Im Gespräch: Anna Netrebko

„Es war vor allem ein Kampf“

Netrebko und ihr Ehemann, der Bariton Erwin Schrott, im sängerischen Disput

Netrebko und ihr Ehemann, der Bariton Erwin Schrott, im sängerischen Disput

10. August 2009 Anna Netrebko hat es eilig, wie alle berufstätigen Mütter. Rennt auf schwindelhohen Absätzen voraus durchs Foyer des „Brenner's Park“ in Baden-Baden und sucht eine ruhige Ecke. Im wahren Leben ist sie noch viel hübscher, noch bunter und zierlicher als auf der Bühne. Tags zuvor hatte sie im Baden-Badener Festspielhaus zum ersten Mal die „Yolanthe“ gesungen, eine dramatische Charakterpartie aus einer hierzulande völlig unbekannten, späten Tschaikowsky-Oper. Solche dunkel melierten Töne sind wir von der Netrebko sonst nicht gewöhnt. Und auch das ist neu: Nächste Woche wird sie erstmals ein Klavierlied-Recital geben, am 12. August im Mannheimer Rosengarten, begleitet von Elena Bashkirova. Wiederholt am 17. August in Salzburg, diesmal begleitet von Bashkirovas Ehemann Barenboim. Kein Wunder, dass man in der Branche mutmaßt, die teuerste Opernstimme der Gegenwart sei gerade mitten in der Mauser, Belcanto-Anna wechsle ins dramatische Fach.

Frau Netrebko, haben Sie heute schon Ihre „Yolanthe“-Kritiken gelesen?

Netrebko: Ich verstehe leider nicht gut genug Deutsch. Aber man hat mir erzählt, die Kritiken seien alle sehr gut . . .

In einer Zeitung stand, man vermisse die Ironie in der Inszenierung. Gibt es in diesem romantischen Nachtstück von Peter Tschaikowsky überhaupt so etwas wie Ironie?

Netrebko: O nein! Ich glaube, „Yolanthe“ ist nicht im geringsten ironisch gemeint. Tatsächlich ist das eine sehr traurige Geschichte. Sie handelt von einem Mädchen, das blind ist, aber nicht weiß, dass es blind ist . . .

. . . und wieder sehen lernt, als es sich verliebt. Das funktioniert in der Oper genau umgekehrt wie im wahren Leben, da macht Liebe ja bekanntlich blind. Phantastisch ist das Duett, in dem Yolanthe mit ihrem Lover das Licht besingt. Es handelt sich um reine Lyrik. Eine Elegie, kein virtuoser Belcanto. Passt überhaupt nicht in Ihr Fach!

Netrebko: Stimmt. Aber sehen Sie, das ist nun mal ein Tschaikowsky. Eine völlig andere Partitur als bei Verdi, anders orchestriert, und ich singe auch noch auf Russisch. Doch würde ich nicht sagen, dass das nicht mein Fach ist. Ich bin einfach gerade dabei, mein Repertoire um ein paar neue Stücke zu erweitern. Es sind auch schwere Partien dabei, zum Beispiel will ich die „Anna Bolena“ von Donizetti studieren und die „Marguerite“ von Gounod, und vielleicht werde ich bald auch Verdis „Trovatore“ singen. Aber daneben natürlich weiter auch das, was ich auch vorher schon gesungen habe: Lucia, Violetta . . . Einen Fachwechsel kann man das also, glaube ich, nicht nennen. „Yolanthe“ hier zu singen war ein großes Risiko für mich. Die Oper ist unbekannt in Deutschland, in Russland dagegen ungeheuer populär, da kennt das jedes Kind, vor allem die tolle Bariton-Arie (lacht). Wenn ich so ein Stück hier zum ersten Mal vorstelle und keine Ahnung habe, wie es ankommt, dann bin ich verpflichtet dazu, es so perfekt wie möglich zu tun.

Die Leute kommen ins Festspielhaus, um Ihre Anna zu hören, und sie verlassen es und wissen mehr über Tschaikowsky. Das ist doch prima! Auch die Bartoli macht das so, dass sie ihre Popularität in den Dienst unbekannter Stücke stellt. Haben Sie noch mehr in der Richtung vor?

Netrebko: Ich finde es großartig, unbekannte Musik bekanntzumachen. Aber ich habe mir das nicht prinzipiell zum Ziel gesetzt. Ich singe, was ich gerne singen möchte. Und wenn ich eine Gelegenheit habe, mit Valery Gergiew zu arbeiten, dann schnappe ich sie mir. Dass ich die „Yolanthe“ singen soll, war eigentlich sein Vorschlag, um die Wahrheit zu sagen. Ich musste die Rolle in wenigen Tagen lernen, wir hatten nur fünf Tage Probe zusammen. Gergiew hat mir enorm dabei geholfen.

Wie kamen Sie klar mit der Inszenierung?

Netrebko: Ich mag moderne Produktionen, weil sie interessanter sind. Unglücklicherweise redet man heute über nichts anderes als das „Regietheater“, und darunter verstehe ich, dass ein Regisseur alles killt, was ihm nicht passt an dem Stück, inklusive der Musik. Diese „Yolanthe“-Produktion hier ist anders, sie ist modern, alles andere als altmodisch, sie funktioniert sehr gut. Was ich gar nicht mag, ist, wenn die Regisseure das Stück realistisch, minimalistisch und grau machen. Das wirkliche Leben ist doch schon hässlich genug! Die Leute müssen viel Geld dafür bezahlen, ins Theater zu gehen, da wollen sie doch etwas anderes sehen als ihr eigenes graues Leben. Selbst wenn das Stück traurig ist, finde ich es absolut unnötig, dass der Vorhang aufgeht, und wir sehen das gleiche Neonlicht wie im Büro. Ich frage Sie: Was soll das? Theater ist Theater! Es muss uns etwas anderes zeigen als die Wirklichkeit. Andererseits habe ich noch nie Probleme gehabt mit verrückten Regisseuren, für die ich etwas Verrücktes tun muss. Bei Willy Deckers „Traviata“ in Salzburg zum Beispiel habe ich kopfüber im Liegen auf dem Sofa gesungen. Decker ist einer von den Regisseuren, denen man auf Anhieb vertrauen kann. Er hat das ganze Konzept im Kopf, und sein Konzept hat Sinn.

Sie werden Decker zuliebe auch in diesem Jahr bei der Ruhrtriennale auftreten. Aber Sie haben Ihren nächsten Auftritt als „Traviata“ an der Met in New York gecancelt. Warum?

Netrebko: Ein Grund ist, dass ich mich nicht mehr wiederholen möchte. Das gilt ganz besonders für diese Salzburger „Traviata“-Produktion, die so erfolgreich war, dass jeder sie schon mal gesehen hat, alle kennen mich so. Ich liebe dieses Stück sehr, ich liebe diese Inszenierung, ich kann das alles im Schlaf. Aber ich möchte nicht erleben, dass sich Routine einschleicht. Ich will nicht eines Tages ein oder zwei Grad schlechter sein in dieser Rolle, vielleicht sogar, ohne es selbst zu merken. Und ich glaube einfach nicht daran, dass ich es in genau dieser Produktion noch einmal so gut hinkriege wie vor fünf Jahren. Dann lieber etwas ganz anderes, eine neue Herausforderung . . .

Sie müssten es diesmal an der Met auch ohne Ihren vertrauten Partner Villazón singen.

Netrebko: Ihm ginge es mit der Routine sicher genauso wie mir.

Glauben Sie, dass Rolando Villazón seine Stimmkrise in den Griff kriegen kann? Wird er je wieder mit Ihnen singen?

Netrebko: Auf jeden Fall, er wird auf die Bühne zurückkehren. Davon bin ich überzeugt. Es ist eine Sache des Willens. Er wird eines Tages wieder singen, und zwar dann, wenn er wieder singen will.

Auch Ihre Stimme hat sich verwandelt in den letzten Jahren, zum Guten: Sie hat mehr Tiefe und mehr Farben dazugewonnen. Das liegt sicher auch an Ihrem Baby. Hat Ihr Sohn Ihr Sängerleben verändert?

Netrebko: O ja! Seit ich das Kind habe, möchte ich definitiv die Hälfte meiner Verpflichtungen aufkündigen. Ich habe jetzt eine Familie. Ich bin sehr glücklich damit. Tiago ist ein süßes Baby, er ist immer gut gelaunt. Aber wir kriegen Erwin oft für lange Zeit nicht zu sehen . . .

Erwin Schrott, Ihr Partner, singt gerade den Don Giovanni in Wien . . .

Netrebko: Ja, er hat seine Karriere, er hat viel zu tun. Aber ich habe auch meine Karriere und habe auch viel zu tun. Da denke ich mir oft, warum müssen wir so leben? Ständig getrennt voneinander? Das Leben ist viel zu kurz, Singen ist nicht alles. Auf keinen Fall will ich Tiago an eine Nanny abgeben, aber wenn es so weit ist, dass er in die Schule gehen soll, muss ich eine Lösung für das Problem gefunden haben.

Ihr Lied-Recital in Mannheim und Salzburg ist eine Überraschung.

Netrebko: Stimmt, das ist neu. Liedersingen ist viel schwerer als Opernsingen. Ich habe auch schon früher Lied-Recitals gegeben, aber eher selten. Zum Beispiel kann ich ein tolles Programm mit Strauss-Liedern singen. Jetzt werde ich zum ersten Mal Lieder von Rimski-Korsakow und Tschaikowsky machen. Die Idee dazu hatte Daniel Barenboim. Diese russischen Lieder sind wunderschön, zwei davon habe ich schon für das „Souvenir“-Album gesungen, die anderen sind alle total neu. Es ist viel Arbeit. Gleich um fünf habe ich das erste Coaching.

Würden Sie auch Schubert-Lieder oder Schumann-Lieder singen, wenn Barenboim Sie darum bäte? Bei Villazón war er erfolgreich damit . . .

Netrebko: Ich glaube nicht. Das ist nichts für mich und meine Stimme. Ich liebe diese Lieder, aber ich höre lieber zu.

Vor ein paar Jahren haben Sie noch gesagt, Sie würden niemals Wagner singen. Aber jetzt liebäugeln Sie mit der Partie der Elsa, stimmt das?

Netrebko: Wagner braucht auch nicht mehr Kraft als Tschaikowsky, das können Sie mir glauben (lacht)! Ja, es stimmt, ich würde liebend gern mal die Elsa singen, aber ich habe die Partie noch nicht gelernt, es gibt auch noch keine konkreten Pläne. Vielleicht singe ich sie eines Tages. Vielleicht wird es nie dazu kommen.

Und warum singen Sie nicht mehr modernes Repertoire?

Netrebko: Was zum Beispiel?

Zum Beispiel „Lulu“ von Alban Berg.

Netrebko: Die „Lulu“ hat mein Manager mir verboten (lacht)! Im Ernst, ich wollte das sehr gerne singen. Es gibt auch zwei Männer, die mich dazu unbedingt überreden wollen: Willy Decker und Daniel Barenboim. Aber erstens mag ich nicht die Fassung mit dem dritten Akt, die will Barenboim unbedingt machen. Zweitens hat mir mein Manager, der mich berät, in diesem Fall davon abgeraten. Die Lulu ist sehr schwierig zu singen, außerordentlich hoch. Zu hoch für mich . . .

Sie singen doch auch sonst hohe Partien.

Netrebko: Ja, aber Lulu liegt für mich definitiv zu hoch. Ich muss vorsichtig sein. Sehen Sie, meine Stimme wird eher tiefer, mein Repertoire ist sowieso heute schon viel zu weit gefasst. Wenn Sie sich umschauen, werden Sie nicht viele Soprane finden, die gleichzeitig die Susanna im „Figaro“ singen und die Lucia. Ich darf es nicht erzwingen.

Sie sind Opernsängerin, aber so umschwärmt wie ein Popstar. Netrebko ist ein Markenzeichen geworden, eine Ware. Wie kommen Sie damit klar, dass man Sie für etwas anderes nimmt, als Sie sind?

Netrebko: Ich schließe meine Ohren, damit ich nicht höre, was ich nicht hören will. Ich schließe meine Augen, damit ich nicht lesen muss, was ich nicht lesen will (lacht). Sie sehen, das ist eigentlich ganz einfach.

Soll Ihr Sohn eines Tages Sänger werden?

Netrebko: Auf keinen Fall. Er soll glücklich werden.

Aber Sie selbst sind doch glücklich als Sängerin, oder sieht das etwa nur so aus?

Netrebko: Ja. Ich bin glücklich. Aber wenn ich zurückblicke auf meine Karriere, wenn ich mal so sprechen darf, dann war es doch vor allem ein Kampf. Der Sängerberuf kostet so viel Energie, wir müssen uns enorm disziplinieren. Und auf vieles verzichten. Eigentlich ist Singen vor allem wahnsinnig viel Arbeit.

Das Gespräch führte Eleonore Büning.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Andrea Kremper, AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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