Bayreuth

Aber schön ist es doch

Von Elke Heidenreich

Bayreuth 2007: Szene aus “Der Ring des Nibelungen/Die Walküre“

Bayreuth 2007: Szene aus "Der Ring des Nibelungen/Die Walküre"

14. August 2007 Nein, es stimmt nicht, was neulich allen Ernstes auf einer ganzen Seite in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung stand (siehe: Bayreuther Festspiele - Man ist doch kein Idiot!). Bayreuth ist kein Ort von und für Roberto Blanco und den Gottschalk-Zirkus. Bei Premieren geht es doch fast immer nur ums Gesehenwerdenwollen, geschenkt. An allen anderen Tagen im Juli und August geht es auf dem Festspielhügel um die Musik von Richard Wagner, und das in einem der perfektesten Opernhäuser der Welt. Wer sich Kulturkritiker nennt, sollte sich dem nicht derart täppisch verweigern.

Man muss Wagner ja nicht einmal mögen, aber man kommt nicht drum herum, dass keiner die Musik so dauerhaft und gründlich, so revolutionär verändert hat wie diese säkulare Erscheinung - nicht umsonst hat Verdi dreizehn lange Jahre unter einer depressiven Komponierhemmung gelitten, nachdem er Wagners Musik gehört hatte. Was sollte danach noch kommen? Wagner war der erste Hollywood-Star, er brachte das Gesamtkunstwerk Ton-Bild-Sprache auf die Bühne. Dass seine verhängnisvolle Familie das alles viel zu hehr, heilig, oder, wie Cosima es nannte, „rasend erhaben“ verwaltete, dafür kann er, der Geldbürgertum und Premierenrummel abgrundtief hasste, so wenig wie für Winifreds Geturtel mit Onkel Adolf.

Der große pathetische Wurf

Der Meister war der Meister, aber die „Hohe Frau“ (Toscanini nannte sie nur „die Nase“) war nicht unbedingt die Meisterin, und der Erbhof heute mit dem grotesken Dynastiestreit ist geradezu absurd. Was bleibt, ist die Musik, der große pathetische Wurf, trotz aller inhaltlichen Fehler und Brüche von geradezu antiker Wucht. Was bleibt, sind die Inszenierungen, was bleibt, ist die unglaubliche Akustik dieses Hauses, was bleibt, ist die Frage, ob es so, wie es ist, bleiben soll.

Von einem guten Opernhaus muss man gute Akustik verlangen, das neugebaute La Fenice in Venedig hat eine fabelhafte Siemens-Anlage dafür, der Aaltobau in Essen ist ebenfalls ein Klangwunder. Was an Wagner so erstaunlich ist, ist dieses Wissen um akustische Geheimnisse in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, ohne jede Elektronik. Das Haus (Scheune genannt wegen einiger optischer Fachwerkelemente) ist viel eleganter und schöner, als man denkt, wenn auch der rumpelige Holzfußboden stört und klappert. Das Publikum ist größtenteils sachkundig, die Atmosphäre entspannt. Widersprüche bleiben: da versichern mir in Pausengesprächen Leute, sie kämen schon seit dreißig Jahren, andere haben zehn Jahre auf diese Karte gewartet, humpeln auf Krücken direkt nach einer Operation hin, nur um endlich dabei zu sein, und eine Nürnberger Hausfrau erklärt mir: „Wissen S', beim erstenmal hab' ich den Parsifal vom Schlingensief nicht gemocht, jetzt seh' ich ihn im vierten Jahr und versteh' ihn und mag ihn.“

Teure Erlaubnis für harte Sitze

Wie geht das zusammen? Mit den Karten wird ganz offensichtlich ein gigantischer Unfug getrieben, Herbert Rosendorfer erklärt in seinem köstlichen Buch „Bayreuth für Anfänger“, „dass man Karten nicht kaufen kann, man wird mit ihnen begnadet“. Schon der als Musikkritiker mehrfach angereiste George Bernard Shaw hat geflucht darüber, dass man sich zum Betreten eines so unkomfortablen Ortes mit derart harten Sitzen mühsam eine Art teure Erlaubnis erwirken müsse, dann aber, schreibt er, „spürt man sofort, dass man sich in dem vollkommensten Theater der Welt befindet, was Genussfähigkeit, Resonanz und konzentrierte Aufmerksamkeit betrifft. Eine innere Stimme sagt einem, dass man das Vorspiel zum erstenmal so hört, wie es sein muss.“

Ja, und man muss kein Wagner-Fan sein, um das zu spüren. Es spielen und dirigieren die Besten. Wagners Opern erzählen große, fabelhafte Märchen von Liebe, Schmerz, Macht, Gier und Weltuntergang, sind bevölkert mit Lindwürmern, Göttern, Walküren, da ist ordentlich etwas los. Die Inszenierungen sind so unterschiedlich wie überall auf der Welt. Im letzten Jahr schrieb ich an dieser Stelle über die Festspiele in Glyndebourne und trat damit eine wochenlange Debatte über „Regietheater“ los. Ich habe das Wort nie benutzt, weil es idiotisch ist: ohne Regie kein Theater. Aber man wird sich ausbitten dürfen, dass in der Oper, in der die Musik vorrangig die Geschichten zu erzählen hat, die Regie nicht die Musik beschädigt.

Sollen sie buhen

Die Qualität ist unterschiedlich, aber die Musik wird nicht beschädigt, sie strahlt und ist präsent, sehen wir von einigen Knödelsängern, die das auch schon jahrelang machen und sich kaum noch anstrengen, mal ab. Sie werden übrigens durchaus ausgebuht. Schlingensiefs „Parsifal“ ist ein großer Kindergeburtstag mit Osterhase, Weihnachtskrippe, Discokugel, römisch-griechischem Plattenbau, mit spanischer Ferienanlage und KZ-Andeutung, mit Projektionen, Schriften, Doppelgängern, wirren und guten Einfällen und allem, was konservativen Wagnerianern gar nicht gefallen kann. Aber die tragen ja auch bei mehr als dreißig Grad ihre Lodenjankerl und Nerzjäckchen, wozu also die Mühe. Sollen sie buhen, irgendwann hat sich's ausgebuht, und das Leben geht ohne sie weiter, die nächste Generation wächst viel offener heran und weiß, dass unser Leben genauso unerträglich überladen ist wie Schlingensiefs Bühne und dass die Suche nach Gral und Sinn immer schwerer wird.

Bei Philippe Arlauds „Tannhäuser“ kann man eine konventionelle Inszenierung sehen, die den Fördervereinen gut gefällt, aber das ist dann schon wie von Rosamunde Pilcher (grüne Wiese, Blümelein), und man macht am besten die Augen zu. Der sehr große junge Mann neben mir fragt höflich nach hinten: „Können Sie überhaupt sehen?“ und bekommt zur Antwort: „Das muss ich nicht sehen, ich will bloß hören.“

Deutsche Gastlichkeit

Es ist ein fast normaler Opernbetrieb in einem wunderschönen Opernhaus, und nur der Zirkus drum herum macht Nüchternheit schwer. In der Pause ergeht man sich im Park, nicht ganz so schön wie in Glyndebourne, und man meidet besser das angeklatschte Restaurant, das übrigens nach der letzten Pause sofort dichtmacht - man hat keine andere Wahl, als sich mit allen Autos in stundenlangem Stau zu Tal zu bewegen und würde so gern lieber vor Ort noch warten und ein letztes Glas in Ruhe trinken, wie in Glyndebourne - nein, deutsche Gastlichkeit schlägt hier besonders bösartig zu. Besser riskiert man ein Picknick auf dem heiligen Rasen, und ich liege einfach in der Wiese und lausche den Pausengesprächen auf den Bänken um mich herum.

„Mir gefällt's gar nicht. Aber schön ist es doch.“ „Der Gurnemanz, was will der eigentlich?“ „Ist mir wurscht.“ „Warum ist jetzt dieser Parsifal zu diesem Dings, diesem Gral da, derart lange rumgeirrt?“ „Weil er ein Tor ist.“ „Ach so.“

Kaufanreiz für Kompressionsstrümpfe

Also, ganz normale Menschen mit ganz normalen Fragen, da ist nichts hehr und heilig, und die Frau aus Nürnberg erzählt mir, wie früher ganze Busse mit Familienmitgliedern der Angestellten hingekarrt wurden, damit es überhaupt voll wurde. Vielleicht hat das Prominentenblitzlichtgewitter erst durchs Fernsehen angefangen, und vielleicht schickt man solchen Leuten einfach mal keine Karten mehr zu Premieren, sondern sie warten lange darauf und kaufen sich selber welche, werden dann allerdings nicht fotografiert . . . das würde schon sehr helfen, das idiotische Bayreuth-Image, auf das der Fernkritiker der F.A.S. ja auch hereingefallen ist, endlich abzuschaffen, wenigstens zu reduzieren. Da wird gute Musik gemacht, nicht weniger, aber auch nicht viel mehr. Und weil man sechs Stunden sitzt, gibt es im Bayreuther Festspielangebot nicht nur Wagner-Pralinen, Festspielzigarren, nein, auch Vorträge zum Thromboserisiko und Kaufanreiz für Kompressionsstrümpfe.

Jeden Vormittag gibt an den Spieltagen ein Herr Stefan Mickisch am Flügel Einführungsvorträge zum Stück am Abend. Es sind, sagte man mir, die „Festspiele für Kartenlose“, die kommen in Scharen jeden Tag, und sie werden nicht enttäuscht. Da sitzt einer, der sich auskennt, und er haut in die Tasten und erzählt beim Thema Erotik (Tristan und Isolde!) sogar von Reich-Ranicki und Sigrid Löffler, das muss man gehört haben! Er erklärt die einfachsten Dinge. Tannhäuser, sagt er, der heißt so, weil er im Tann haust, im Wald, nicht wahr, „des is ja eigentlich der Heinrich von Ofterdingen, ein Minnesänger“. Und er erklärt den Unterschied zwischen der erotisch aufgeladenen Pariser und der gereinigten Dresdner Fassung, die wir am Abend hören werden. Keine Kritik in keiner Zeitung bringt den Menschen, die interessiert sind, aber nicht alles in ihrem Leben lernen durften und konnten, komplizierte Zusammenhänge so einfach nahe.

Dann trink' ich jetzt noch was

Wer nach Mickischs Vortrag in einer Wagner-Oper sitzt, erkennt jedes Motiv, begreift Zusammenhänge, kann den ersten vom zweiten Pilgerchor unterscheiden und lernt noch so manches nebenbei: dass G-Dur die Tonart der Unschuld ist, B-Dur die Glaubenstonart, As-Dur steht für Liebesträume, C-Dur fürs Klare und Es-Dur wird feierlichen Urmythen zugeordnet, und Herr Mickisch prescht von Wagner zu Brahms, Bach, Haydn, Bruckner, um das alles zu beweisen, und es macht Spaß. Da ist mir die Kultur näher als bei dem Intellektuellen mit hochgezogenen Augenbrauen, der mich geistesverwandt wähnt und mir verschwörerisch zuraunt: „Was hier auf der Bühne passiert, ist ganz, ganz groß. Das ist absolut beachtlich.“ Ja doch. Er meinte Parsifal. Aber in der Pause höre ich: „Dass der da mit der Wunde so lange rumlaufen kann, furchtbar.“ „Wenn ich Parsifal gewesen wäre, ich hätte auch nicht verstanden, was ich da soll.“ „Was will der Schlingensief denn nun sagen?“ „Das ist alles zwischen Schuld und Sühne.“ „Ach so.“ „Aber die Musik ist schön.“ „Ja, die Musik ist schön.“ Oder, beim „Tannhäuser“: „Ich freu' mich schon so auf den Abendstern.“ „Da musst du aber noch lange warten.“ „Dann trink' ich jetzt noch was.“

Na bitte. Das Volk fühlt anders, es ist nicht sechs Stunden ununterbrochen ergriffen, es isst in den Pausen auch schon einmal eine Wurst und grübelt. Schlingensief könnte darüber lachen, der hochgezogene Intellektuelle bestimmt nicht. Ach, die Menschen sind schon sehr verschieden, und die Festspiele auch. Aber wie warnt Kothner in den Meistersingern: „Der Kunst droht allweil Fall und Schmach / läuft sie der Gunst des Volkes nach.“ Man muss nicht alles mögen, man muss nicht mal alles verstehen, mir fiel Jacques Lacan ein, der gesagt hat: „Es ist zu lehren, wie man nicht versteht.“ Offene Stellen zulassen, Geheimnisse einfach hinnehmen, Blaubarts siebtes Zimmer verschlossen lassen. Die Kunst ist und bleibt ein Rätsel und ein Wunder, aber ein lebensnotwendiges Wunder. Sie rettet uns, wenn alles unerträglich wird.

Sogar in Bayreuth.

Text: F.A.Z., 14.08.2007, Nr. 187 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Bayreuther Festspiele/Jochen Quast dpa/lby, Bayreuther Festspiele/Jörg Schulze dpa/lby, ddp, dpa

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