Von Gerhard Stadelmaier
17. Juli 2008 Und wenn er hundert würde und zu seinen vielen Gebrechen noch ein paar dazu erwürbe, wobei der bekannte Lesenarr und bekennende Hypochonder jetzt schon, wie er gern öffentlich zugibt, in allen seinen Sakko- und Hosentaschen stets genauso viele Medikamente wie Bücher“ mit sich führt – es ist ganz und gar unvorstellbar, dass Luc Bondy altert.
Denn dieser Regisseur, der Anfang der siebziger Jahre, nachdem er in Paris bei Jacques Lecoq ein bisschen in die Theaterschule gegangen war und eine Regieassistentenstelle am Hamburger Thalia Theater hinter sich gebracht hatte, die deutsche Szene nun nicht betrat, sondern sie gleich überflog im Stil eines Luftgeists, eines wunderkindlichen Ariel, wird ewig und drei Theatertage als Regiejüngling durchgehen – auch wenn er letzthin, als er in Paris La seconde surprise de l’amour“ von Marivaux inszenierte, bemerkte, er könne fast schon der grand-père“ der jungen Schauspieler sein, mit denen er da arbeitete. Dabei ist er, Großvater hin, Enkel her, immer gleichsam der erste verrückte Liebhaber seiner Akteure, sind seine Inszenierungen immer auch Liebesüberwältigungen – am schönsten dann, wenn die Liebe spielend zurückgegeben wird.
Zeilen, die auf der Bühne zu Menschheiten wurden
Luc Bondy, geboren in Zürich, aufgewachsen in Frankreich, groß geworden in Deutschland, Enkel des Prager Feuilletonisten N. O. Scarpi, Sohn des Essayisten, Journalisten, Kritikers, Zeitschriftenherausgebers und Literaten François Bondy, in dessen Pariser Salon die literarischen Größen der alteuropäischen Nachkriegsmoderne von Gombrowicz über Magris und Pavese bis Ionesco verkehrten, fühlte sich sehr früh als Schmetterling, an dessen Flügeln die Wunderschwergewichte familiärer und kultureller Sphärentradition hingen. Also musste er, wenn er nicht auch nur wieder Zeilen schreiben wollte, auf die sofort die Schatten der Vorväter fallen würden, zwischen den Zeilen von anderen flatternd und suchend und witternd und glühend schweben – Zeilen, die nicht auf dem Papier zu Schönheiten, sondern auf der Bühne zu Menschheiten wurden. So kam Luc Bondy zum Theater.
Und behielt das Schwebende, Flatternde, Leuchtende, zwischenzeilig Schwerelose bei. Schon seine ersten unzeitgemäßen Inszenierungen fielen in eine Zeitstimmung, die Bondys Regie-Zeitgenossen, die Peymann, Stein, Neuenfels et al., mit ihrer brennenden Sorge aufheizten, sie könnten der Gesellschaft, dem Klassenkampf, der Revolution, der Realität überhaupt nicht gerecht werden: Wir wollen gute Kommunisten sein!“, antwortete damals der Schaubühnenchef Peter Stein schon leicht verzweifelt auf eine Anfrage der Schauspielerin Angela Winkler. Wobei sie der Gesellschaft, dem Klassenkampf, der Revolution und dem Kapitalismus ihre theoretisch überbauten szenischen Angestrengtheiten entgegenstreckten wie Hostien aus heiligrotem Papier.
Der Blick ins Zwischenreich
Luc Bondy hatte von Anfang an den anderen Blick: Er starrte nicht nach draußen, er guckte nach drinnen, ins Zwischenreich, das die Seelen und Hirne von den Leibern, vor allem den Unterleibern trennte, und auf die Wege und Umwege, auf denen die einen zu den anderen sich verirrten in Sehnsüchten und Unerfülltheiten, Begierden und Traurigkeiten. Fiebernd und flirrend. Umkreist und umgaukelt und umkost von einem Schmetterlingsregiegeist, der sich in diesen Spielen, die man nur mit der Liebe treibt, wenn sie Herzen zerreißt, herumtreibt wie ein verführerischer Vagabund. Wobei er bald von Paris über Brüssel (Oper), Hamburg, Frankfurt, Lausanne und London bis hin nach Wien und Berlin Europa zu seiner Spielwiese machte: Französische Stücke inszeniert er am liebsten auf Deutsch, deutsche auf Französisch. Er gehört neben Stein, Zadek und dem verstorbenen Klaus Michael Grüber zu den großen deutschen Internationalen der Szene.
Als er 1977 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Ibsens Gespenster“ inszenierte, wäre es das Zeitgemäßeste gewesen, den Figuren ihre bürgerliche Lebenslügen kritisch entlarvend um die Ohren zu hauen. Bondy aber klaubte in einer einzigen winzigen Geste, als Pastor Manders und Frau Alving die Lesebrillen vertauschen, im lächerlichen momentanen Ungeschick die lebenslange Katastrophe der Liebe dieses Unglückspaares heraus, einer Liebe, die keine sein durfte oder wollte. Er guckte wie ein neugieriges Kind seltsamen Erwachsenen mit ihren Lüsten, Lügen, Verdrängungen beim Leben zu. Sie kommen aus einer anderen Zeit als er, reichen aber in seine Zeit hinein mit ihren Lüsten, Lügen und Verdrängungen. Und er verliebt sich richtig in deren falsches Leben.
Kindlich-erotische Verliebtheit
Bondys beste Inszenierungen kommen aus dieser kindlich-erotischen, nervös- neugierigen Verliebtheit in Stücke und Figuren und Texte. Dabei zieht er die Geliebten weder aus bis auf die nackte Haut, noch kleidet er sie ein bis auf den Putz. Er nimmt ihnen nicht ihr Geheimnis und setzt ihnen keines auf. Er verdreht und bewegt und bestaunt sie so lange, bis sie anfangen, Dinge zu offenbaren, die kein Mensch von ihnen erwartet hätte.
So wurden im Triumph der Liebe“ von Marivaux, den Bondy 1985 an der Berliner Schaubühne inszeniert, die falschen, lächerlichen Gefühle, mit denen eine Intrigantin vertrocknete ältliche Herzen in Brand setzt, zu wahren, lichterloh prasselnden Flammen. Und der irre, einsame, verlorene, von allen Lieben und Nächsten verlassenen König Lear, dem Bondy letztes Jahr im Wiener Burgtheater nachspürte, wurde zu einem grandiosen Liebhaber seiner selbst: ein Ego-Erotiker von Graden. Und Schnitzlers sterbensmürbe Liebestraumtöter im Einsamen Weg“ und im Weiten Land“, die er (Le chemin solitaire“, La terre etrangère“) in den achtziger Jahren den Parisern nahebrachte, wurden bei Bondy zu komischen Lebenssüchtigen.
Ein Glücksspieler des Theaters
Aus den Rätselfrauenwesen des Botho Strauß (Kalldewey Farce“, Die Zeit und das Zimmer“, Das Gleichgewicht“, Die eine und die andere“) macht er Komödienköniginnen des Mythenboulevards, aus den Boulevardrandexistenzen der Yasmina Reza (Drei Mal Leben“, Ein spanisches Stück“) mythisch flirrende Vernunftgespenster, aus dem eisgekühlten Macht- und Unterwerfungsritual der puppenhaften Genetschen Zofen“ wurde jüngst in Wien ein menschenwarmes Liebesspiel. So ist er im wortwörtlichen Sinne: einer der genialsten Amateure (Liebhaber) und Glücksspieler des Theaters. Seine Schauspieler, naturgemäß die besten, müssen Abenteurer sein: Individualreisende ins Herzungewisse.
Der Schmetterling als Meister Leichtfuß hat sich hie und da auch Ketten anlegen lassen: die Leitung der Schaubühne von 1985 bis 1987 und seit 2001 die Intendanz der Wiener Festwochen. Und manchmal merkte man die Last seinen Flügeln etwas an. Solange aber der Liebhaber in ihm sie aushält, wird aus dem Joch auch nur ein Accessoire, das ihn schmückt. Dass er heute sechzig wird, ist dabei kein Schaden, spielt aber ohnehin keine Rolle. Ein junger Mann hat kein Alter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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