23. Februar 2005 Zwei Frauen dominierten das Münchner Kulturgeplauder der beiden vergangenen Tage: Wagner-Urenkelin und Bayreuther Wunschmaid Katherina Wagner inszenierte am Gärtnerplatztheater Lortzings "Waffenschmied", und "Männer"-Filmemacherin Doris Dörrie brachte einen Abend darauf an der Staatsoper Verdis "Rigoletto" heraus.
Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum scheinen könnten: Die eine, aufgewachsen mitten im Herzen des Wagner-Mekkas, muß erst noch lernen, daß es auch eine Realität jenseits der Opernfiktion gibt. Die andere hat mit den hehren Sphären eines abgehobenen Kunstanspruchs rein gar nichts am Hut und bezeichnet sich selber gerne als "Operntrottel".
Unbedarfte Regiepleiten
Beide eint, daß sie noch relativ wenig Erfahrung als Musiktheaterregisseurinnen haben und dennoch, oder gerade deswegen, ganz schrecklich brisant, unkonventionell und aufrüttelnd wirken wollen. Beide zeigten sie in ihren Inszenierungen jetzt Väter, die ihre Töchter an schwere Eisenketten legen.
Beide kokettieren sie mit einem frischen, vom Ballast überkommener Konventionen unverstellten und vermeintlich kritischen Zugriff. Beide nutzen sie die Bühne so vor allem, um sich selbst in Szene zu setzen - und beide wurden sie vom Münchner Publikum für ihre unbedarften Regiepleiten lautstark ausgebuht.
"Planet der Affen"
Nach Dörries Operndebüt an der Berliner Lindenoper mit Mozarts "Cosi fan tutte" im Flower-Power-Look (2001) und einer zwei Jahre später am selben Haus herausgebrachten "Turandot", die sich in der Welt japanischer Manga-Comics verschanzte, durfte man im Münchner "Rigoletto" nun eine Affenhorde besichtigen, mit der schon im Vorfeld der Premiere viel Spektakel gemacht wurde.
Denn Dörrie, die nicht müde wird zu betonen, daß sie Oper "nur mit den Mitteln der Kinokultur" inszenieren könne, weil "ich ja keine hundert anderen Inszenierungen kenne", hat Rigoletto und seine Tochter Gilda auf dem "Planeten der Affen" ausgesetzt. Für Dörrie muß auf der Bühne "immer etwas los" sein, und dafür ist, das weiß man von den letzten Zoobesuchen, der Affenfelsen immer ein Garant.
Rigoletto als gestrandeter Astronaut
Während sich also am herzoglichen Palast zu Mantua die possierlichen Schimpansen gemeinsam mit den lustigen Pavianen nach ihrer Manier vergnügen, indem sie sich lausen, die roten Popos ins Publikum recken oder sich ganz frisch und unverstellt paaren, und während der Graf von Monterone (Mikhail Petrenko) als böser und entsprechend häßlicher Orang-Utang einen auch stimmlich imposanten Auftritt hat, sinkt Rigoletto als gestrandeter Astronaut Taylor im Raumanzug vor den Zivilisationsresten einer untergegangenen Kultur in die Knie - und der Bariton Mark Delavan vor den vokalen Anforderungen der Titelpartie.
Die Zivilisationsreste, das sind in Bernd Lepels Bühnenbild sinnigerweise in Trümmern liegende Opernhäuser, weil wohl selbst Dörrie einmal gehört haben mag, daß wahre Kultur erst dann beginne, wenn man diese in die Luft sprenge, oder so ähnlich. Und außerdem gastiert Pierre Boulez am Premierenabend zufällig ein paar Ecken weiter im Prinzregententheater mit seinem Ensemble InterContemporain: hintergründige Querverbindungen mitten in der Klamotte.
Wie Don Quichote gegen die Windmühlen.
Ob die Affen in ihrer Inszenierung die besseren Menschen darstellen sollen oder als Bild für die viehischen Verhältnisse am herzoglichen Hof dienen, das mag Dörrie nicht entscheiden, und sie hält solche Unentschlossenheit vermutlich für eine künstlerische Tugend der Offenheit: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.
Wie auch immer, die Affenmetapher ist eigentlich alles, was ihr zum "Rigoletto" eingefallen ist. Innerhalb dieses, zugegeben: bizarren Dekors läuft alles genauso plan und simpel narrativ ab wie in den verstaubtesten Kostümschlachten jener Opernkonventionen, gegen die Dörrie anzukämpfen glaubt, wie Don Quichote gegen die Windmühlen.
Vokal eher matte Aufführung
Von ein paar harmlosen Gags abgesehen: Gilda, eine rapunzelgleiche Lichtgestalt aus dem "Krieg der Sterne", die dank der fabelhaft klar, melodiös und mit strömender Leichtigkeit singenden Diana Damrau auch sopranistisch Glanz in die ansonsten vokal eher matte Aufführung bringt, dieser Engel also wird in einem orangefarbenen Plastikzelt entführt.
Die stimmlich ansprechende Hannah Esther Minutillo agiert in der Partie ihrer Gesellschafterin Giovanna als Roboter. Vor Sparafuciles (rollensicher finster: Anatoli Kotscherga) Spelunke wärmen Animier-Äffinnen, die sich lasziv an Laternenpfählen reiben, zum Abschluß noch einmal den alten Witz auf. Musikalisch nur kaum erwärmen konnte dagegen Tito Berltran das Publikum als Einspringer für den erkrankten Ramon Vargas in der Rolle des Herzogs.
Ein zweifelhaftes künstlerisches Credo
Immerhin gelang es Zubin Mehta an diesem in Belanglosigkeiten verplemperten Abend, das Drama doch noch ein wenig in die Herzen der Zuhörer zu transportieren. Effektsicher und packend, führte er das Bayerische Staatsopernorchester durch die Abgründe und Höhenflüge der Partitur, dabei durchaus nuanciert und dynamisch wie agogisch differenziert.
Nicht einmal einen Anlaß zu produktivem Ärger bot diese laue Filmcollage. Daß Doris Dörrie freilich glaubt, sich gegen alle Verantwortung immunisieren zu können, indem sie betont, es sei nicht ihre Idee gewesen, Opern zu inszenieren, sie habe schließlich immer betont, daß sie von alldem nichts verstehe, das ist schon ein sehr zweifelhaftes künstlerisches Credo.
Text: F.A.Z., 23.02.2005, Nr. 45 / Seite 38
Bildmaterial: dpa/dpaweb