckens- und Wunderpfütze gehört ebenfalls ganz und gar zu Botho Strauß.
Und das öffentliche Ärgernis, das er gelegentlich gerne gibt, der nie in Gesellschaft geht, aber dauernd in Gesellschaft wirkt, keine öffentlichen Reden hält, aber dauernd öffentlich spricht, keine Premieren besucht, aber jede seiner Premieren zum großen, lange zuvor umraunten Ereignis werden läßt, der keine Literaturpreise entgegennimmt, aber alle wichtigen Literaturpreise erhalten hat, überall dabei ist, ohne dabeizusein, dieses phantomhaft Skandalisierende der Figur Botho Strauß hat ja auch mit der Pfütze zu tun. Er geht ja einerseits über diese Pfütze ganz leicht und lässig und im besten Fall schwerelos, im schlechteren Fall kapriziös hinweg, als gehe sie ihn nichts an. Und spiegelt und beguckt sich auch nicht in ihrer trüb schlierigen oder glänzend sanft gekräuselten Oberfläche (je nachdem, woher der Wind gerade weht) wie der Rest der literarischen oder theatergängerischen oder auch nur lesenden Bildungs- oder auch Unbildungsnation, die so tut, als sei dies stille Oberflächenwasser schon tief und abgründig genug.
Wunderbarer Operettenstoff
Andererseits aber werfen plötzlich die Berliner Wohngemeinschaftslesben "M" und "K" zusammen mit der "Frau" den von ihnen heruntergerissenen Kopf des "Mannes" in die Waschmaschine, als tauche plötzlich im Jahr 1981 in "Kalldewey Farce" der griechische Wahnsinns- und Rausch- und Weiberverwirrgott Dionysos aus der Pfütze empor und besudele grotesk und komisch die mänadenlos weiße Weste bundesrepublikanischen Anstands.
Oder plötzlich läßt sich in der "Fremdenführerin" 1986 ein unbescholtener deutscher Studienrat von Pan, dem mediterranen Gott der Mittagshitze und der höchsten Lustangst, in den Unterleib treten, als sei dieses mythische Teufelchen grinsend und fauchend aus dem Pfützenuntergrund aufgetaucht und treibe nun den braven Studienrat nach Griechenland, wo er mit einer Fremdenführerin so lange panische Liebe macht, bis einer den anderen ausgesaugt und ausgelaugt hat bis zur Erschöpfung und am Ende aus dem Ineinanderverkralltsein dieses komischen Paares nur noch ein Zitat bleibt: Ovid und dessen "Metamorphosen" als Erlösung von allen Sexualgreueln. Wunderbarer Operettenstoff: Dr. Orpheus in der Pornowelt, lebenslänglicher Beamter trifft auf überlebensgroßen Gott.
Wer seine Dramen betritt, hört viele Stimmen
Oder plötzlich reden anständige Frauen an Restauranttischen nur noch von ihren Ausscheidungen oder wollen ihr ganzes Leben lang nichts als Skrjabin hören, oder ein verrückter Verleger setzt die ganze Welt, und die ganze Welt wäre für ihn eine Frau, aufs Spiel, nur um ein einziges Buch zu verlegen, trinkt ein Glas mit blauer Flüssigkeit und rutscht plötzlich in ein Streitgespräch zweier antiker Figuren in "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia".
Oder ganz normale, anständige bürgerliche Paare spielen plötzlich im "Park" mit den Verrücktheiten und der Gewalt und der Qual von Shakespeares "Sommernachtstraum"-Liebenden und -Hassenden, ohne aber sich von diesen erhitzen zu lassen. Man bleibt kalt und erlebt das alte Spiel von Liebe und Leiberverwirrung nur noch als Qual. Und so reißt eine Hexe in den "Ähnlichen" dem Mann, der sie betrog, das Herz aus dem Leib und trägt es beiseite, als sei's ein Stück Dreck. Wer die Dramen des Botho Strauß betritt, hört viele Stimmen. Die vielen tragen das Tollste und Absurdeste leicht.
Die alte Schweigestelle heute
Wer aber in der Prosa des Botho Strauß versinkt, der folgt dem Monströsen, dem Wundersamen und Mythologischen und Absurden, folgt dem Einbruch des Verdrängten und tief Gefühlten und manchmal auch nur behauptet Gefühlten ratlos. Die eine Stimme, die der Erzähler allen leiht, ist fürs Gewaltige oft zu dünn.
Und als Botho Strauß in seinem berühmten und dementsprechend skandalisierten Essay vom "Anschwellenden Bocksgesang" von 1993 unter der dünnen deutschen Erdkruste das "Tremendum", die Schauer und Fasziniertheiten dessen grummeln hörte, was man das "Nationale" zu nennen sich nicht traut, und als Strauß fragte, was man denn als schauerfreier und abgebrühter Mitteleuropäer, der sämtliche Sittengesetze abserviert habe, einem orientalischen Krieger, der noch wisse, für welches Sittengesetz er sterbe, entgegensetzen könne, und als er schrieb: "Die Würde der bettelnden Zigeunerin sehe ich auf den ersten Blick. Nach der Würde - ach, Leihfloskel vom Fürstenhof! - meines deformierten, vergnügungslärmigen Landsmannes . . . muß ich lange, wenn nicht vergeblich suchen" - da war die wohlfeile Empörung auch deshalb so groß, weil eine Einzelstimme auf einen Umstand verwies, der im allgemeinen gesellschaftlichen Gerede, das sich "Dialog" nennt, als große Schweigestelle unter der bundesrepublikanischen Erdkruste lag. Strauß, der Seher, war auch da Realist: Heute, ein paar Zivilisationskriege weiter, ist diese Schweigestelle sehr ins Reden gekommen.
So verändert er die Gesellschaft
Wer freilich auf der Bühne des Botho Strauß auftritt, war schon immer nicht sicher vor dem, was untergründig schwappte, aufgehoben aber im dialogischen Spiel, zu dem der "Mann" zur "Frau" in "Die Zeit und das Zimmer" sagt: "Drama ist immer dann, wenn beide recht haben." So haben bei Strauß beide recht: die Erdkrustenwandler und die Erdkrustendurchbrecher, die banalen Heutigen und das, was auf sie von gestern oder von Zukünften her einstürzt und sie zu kuriosen, glückstraurigen Wesen macht: unheimlich im Heimeligen, heimisch im Fremden, attackiert von Geistern, Mythen, Göttern, alten Geschichten, Wundern, Tollheiten, Untaten, Unworten: Ein braves, korrektes Mädchen im "Park" bricht auf einmal in Haßtiraden auf "die Nigger" aus, und die saubere Industriellengattin im "Gleichgewicht" hat eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem Schmutz der Großstadt, von deren Grünstreifen ein alter Penner (und Gott) sie mit Signalen und Tönen und Sprüchen versorgt, die nur er hört.
Und so etwas wie unser aller Mann vom Grünstreifen ist Botho Strauß, der heute seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Was nur er hört und vermutet in Höhen und Tiefen, mutet er uns zu. So verändert er die Gesellschaft - indem er sie in andere Gesellschaft bringt. Mit dem Mut zu Büchners Gasse und dem Rat des wahren Revolutionärs: "Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen!"
Er ist überhaupt ein großer Leichtmacher. Das Schwerste noch schreibt er in die Luft. Seine Dramen sind keine Tragödien. Sondern Gesellschaftskomödien. Die einzigen, die wir haben.
Die wichtigsten Werke von Strauß
Botho Strauß, geboren am 2. Dezember 1944 in Naumburg an der Saale, Theater- und Zeitkritiker, Dramatiker, Romancier, wurde berühmt mit Stücken wie "Trilogie des Wiedersehens", "Groß und klein", "Kalldewey Farce", "Besucher", "Die Zeit und das Zimmer", "Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia". Zu seiner besten Prosa zählen "Die Widmung", "Paare Passanten", "Das Partikular" und "Der Untenstehende auf Zehenspitzen". Seine Komödie "Die eine und die andere" wird im Januar in München uraufgeführt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2004, Nr. 282 / Seite 35
Bildmaterial: Barbara Klemm