Riccardo Muti

Jenseits der Scala

Von Eleonore Büning

04. April 2005 Das "Teatro alla Scala" in Mailand, das sich selbst nach wie vor hartnäckig für das berühmteste Opernhaus der Welt hält und zumal für den legitimen Lordsiegelbewahrer des italienischen Repertoires von Verdi bis Puccini, hat ein neues Problem. Ob eins mehr oder eigentlich eher eins weniger, das kommt auf den Standpunkt an. Riccardo Muti hat am Samstag seinen Rücktritt verkündet.

Seit nunmehr neunzehn Jahren bestimmte Muti, als Nachfolger Claudio Abbados einerseits Musikdirektor, andererseits aber auch heimlicher Intendantenlenker, die Geschicke des Hauses. Nun wurde er letzten Endes von den streikerprobten Musikern seines eigenen Orchesters in die Knie gezwungen. Nach zwei ausgefallenen Premieren und zwei Handvoll ausgefallener Vorstellungen, nach einer flankierenden Schlammschlacht sondergleichen unter Einmischung der politischen Parteien, flankiert von gebührendem Mediengetöse - nach alledem ist Mutis Versuch, den ihm angenehmen "Subintendanten" Mauro Meli als Nachfolger des ihm entschieden nicht genehmen, deshalb von ihm abgehalfterten Ex- oder vielmehr Noch-Intendanten Carlo Fontana durchzusetzen, endgültig als gescheitert anzusehen.

Der Riß im Gebälk sitzt tiefer

Daß Meli mit Muti geht, ist so gut wie sicher, ob Fontana zurückkehrt oder vielmehr bleibt, ungewiß. Letztlich ist aber die Intendantenfrage nur ein nachgeordneter Auslöser gewesen, über den zu spekulieren sich kaum lohnt. Der Riß im Gebälk sitzt tiefer und ist vom sponsorenerzeugten Hochglanz der kostspieligen Restaurierung, von der fulminanten Wiedereröffnung des Hauses im vorigen Dezember nur herrlich überschminkt worden. Die Scala hat nämlich nicht nur ein akutes Führungs-, sie hat auch ein chronisch künstlerisches Problem. Insofern ist das traditionsreiche Opernhaus, bei allen Unterschieden des nationalen Temperaments und des musikalischen Lokalkolorits diesseits und jenseits der Alpen, durchaus vergleichbar mit dem Festspielhaus auf dem fränkischen Hügel in Bayreuth. Hier wie dort zehrt man von der Größe der Vergangenheit, hier wie dort macht man nur noch gelegentlich Furore, und zwar nicht mit künstlerischer Leistung, sondern mit Klatsch und Tratsch, Zank und Streit.

Es ist schon sehr lange her (in der Ära von Callas und Serafin), daß die Scala charismatische, vorbildliche und zum Teil einmalige Sängerbesetzungen präsentieren konnte und nebenher große Belcanto-Sängerinnen und -Sänger hier entdeckt und gefördert wurden. Es ist nicht ganz so lange her (in der Ära des legendären Intendanten Paolo Grassi), daß auch der szenische Opernbetrieb internationale Ausstrahlung hatte. Unter Riccardo Muti, dem ästhetischen Juste-milieu-Anwalt und musikalischen Perfektionisten, wurde die Scala zu einem Opernhaus wie viele andere. Nun steht sie zwar zum Ende dieser Spielzeit kopflos da. Doch coraggio, bella! Nur Mut, alles auf Anfang: Es wird auch ohne Muti weitergehen.



Text: F.A.Z., 04.04.2005, Nr. 77 / Seite 44
Bildmaterial: AP

 
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