Von Edo Reents
12. Mai 2008 Es ist nicht paradox, sondern nur das Pech der Frühreifen, dass sie, in Ausübung ihres Berufs, bestimmte Erfahrungen entweder verspätet nachholen oder nie machen. Zusätzlich haben sie oft Mühe, das früh unter Beweis gestellte Niveau zu halten oder zu überbieten. Dinge wie Sterilität, Stillstand oder Ausgebranntsein drohen jedem Künstler. Man könnte meinen, dass dies in der Popmusik weniger der Fall ist. Aber diese Probleme stellen sich gerade hier. Michael Jackson musste in einem Alter über Dinge singen, von denen er noch keine Ahnung haben konnte.
Unter den Weißen ist Steve Winwood der bekannteste, aber nicht annähernd so prekäre Fall, der es in fast jeder Hinsicht besser hatte als Jackson: Er war früher selbständig, er war vielseitiger, und er wusste sich rocktypischen Imagezwängen, die sich zuweilen so ruinös auswirken, zu entziehen. Zwar brachten ihn gesundheitliche Krisen mehrmals in die Nähe des Todes, aber das hatte nichts mit seinem Lebenswandel zu tun.
Ein Wunderkind
Ungewöhnlich genug war es jedenfalls, dass, während die Rabauken in London auf den Putz hauten, sich im Frühjahr 1967 ein noch nicht Neunzehnjähriger nach ersten, freilich sehr durchschlagenden Gruppenerfahrungen mit der Spencer Davis Group aufs Land zurückzog, um hier sein erstes eigenes Projekt vom Stapel zu lassen. Das waren Traffic, die sogleich mit einem psychedelisch gut abgehangenen Optimismus von sich reden machten. Das Dumme war nur, dass Winwood, der seine Stücke meistens zusammen mit dem Schlagzeuger Jim Capaldi und dem Saxophonisten/Flötisten Chris Wood schrieb, sich nicht richtig durchsetzen konnte; denn der Gitarrist Dave Mason glänzte durchaus auch als Hitlieferant, wenn er auch ein unsicherer Kantonist war, der schon nach der ersten, grandiosen Platte Mr. Fantasy (1967) aus- und dann mehrmals wieder einstieg. So standen ausgetüftelt-phantasievolle Lieder wie Coloured Rain oder Dear Mr. Fantasy der Soulhymne Feelin' Alright gegenüber.
Diesem ersten Traffic-Kapitel war etwas vorausgegangen, was in der ganzen an Popmusik interessierten Welt als Sensation empfunden wurde und sich in einer Frage bündeln lässt, die man sich zumindest in England sicherlich hundertmal gestellt hat, die aber nirgends überliefert ist: Wozu brauchen wir hier Ray Charles, wenn wir doch Steve Winwood haben? Wenn man sich die Aufnahmen der Spencer Davis Group anhört, weiß man, warum: Keiner wäre jemals auf die Idee gekommen, dass bei dieser durch und durch schneidend-schwarzen, unglaublich tiefkehligen Intonation auch nur irgendetwas an Feeling und Echtheit gefehlt hätte - das machte der blinde Amerikaner auch nicht besser. Zwar hatten sich auch Leute wie Mick Jagger und Van Morrison der Rhythm & Blues-Welle rückhaltlos ergeben. Aber Winwood hat sich danach von allen am meisten weiterentwickelt, sowohl im Repertoire als auch in der Beherrschung der Instrumente, was ihn vollends zum Wunderkind machte.
Eine absolute Promiband
Natürlich gab es eine Zeit, in der selbst er zu jung war, als dass er Blues-Standards wie Dimples oder Crossroads, die eigentlich nur für Erwachsene gedacht waren, selber hätte fabrizieren können; deswegen sang er sie absolut gefühlsecht einfach nach, wie eben zunächst auch die von Jackie Edwards geschriebenen Blockbuster Keep on Running und Somebody Help Me; da war er, höchstens, siebzehn. Um der restlichen, ihm hoffnungslos unterlegenen und wohl von Anfang an auch zu engen Spencer Davis Group zu zeigen, was eine Harke ist, krähte er dann achtzehnjährig noch die Eigenkompositionen Gimme Some Lovin' und I'm a Man hinterher und verschwand dann, um Traffic aus der Taufe zu heben.
Das vorläufige Ende dieser so stilprägenden, im Verborgenen wirkenden Band fiel zusammen mit der Bruchlandung von Cream. Winwood ließ sich dazu überreden, mit Eric Clapton und Ginger Baker gemeinsame Sache zu machen. So entstand, unter Hinzuziehung des Bassisten Rick Grech, Blind Faith, eine absolute Promiband. Winwood sang, unverändert soulful, das ganze und komponierte das halbe Material, aus dem Sea Of Joy als einer der besten Rocksongs des Jahres 1969 herausstach. Er ist für Winwood schon deshalb so bemerkenswert, weil die Gitarre, die er natürlich auch beherrscht, in seiner Musik sonst kaum eine Rolle spielt; aber hier hatte er ja Freund und Gott Clapton an seiner Seite.
Die wichtigste britische Band jener Zeit
Doch Blind Faith spielten ihren Kammermusik-Rock nur einen Sommer lang, und Winwood hätte sich nun endgültig selbständig gemacht, wenn nicht das Zusammenspiel mit den für die Soloplatte sporadisch hinzugezogenen alten Kumpeln Capaldi und Wood so vortrefflich geklappt hätte, dass dabei die vierte und nach Meinung vieler Kritiker beste Traffic-Platte herausgekommen wäre: John Barleycorn Must Die, das Titelstück eine mittelalterliche Volksweise, aus der Winwood ein zart-delikates Stück Folk machte. Dieses wegweisende Album, das nur sechs Lieder enthielt, vermittelte den bis dahin besten Überblick über Winwoods imponierendes, von keinem anderen Popmusiker beherrschtes Terrain: Soul natürlich, Rock, Blues, Folk und vor allem Jazz, der sich hier aus Winwoods Birminghamer Tanzkapellenvergangenheit unter seinem Vater (mit neun fing er damit an!) wieder eingeschlichen hatte und dann auch blieb - bis zum zweiten Ende von Traffic, das angesichts so vorzüglicher Platten wie The Low Spark Of High-Heeled Boys (1971) und Shoot Out At The Fantasy Factory (1973) überaus schmerzlich ausfiel.
Die melodiöse Schwingenbreite der oft überlangen, aber immer voller Überraschungen steckenden und von Winwood mit einer nicht mehr steigerungsfähigen Sensibilität vorgetragenen Lieder war so gewaltig, dass Traffic, was das kompositorische Vermögen betrifft, vermutlich die wichtigste britische Band jener Zeit waren, den ideenlos vor sich hin kraftmeiernden Jazzrock-Gruppen nach Art von Blood, Sweat & Tears haushoch überlegen. When The Eagle Flies hieß, mit den superb-feinsinnigen Stücken Dream Gerrard und Walking In The Wind, 1974 der Abgesang.
Heute erscheint er seltsam konserviert
Verglichen mit all diesen Leistungen eines in der Tat Frühvollendeten, fällt die makellose, zuweilen aber etwas zu glatt daherkommende Synthesizermusik, mit der uns Winwood seit 1977 ganz auf eigene Faust beschallt, weniger ins Gewicht. Zwar enthält insbesondere Arc Of A Diver melodiöse Glanzstücke; zwar fielen die Wiederbelebungen des Soul (Back In The High Life) und des Rhythm&Blues (Roll With It) geschmackvoller aus als das meiste andere aus den achtziger Jahren - Winwoods Einzigartigkeit aber, die in der Verbindung von Einfallsreichtum und Intensität liegt, war lange vor der Zeit dahin, obwohl man seine Hammondorgel aus dem übrigen Radioprogramm nach wie vor sofort heraushört.
Seltsam konserviert steht uns dieser außergewöhnliche Musiker heute, nach so vielen Jahren, vor Augen, eine immer noch schmal-blasse, aber nicht krampfhaft auf jugendlich getrimmte Erscheinung. Nine Lives heißt seine neue Platte, ein überraschendes und dem Vernehmen nach einmaliges Gastspiel bei Columbia Records, mit dem Winwood in neun Liedern auf fast schon zu verschwenderische Art beweist, dass ihm zum Musizieren fast jeder Stil recht ist. Am Montag wird Steve Winwood sechzig - ein absolutes Pfingstwunder.
Steve Winwood, Nine Lives. Columbia 22250 (Sony/BMG)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
Wissensplattform Knol: Hat Google den Wikipedia-![]()
Martin Walser betätigt sich als Finanzjongleur
Nach dem Spruch des Kartellamts: Was sind die Fernsehrechte noch wert?
Experten rätseln über die Pannen in einem französischen Kernkraftwerk
