Nestroy in Salzburg

Kehle, wem Kehle gebührt

Von Gerhard Stadelmaier, Salzburg

Joachim Meyerhoff (l.) und Nicolas Ofcarek in der Salzburger “Höllenangst“

Joachim Meyerhoff (l.) und Nicolas Ofcarek in der Salzburger "Höllenangst"

24. Juli 2006 Wenn einer glaubt, er sei fortan mit dem Teufel im Bunde und habe einen Höllenpakt à la Faust geschlossen, nur weil ein Kerl in schwarzem Mantel und Zylinder zum Fenster hereinhechtet, einen Beutel mit Golddukaten hinwirft, mit einem die Kleider tauscht und dann wieder abhaut - dann spinnt der Mensch. Hochgradig. Privat. Oder es wäre sonst etwas Schwerwiegendes vorgefallen, was jegliche Höllenangst rechtfertigte.

In Johann Nepomuk Nestroys depressiver Posse „Höllenangst“ aus dem Jahr 1849 ist eine Revolution erst schwer-, dann vor-, dann durchgefallen unterm Kartätschenfeuer der Reaktion. Tote. Verwundete. Erniedrigte. Beleidigte. Enttäuschte. Zerstörte. Geprellte. (Doch, doch, das gab's. Gerade, schon damals.) Und jetzt kauern sie und ducken sich und lecken sich die Seelenwunden.

Ein Herz, ein Nerv und eine Sprache liegen blank

Johannes Kirsch (l.) als von Stromberg und Daniel Jesch als Kohlenbrenner

Johannes Kirsch (l.) als von Stromberg und Daniel Jesch als Kohlenbrenner

Und wenn ein Oberrichter, der heimlich geheiratet hat, auf der Flucht vor dem schuftigen Vormund seiner Frau, der diese mittels politischer Intrigen und gestohlener Papiere um alles bringen will, durchs Stubenfenster ins Zimmer des mausarmen Schusters Pfrim klettert; und wenn dieser Oberrichter mit dem Schustersohn Wendelin zwecks Fluchterleichterung Zylinder gegen Mütze, Paletot gegen Armeleutejacke tauscht; und wenn dieser Wendelin, dem die Revolution alles genommen hat, nur nicht die Illusion einer gewissen Anständigkeit, zuvor einem politischen Gefangenen, der aufgrund der Intrigen des schuftigen Vormunds der Oberrichtersfrau im Knast saß, zur Freiheit verholfen hatte und nun ebenfalls verfolgt wird; und wenn nun Wendelin den Durchsfensterspringer-Oberrichter für den Satan hält in einer satanisch zerschepperten Welt - dann liegen ein Hirn, ein Herz, ein Nerv und vor allem eine Sprache („I laß' mir mein' Aberglaub'n durch ka Aufklärung raub'n“) subjektiv blank: aufgrund von objektiven Verhältnissen. Über die das Subjekt zusammen mit der Posse in schallendes Gelächter ausbricht beziehungsweise sie diesem preisgibt. Die einzige Chance, die Subjekt wie Posse gegenüber den Verhältnissen haben.

Insofern muß, wer Nestroy, den größten österreichischen Possen-Shakespeare aller Zeiten, inszeniert, zweierlei inszenieren: die Verhältnisse und das Gelächter. Und je mehr der dünne Boden, auf dem Nestroys Menschen Kapriolen schlagen, durchbricht, desto höllischer, befreiender, allesmitsichreißender und einstürzender müßte dieses Gelächter schallen. Denn dazu ist eine Komödie da: ein freies Fest zu sein nach verlorenen Schlachten. Wenigstens auf dem Theater.

Wo das Gelächter steckt

Nicholas Ofczarek mit Martin Schwab als altem Schuster Pfrim

Nicholas Ofczarek mit Martin Schwab als altem Schuster Pfrim

In Salzburg haben sie nun zur Eröffnung der Festspielzeit zwar so getan, als inszenierten sie „Höllenangst“ von Nestroy, aber sich weder an die Verhältnisse noch ans Gelächter gewagt. Sondern allein an die Kehle. Die Kehle spielt in Salzburg zur Zeit eine große Rolle. In dieser Kehle nämlich soll, so Martin Kušej, Schauspielchef der Festspiele und „Höllenangst“-Regisseur, das Gelächter steckenbleiben. Das hat er in mehreren Interviews und anderen programmatischen Texten zu Protokoll gegeben.

Auf der Bühne des Landestheaters besteht diese Kehle ganz aus Sperrholz, will sagen aus großen Wänden, die in diesem Material gestaltet sind, durchbrochen von vielen Türen, die unaufhörlich auf und zu gehen, durch die unaufhörlich Leute auf- und abtreten und hinter denen ein Gestänge im leeren Raum hängt. Man sieht eine kastenartige Bühnenbildkonstruktion Martin Zehetgrubers, aber keine Verhältnisse. Und in diesem Kasten steckt nun das Gelächter.

Ein Fall für den Theaterpsychiater

Joachim Meyerhoff als von Thurming und Alexandra Henkel als Adele von Stromberg

Joachim Meyerhoff als von Thurming und Alexandra Henkel als Adele von Stromberg

Es steckt in den Unterhosen und im Morgenmantel und im gaumigen Gekreisch des Oberrichters, der in der spillerigen Allüre Joachim Meyerhoffs durch die Szene stakst wie ein Storch durch Sägspän'; es steckt im schmuddeligen Unterwäscheaufzug von Schustersfrau Eva Pfrim, die in Barbara Petritschs Geheule untergeht; es steckt im Krinolinenrock der heimlichen Oberrichtersfrau Adele, die in Alexandra Henkels schriller Neckigkeit auftrillert; es steckt wohl auch in jenem Herrn im weißen Anzug, der bei Nestroy nicht vorgesehen ist und hie und da in seiner dunklen Brille naßgekämmt über die Bühne schlendert und statt eines gepfefferten Couplets müde und dandyhaft lächelnd „Love is the most important thing“ und ähnliches Chansongelalle in ein Mikrophon haucht; es steckt auch wohl in der Flinte des bösen korsagenbauchverschnürten Vormund-Finsterlings, mit der Johannes Krisch wild und fröhlich herumballert und schon mal fast die Hodengegend des Oberrichters erwischt hätte, der diesem Schuß aber mit einer Reckwelle am Gestänge hinter der Wand flott entging.

Und das Gelächter steckt auch irgendwie in Nicholas Ofczarek als Wendelin: ein total privat, verhältnislos verrückt und teufelsgläubig Gewordener, ein aggressiver Dalk, ein Schmierant auf Schicksalsanmachtour, ein Hirnrissiger, der in Saus und Aufbraus lebt. Nestroys Posse heilt den Wendelin und klärt ihn auf. Ofczarek bleibt starr- und teufelssinnig bis zum Schluß. Er benötigte nicht einen Regisseur, sondern den Theaterpsychiater.

Ein Oberflächenbluffer, der einer Komödie die Kehle stopft

Selbst die Liebe seiner kecken Rosalie, die Caroline Peters herbreizend hinschmatzt, kann ihm nicht helfen. Er hängt wie alle anderen in der Luft eines ungefähren muffig patzigen Lebensgefühls: mehr postpubertär als postrevolutionär. Nur daß Ofczarek etwas depressiver drinhängt; die anderen aufgekratzter. Bis auf Martin Schwab als alter Schuster Pfrim: ein Empörer auch er, aber die Empörungshaut übern weichen Leisten gespannt, weniger scharf verschrobener Kneipenphilosoph, mehr pensionierter Oberlebensstudienrat. Lauter Trübsinnsspezialisten im Grunde, die nun einmal zeigen wollen, daß sie auch ein Lachen machen können - aber halt ein steckengebliebenes Lachen. Kušej, der Tiefsinns- und Untergrundspediteur, der Tragödien sonst immer gern in vereisten Tiefgaragen und rattenverseuchten Kanalisationsröhren transportiert, aber mehr als eine sauerbrave Weh-und-ach-Stapelei nie hinkriegt, wird hier zum Oberflächenbluffer, der einer Komödie die Kehle stopft.

Nun ist ja das Gelächter, das einem in der Kehle steckenbleibt, das Gelächter der Unfreien, aber verschmockt Besserwissenden, der Kleinbürger, aber großhirnig Verklemmten, der Spießer, aber spaßverderbenden Saurauslasser: Sie trauen weder sich eine Welt noch einem Stück eine Weltdurchschauung zu. So ersticken sie ein Stück. Mit Sperrholzgelächter.

Text: F.A.Z., 25.07.2006, Nr. 170 / Seite 33
Bildmaterial: AP, REUTERS

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