Oper

Platz da!

Unverwüstlich: Placido Domingo

Unverwüstlich: Placido Domingo

10. August 2007 Des Menschen Stimme ist ein kostbar' Gut. Ein sagenumwobenes Organ, um das sich Vermutungen, Verdächtigungen, Redensarten ranken. Vor allem: Man kann sie nicht sehen. Gerade im visuellen Medienzeitalter mag das Stimmbesitzern manchmal zum Nachteil gereichen.

Fürs öffentliche Image der schönen Sängerin Anna Netrebko beispielsweise sowie für den Fortbestand ihrer Freundschaft mit der Salzburger Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler wäre es sicherlich nützlicher gewesen, wenn sie sich nicht zwischen dem 3. und 18. August (am 3. sang sie noch in Baden-Baden, am 18. wird sie, wie nun bekannt wurde, in Köln wieder singen) eine durchaus unsichtbare Laryngitis zugelegt, vielmehr mit einem dicken weißen Verband an Fuß, Arm oder Kopf ins Bett gelegt hätte. Die Pressebilder hätten die Fans zu Tränen gerührt.

Dumm, dümmer, Tenor

Was aber im Kopf eines Sängers, einer Sängerin vorgeht, ist ebenfalls nicht leicht auszumachen. Seit Carusos Zeiten kennen wir das hässliche Wort von dem Sänger, der nur deshalb so schön hoch singt, weil er ein Hohlkopf ist: „dumm, dümmer, Tenor“. Immer mussten die Tenöre stellvertretend für alle anderen Stimmfächer diesen Spott ertragen, weil sie es nämlich sind, die den Mythos vom hohen C repräsentieren und damit den sportiven Aspekt, der mit der Uhr messbar, sichtbar ist: Kommt er leicht hinauf? Wie lange hält er es oben aus?

Placido Domingo ist einer der wenigen, die ihren Auftritt in Salzburg in diesem Jahr nicht abgesagt haben. Er kommt immer noch locker hinauf. Aber er muss nicht. Er muss niemandem etwas beweisen. In den tanzbeschwingten, verführerischen Melodien der spanischen „Zarzuela“-Schlager, die er vorträgt, ist das hohe C nicht so gefragt. Dafür fein gemalte Charakterstudien, eingesprengte Trauersekunden, lüsterne Harmonieausweichungen und dazwischen kleines, erwartungsfrohes Kastagnetten-Gelächter. Es geht dabei natürlich um das Wichtigste im Leben: die Liebe.

Unser Platzido

Domingo eilt federnd aufs Podium, sät formvollendet Handküsse auf die bleichen Arme seiner schönen Partnerin Ana Maria Martinez mit der spitzen Stimme. Er selbst singt mit dem betörenden Schmelz eines jungen Mannes, die Phrasen subtil gestaltend mit der Weisheit eines alten, die Stimme sitzt allezeit perfekt im Fokus, sie ist glänzend und klug geführt. Offiziell ist Domingo sechsundsechzig Jahre alt, seit 1975 bei den Salzburger Festspielen, insgesamt neunundvierzig Auftritte hat er seither absolviert.

Das Publikum jubelt. Keine dieser modernen „Sternschnuppen am Starhimmel“, jubelt auch Frau Rabl-Stadler, die ihm im Anschluss an das Konzert eine goldene Ehrennadel verleiht. Im Gegenteil: „Unser Platzido“ sei ein „Fixstern“. Triumph des langsamen Reifens! Ja gewiss, Begabung und Technik sind nicht alles, zum Singen gehören auch noch Erfahrung, Haltung, Köpfchen, Seelenstärke. Die Präsidentin vergisst aber zu erwähnen, dass die Netrebko, die jetzt zur schnellen Schnuppe degradiert wird, ihre Kometenkarriere just in Salzburg begann und seither in nur drei Jahren dreißig Auftritte absolvierte.

Text: eeb / F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite 31
Bildmaterial: ddp

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