Opernuraufführung in Dresden

Das Geheimnis des Schuhkartons

Von Wolfgang Sandner

13. Mai 2008 Antonio Stradivari wollte es, als er geheimniskrämerisch den klangstiftenden Lack für seine wunderbaren Geigen anrührte und ein paar Dinge hineintat, die erst zweihundertfünfzig Jahre später mit Hilfe komplexer chemischer Analysen mühsam entdeckt werden konnten. Der Architekt Theophil Hansen muss es auch im Sinn gehabt haben, sonst hätte er nicht so viele Verzierungen und Brüstungen, so viele Büsten, Stuckmuster und Karyatiden im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins angebracht, so dass bis heute fast nicht möglich ist, die grandios einmaligen akustischen Verhältnisse zu vermessen und moderne Konzertsäle damit auszustatten. Und Richard Wagner hat es - naturgemäß - zum Urgrund seines künstlerischen Willens erhoben, wie man unschwer an den manisch wiederholten Es-Dur-Dreiklängen des Rheingold-Vorspiels erkennen kann, die ganz bewusst wie Nebel aus den mystischen Tiefen des verdeckten Bayreuther Orchestergrabens hervorquellen sollen: Es ist das Magische.

Manfred Trojahn wollte es auch. Wie wäre sonst zu erklären, dass er sich für sein neues, jetzt zum Beginn der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele in der Semperoper uraufgeführtes Musiktheaterstück ebenjenen Titel wählte: La Grande Magia, der große Zauber, frei nach Eduardo de Filippos gleichnamigem Schauspiel von 1948. Zugleich aber betont der Komponist, er sei an „allem Magischen völlig uninteressiert“. Und er hat ja recht: Wer Magie erzeugen will, das hat uns schon Gustav Meyrink mit seinem „Golem“ vor Augen geführt, muss exakt sein wie ein Buchhalter und kryptisch wie ein Kabbalist. Nur so werden die Ausgeburten der Phantasie lebendig.

Die eigentliche Magie des Stücks entsteht im Orchestergraben

Aber Trojahn treibt ein doppeltes und dreifaches Spiel mit uns. Indem er Magie thematisiert, trennt er die Mechanik des Magischen von der Verzauberung durch Kunst. Am Ende wird das Thema des „großen Zaubers“ - was wir ohnehin schon ahnten - als fauler Zauber eines Provinzmagiers mit Kaninchen aus dem Zylinder und bunten Tüchern aus dem Ärmel entlarvt. Die eigentliche Magie des Stücks aber entsteht im Orchestergraben und in den Ornamenten des Ziergesangs auf der Bühne. Oscar Wilde hat es auf den Begriff gebracht: Nur flache Menschen urteilen nicht nach dem Schein.

Die Sache ist einfach. Marta, eine frustrierte ehemalige Sängerin, lässt sich vom Zauberer Otto in einer Kiste verschwinden, um während der Vorstellung ein kurzes Schäferstündchen mit dem Paparazzo Mariano halten zu können. Kompliziert wird es, weil sie nach dem Abenteuer nicht in die Kiste zurückkehrt, ihre Suche nach dem persönlichen Glück vielmehr sieben volle Jahre ausdehnt. Wie kann sich da ein Zauberer dem gehörnten Ehemann Calogero gegenüber aus der Affäre ziehen, ohne als Scharlatan und Konspirant aufzufliegen? Indem er eine zweite Illusion über die erste stülpt, Calogero eine Schachtel in die Hand drückt, in der er Marta finden werde, allerdings nur, wenn er von ihrer Treue und Liebe überzeugt sei. Wer aber kann sich dessen so sicher sein?

Es gibt - musikalisch wie philosophisch - viel zu entdecken

So zieht Calogero mit seiner ungeöffneten Schachtel durch die fünf Bilder der Oper und lässt sich selbst durch die geständig zurückgekehrte Marta nicht mehr von der Vorstellung einer treuen Frau in der Schachtel abbringen. Das alles wird vom Librettisten Christian Martin Fuchs nach dem Vorbild de Filippos in die Irrungen und Wirrungen eines italienischen Familienverbandes mit eifersüchtig besorgt über allem thronender Mamma und politkarrieresüchtigem Schwager, mit Fehltritten und Erbschaftsstreitereien, mit Kind und Kegel, Hausfreunden und irgendwie dazugehörenden Fremden, eben mit Leben angefüllt. Vor einem allzu komödiantischen Welttheater im italienischen Taschenformat allerdings bewahrt uns die Ausstattung von Rosalie im abstrakt-nüchternen Bühnenbild mit herabhängenden Mülltonnenketten und überdimensionalen blau-rot sich einfärbenden Ballons auf schrägen Abflussrosten und einem in bunt-nichtssagende Alltagskleidung gesteckten Ensemble, das der Regisseur Albert Lang durch das chaotische Geschehen führt.

Gut so. Denn das eigentliche Spiel zwischen Illusion und Realität findet in Manfred Trojahns überreicher, dabei hochdifferenzierter Partitur statt, die die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung vor Jonathan Darlington sicher bewältigt: Autarke Musikstruktur und illustrierende Tongestalten, irrlichternde Klangfarbenspiele und parodistischer Unterton, allein selig machende Melodielinienführung und Reminiszenz an die ironisch-melancholisch gebrochene Rosenkavaliers- und Ariadne-Welt von Richard Strauss bilden ein betörendes Amalgam, verdichtet noch im Gesang der wunderbaren, stratosphärische Sopranhöhen sicher meisternden Marlis Petersen als Marta, dem klangmächtigen, souverän artikulierendem Urban Malmberg als Zauberer Otto, dem hell timbrierten Tenor Rainer Trost als Calogero sowie der koloratursicheren Romy Petrick als krankes Mädchen Amelia, die das ausgezeichnete, zwölfköpfige Gesangsensemble überragen.

Es gibt - musikalisch wie philosophisch - viel zu entdecken in diesem intelligenten Werk. Und bisweilen entstehen tatsächlich magische Momente: etwa in dem frühere Kompositionen zitierenden, vorüberhuschenden „Seestück mit Nachtwind“; im grandiosen Puccini-Belcanto, der Calogeros Illusion vom italienischen Essen und zugleich die Enttarnung des Zauberers vorstellt; im orchestralen Strudel, in den das sich nur noch ständig wiederholende Ensemble schließlich gerät; und auch in der Banda der drei Bühnenmusiker, die das Stück wie einen Film von Fellini in den Kulissen surreal ausklingen lassen. Am Schluss, wenn die italienische Familie das Weite gesucht hat, zieht Calogero seine Schuhe aus und verstaut sie in der Schachtel. Ende der Illusion.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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