Musiktheater

Hisst die Hoffnungs-Segel!

Von Eleonore Büning

“Le Vin Herbe“: Finnur Bjarnason und Sinead Mulhern

"Le Vin Herbe": Finnur Bjarnason und Sinead Mulhern

03. September 2007 An Wagner kommen selbst bekennende Nicht-Wagnerianer nicht vorbei. Wenn das Schwert sich senkt von der Decke der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, um die Liebenden zu trennen, die da Hand in Hand eingeschlafen sind, dann spiegelt sich in diesem Bild noch ein ganz anderes keusches, deutsches Paar.

Siegfried und Brünnhilde sind nicht allzu weit entfernte Verwandte von Held Tristan und Königin Iseut: Hoffnungsträger und Opfer zugleich, unschuldsweiß ausgesetzt in einer Welt voller Schmutz, Verrat und Bosheit, wie Hänsel und Gretel verirrt im wilden Wald. Sogar König Marke, der die Schlafenden findet, versteht den Sinn der blanken Klinge zwischen den Körpern sehr genau: Sie mögen ihn betrügen und fliehen, sie mögen einander herzen und küssen, doch im Kern bleibt ihre Liebe rein, sind diese Kinder nur aus Versehen aus der Welt herausgefallen.

Eskapistische Züge

Willy Decker, der das seit Jahrzehnten nur allenfalls noch konzertant aufgeführte Stück „Le vin herbé“ (Uraufführung 1942 in Zürich) des Komponisten Frank Martin jetzt für die Ruhrtriennale neu inszeniert hat, vertritt im Programmbuch die Auffassung, es handele sich um das anachronistische Bekenntnis eines Unzeitgemäßen. Tatsächlich trägt das Werk eskapistische Züge. Mitten im Krieg eine altbekannte Liebesgeschichte erzählend, tief ins Mittelalter zurückschweifend, dabei lakonisch ausgespart in den ästhetischen Mitteln und für ein kammermusikalisches Ensemble konzipiert, scheint es auch dramaturgisch die Negation all dessen zu sein, was die diversen Gattungen des Musikdramas bis zu diesem Zeitpunkt an Farb- und Formherrlichkeiten ausgebildet hatten. Martin habe, schlußfolgert Decker, „einen musikalisch-theatralischen Laborversuch“ im Sinn gehabt, ein Experiment. Am Ende des Abends ist man schon wieder etwas klüger geworden. Denn in der Praxis hat gerade diese famose, im wahrsten Wortsinn vollendet gerundete deckersche Inszenierung den triumphalen Gegenbeweis für Deckers These geliefert: „Le vin herbé“ erscheint als ein herausragendes Chef d'OEuvre, keine Note zu wenig, kein Wort zu viel.

Keineswegs handelt es sich um einen fragmentarischen oder sonstwie gebrochenen „Fluchtversuch“ vor Wagner, allenfalls um den gezielten Gegenentwurf. Und man fragt sich, warum dieses Werk, das aus der französische Oratorientradition herrührt und in Linie und Farbe mehr mit Debussys „Pelléas“ als mit dem „Tristan“ zu tun hat, nicht längst schon die Bühnen eroberte. Statt der über alle Ufer schießenden, spätromantischen Harmonik: die kühne, knappe, lineare Kontrapunktik der Zwölftönigkeit, mit einigen Orientierungsinseln aus tonalen Dreiklängen sowie altertümelnd modalen Schlussklauseln. Statt des Breitwandregenbogens üppig beredter Orchesterklangfarben: das Schwarzweiß von nur sieben Streichern und einem Klavier. Statt der zwei großen, stimmensprengenden Sängerpartien bloß ein Chor aus sechs Männer- und sechs Frauenstimmen.

Das könnte jedem passieren

Der Chor spinnt in wechselnder Besetzung den narrativen Faden der Geschichte fort, wobei sich wie in einem Oratorium die jeweils handelnden Figuren von dem Hintergrund dieses „Es war einmal“-Kollektivs ablösen und solistisch hervortreten. Schließlich: Statt der spätbürgerlich-psychologisierenden, freudianisch grundierten Verquickung von Thanatos und Eros, von Todes- und Liebestrieb, kommt es bei Martin - und in der von ihm auszugsweise, aber wortwörtlich vertonten Vorlage, dem „Tristan“-Roman des französischen Mittelalterforschers Joseph Bédier - zu einem schlichten Wirken höherer Mächte, das freilich ebensogut ein Zufall sein könnte. Tristan und Iseut trinken den gewürzten Wein, der den Liebeszauber auslöst, nicht mit bereits todessüchtigen Hintergedanken und subkutanem Schuldgefühl, sondern, weil der Krug gerade herumsteht und weil sie gerade durstig sind. Das könnte jedem passieren, jederzeit.

Wie von weit her, zugleich aus allernächster Nähe stellt der Chor seine Prolog-Frage ins Pechschwarze hinein: „Wollt ihr eine Geschichte hören von Liebe und Tod?“ Dann erst heben sich die großen, schwarzen Schicksalsflügel, die die Spielfläche verdeckt hatten. Ein kreisrunder, grauer Mühlstein schließt die zwanzig Musiker in der Mitte ein, er liegt in einer Art Talsohle zwischen den beiden steil ansteigenden Zuschauertribünen und birgt als multifunktionale Requisiten nur: ein Schwert, eine Krone, ein Boot. Der geschlossene Kreis ist Sinnbild des platonschen Gleichnisses von dem ursprünglich kugelförmigen Menschengeschlecht, welches vom eifersüchtigen Zeus entzweigeschnitten wurde, weshalb bis heute die beiden unvollständigen Hälften, Mann und Weib, auf ewiger Suche nacheinander sind. Auch mitten ins Orchester hat Bühnenbildner Wolfgang Gussmann also eine Kugel gestellt, die mit Runen aus Kreide bemalt wird, zum Trinkgefäß sich öffnet und zerschellt. Und auch der geschlossene Kreis der Spielfläche geht später aus den Fugen und zerbricht, wenn Tristan und Iseut sich trennen im zweiten Teil: Die Wirkung des Zaubertranks hat sich nach drei Jahren etwas abgeschwächt, wie das nun mal in den besten Ehen vorkommt.

Rührend jung und höchst beweglich

Schließlich fügt sich, wenn die beiden im Tod vereint sind, die Spielfläche wieder zusammen. Da liegen sie gemeinsam in dem Boot, mit dem Iseut eben noch dem glissandoheulenden Sturm getrotzt hatte, das ihnen nun zum Sarg geworden ist. Beide Hauptdarsteller sind rührend jung und höchst beweglich in ihrer Gestensprache, hinreißend aber vor allem in der vibratoarmen Linienführung des Gesanges: die irische Sopranistin Sinéad Mulhern, der isländische Tenor Finnur Bjarnason. Ein hohes Lob, das pauschal auch für die übrigen zehn Sänger gilt, sei es in ihren solistischen Passagen als Marke, Brangäne oder Isolde Weisshand, sei es in den enorm bewegten, tumultuösen Tuttipassagen.

Alle führen das Schwert, wiegen sich in Sturmeswellen, hissen vergeblich das weiße Hoffnungssegel der Notenblätter. Schließlich verlangt diese klare, strenge Partitur, die so zwingende musikalische Effekte zeitigt, von allen Beteiligten, auch von den oftmals colla parte begleitenden Streichern sowie dem Pianisten ein Höchstmaß an Präzision. Der Dirigent Friedemann Layer hat es den Musikern der Jungen Deutschen Philharmonie abgefordert. Das Ergebnis war brillant.

Text: F.A.Z., 04.09.2007, Nr. 205 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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