17. Mai 2009 Wie oft hatte es Guido Westerwelle erleben müssen, dass es in seiner Partei grummelte, dass der ein oder andere Flügel sich vernachlässigt fühlte oder dass es schlicht hieß, der Guido mache alles allein?
Am Ende wurde er doch mit einem ordentlichen Ergebnis irgendwo im 80-Prozent-Limbo als Parteivorsitzender wiedergewählt. Ach ja, der Guido, hieß es dann. Es gebe halt keinen in der FDP, der es besser könne. Aber Liebe? Liebe sei etwas anderes.
Besondere Genugtuung über Rekordergebnis
Als der Versammlungsleiter des Bundesparteitags in Hannover diesmal das Ergebnis verkündet, 95,8 Prozent, senkt Westerwelle kurz den Kopf und scheint in sich hineinzuschauen. Er umarmt seinen Partner Michael Mronz, nimmt Gratulationen entgegen und geht dann langsam auf die Bühne. Ich bin sehr, sehr dankbar. - Sehr, sehr, sagt er sichtlich gerührt. Späte Liebe erzeugt ein Gefühl besonderer Genugtuung.
Westerwelle, der die FDP seit 2001 führt, ist nun fast dort angekommen, wo er seit gefühlten Urzeiten hin will. Hans-Dietrich Genscher, der ihn so oft am ausgestreckten Arm verhungern ließ und dem er endlich beweisen will, dass auch er das Geschäft der Diplomatie beherrscht, sonnte sich im Licht der Aufmerksamkeit und schlug ihn den Delegierten zur Wiederwahl vor - erstmals übrigens, seitdem der Ehrenvorsitzende den Mannheimer Parteitag 2002 bat, Westerwelle als Kanzlerkandidaten zu nominieren.
Sieben Jahre später geben die Delegierten in Hannover Westerwelle das so lang ersehnte Gefühl: Jawohl, wir wissen nicht nur, was wir an dir haben, wir mögen dich auch. Mit einem guten Ergebnis rechneten alle. Journalisten und Bundestagsabgeordnete hatten kleine Wettbüros eröffnet: Über 90 Prozent? Ja, sicher. Über 95? Wohl eher nicht. Solche Spielchen gehören zu den Ritualen auf Parteitagen.
Im September muss es klappen
Und natürlich unterliegt derlei Kalkulationen eine politische Rationalität: In vier Monaten wird ein neuer Bundestag gewählt, nach elf Jahren in der Opposition, in der die abertausenden Seiten mit gescheiten und weniger gescheiten Parteitagsanträgen und Änderungsanträgen nur virtuelle Politik blieben, ist die Rückkehr auf die Regierungsbank in greifbare Nähe gerückt.
Die FDP steht in den Umfragen trotz zuletzt leichter demoskopischer Einbußen so gut da, wie seit jenen Tagen der Spaßpolitik nicht mehr, an die man sich unter den 660 Delegierten nicht mehr allzu gerne erinnert. Zwei mal, 2002 und 2005, glaubten Westerwelle und die FDP die Wahlen schon gewonnen zu haben. Zwei mal ging es anders aus. Diesmal muss es klappen - das ist die verbreitete Stimmung in Hannover.
In diesem Imperativ schwingt freilich die Unsicherheit mit, dass eine Umfrage noch kein Ergebnis, und dass selbst ein zweistelliges Ergebnis noch keine Regierungsbeteiligung sichert. Wohl wahr: In der FDP schreitet man dieser Tage geschlossen und leichtfüßig voran, aber durchaus auch mit weichen Knien.
Ampelkoalition nicht ausgeschlossen
Dies ist der tiefere Grund dafür, dass Westerwelle und auch sein Generalsekretär Dirk Niebel zwar wortreich ihre Präferenz für eine bürgerliche Regierung, für ein schwarz-gelbes Bündnis, bekräftigten, aber - anders als 2005 - eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen nicht ausschließen.
Doch was, wenn es am Ende wieder nicht reicht? Was, wenn die Union wieder schwächelt? Was, wenn die Sondierungen mit SPD und Grünen scheitern, weil die linke Grünen-Basis nicht so will wie die machthungrige Parteiführung? Was auch, wenn Frank-Walter Steinmeier das Experiment nicht wagt und - in Zeiten wie diesen - lieber wieder neben Angela Merkel am Kabinettstisch Platz nimmt?
Solche Szenarien öffentlich zu erörtern verbietet sich für die zweite Reihe hinter Westerwelle. Aber natürlich ist den Allermeisten klar, dass es zumindest mittelfristig kein Weiter-so geben kann, selbst wenn die FDP 14 Prozent erhält. Dass auch die Parteizentrale dieses unterschwellige Gemurmel durchaus wahrgenommen hat, ist dem Umstand zu entnehmen, dass der Vorsitzende selbst schon vor einigen Wochen zu verbreiten begann, er werde weitermachen - so oder so.
Wie groß ist die Liebe wirklich?
Die späten Liebesbekundungen für Westerwelle mögen einen echten und einen funktionalen Anteil haben. Letzterer ist so stabil wie, sagen wir, eine Ampelkoalition selbst es wäre. So könnte es durchaus Veränderungswillen geben in der Partei. Es gibt eine merkwürdige Übereinstimmung darüber, wer dereinst Westerwelle folgen könnte, wenn ihm bedeutet werden müsste, er möge sich doch auf den Fraktionsvorsitz beschränken, so wie er es vor Jahren mit Wolfgang Gerhardt machte.
Da ist zum einen Philipp Rösler, der pfiffige Jungstar der Partei, Landesvorsitzender in Niedersachsen und seit 100 Tagen Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Ihm schlagen in der Partei die Sympathien in einem Maße entgegen, das Westerwelle nicht nur wohlwollend verfolgt.
Der Parteitag bestätigte ihn als Präsidiumsmitglied mit fast 92 Prozent. Doch ist er erst 36 Jahre alt, was den Bundesvorsitzenden in Hannover zu dem doppelbödigem Satz verleitete, in der FDP könne man schon in wahrlich jungem Alter in Verantwortung genommen werden.
Vizekanzler oder Oppositionsführer
Der zweite Mann mit gleichen Ambitionen, aber weniger Zeit ist Andreas Pinkwart, der mit 48 Jahren so alt ist wie der gegenwärtige Vorsitzende, den er seit Juli-Tagen kennt. Lange Jahre war er Westerwelles Mann im nordrhein-westfälischen Landesverband, der zu Jürgen Möllemanns Zeiten nicht eben Westerwelles Hausmacht war.
Längst hat sich Pinkwart indes vom Parteivorsitzenden emanzipiert. Er führt nun selbst den größten Landesverband und ist Innovationsminister und stellvertretender Ministerpräsident in Düsseldorf. Doch wirkt er behäbig, einige sagen wie die Reinkarnation Gerhardts. Bei seiner Wiederwahl als Westerwelles Stellvertreter erhielt er in Hannover gerade einmal 78 Prozent.
Dem Parteivorsitzenden ist diese Gemengelage wohl bewusst und so speist sich seine derzeitige Zufriedenheit nicht nur aus den aktuellen Liebesbekundungen seiner Partei. Im Herbst könnte er entweder Vizekanzler und Außenminister sein. Oder Vorsitzender einer gestärkten, aber weiterhin machtlosen Oppositionspartei, der womöglich seine Nachfolge selbst regeln kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa