Andrea Nahles

Die GTI-Fahrerin der SPD

Von Majid Sattar

Andrea Nahles auf Wahlkampftour

Andrea Nahles auf Wahlkampftour

14. Juli 2009 Es gibt da dieses Bild von Andrea Nahles. Sie hat sich förmlich aufgebaut hinter dem roten Rednerpult, die Lippen zu einer Schnute verzogen, einen grimmigen Blick aufgesetzt und den linken Arm nach oben gestreckt. Vor allem aber hat sie sich eine schwarze Lederjacke angezogen, über die ihre rotbraune Löwenmähne fällt. Dieses Bild verfolgt sie. Es ist inzwischen 13 Jahre alt, doch noch immer werden Artikel über sie mit dieser Aufnahme illustriert. Es zeigt die junge Frau als feministische Kratzbürste, linke Polit-Rockerin und klassenkämpferischen Bürgerschreck.

Aufgenommen wurde das Foto im Herbst 1996 auf einem Sonderparteitag der SPD zur Jugendpolitik in Köln, auf dem die Jusos ihren Erfolg feierten, mit Oskar Lafontaine und gegen Gerhard Schröder die Forderung nach einer Ausbildungsumlage durchgesetzt zu haben. Der Subtext des Bildes scheint ihr weiteres Leben emblematisch darzustellen: Andrea, die Lafontainistin, hat es den Schröderianern gezeigt. Tatsächlich wird sie später Schröder die „Abrissbirne der Sozialdemokratie“ nennen und Wortführerin der Parteilinken gegen die Agenda 2010 sein. Das Problem ist nur, dass die Geschichte des Bildes eine ganz andere ist.

Endlich loslegen

Fachgespräch: Zu Besuch in einem Unternehmen für Metall- und Schweißtechnik in Brohl-Lützing

Fachgespräch: Zu Besuch in einem Unternehmen für Metall- und Schweißtechnik in Brohl-Lützing

Andrea Nahles, damals 26 Jahre alt, sollte ihre erste große Rede als Juso-Bundesvorsitzende auf einem Bundesparteitag halten. Dass sie in der Nacht vorher kein Auge zubekam, lag nicht daran, dass sie vor 1000 Delegierten sprechen musste. Die Jungsozialisten hatten ihr das Angebot gegenüber dem Parteivorsitzenden - Unterstützung für die Ausbildungsumlage gegen Rücknahme irgendeines nicht durchdachten Juso-Antrages - verübelt, und drohten nun kurzerhand damit, sie abzusetzen.

Andrea Nahles war stinksauer auf ihren Laden, ging spät zu Bett, konnte sich aber gar nicht abregen und lag die Nacht wach: Die SPD inszeniert einen Jugendparteitag und die Jusos stürzen ihre Vorsitzende - na wunderbar! Am nächsten Morgen schlüpfte sie völlig übermüdet nicht in den zurechtgelegten Blazer, sondern streifte sich die Lederjacke über - es war ihr Schutzmantel. Sie brüllte ins Mikrofon und schrie sich den Frust von der Seele. Die Jusos vergaßen recht bald ihr Vorhaben. Andrea Nahles aber hatte ihr Image weg.

Über Berlin hängen 13 Jahre später an einem Juli-Tag schwere Gewitterwolken. Im Regierungsviertel bewegt sich alles in Zeitlupe. Eine lange, arbeitsreiche Legislaturperiode geht zu Ende. Es ist die letzte Sitzungswoche. Andrea Nahles war noch einmal im Ausschuss für Arbeit und Soziales, wo Bilanz gezogen wurde. Dann geht sie zurück in ihr Büro im Jakob-Kaiser-Haus. Die Schwüle ist unerträglich. Alles wartet darauf, dass sich der Himmel über der Hauptstadt entlädt. Dann strömen die Abgeordneten in ihre Wahlkreise und beginnen ihren Wahlkampf. So ungut das Gefühl ist, das Sozialdemokraten dieser Tage überkommt, wenn sie an den 27. September denken, so groß ist das Bedürfnis, jetzt endlich loszulegen.

Mit einer neuen Frisur fängt alles an

Wie Andrea Nahles nun dasitzt in ihrem Abgeordnetenbüro - das hat nichts mehr zu tun mit diesem Bild aus dem Jahre 1996. Sie war beim Friseur, hat sich die Locken glattföhnen lassen, trägt ein schwarzes, knielanges Kleid und schwarze Sandalen mit hohen Absätzen. Sie hat sich „aufgebrezelt“, wie sie sagen würde, weil der Promi-Fotograf Jim Rakete Bilder von ihr gemacht hat für ein Porträt in der SPD-Zeitung „Vorwärts“. Es macht ihr inzwischen sichtlich Spaß, so aufzutreten, obwohl sie es erst lernen musste.

Am liebsten lief sie in Jeans und Pulli herum. Irgendwann hat mal ein älterer Genosse bei irgendeiner Einweihung zu Hause in der Vulkaneifel freundschaftlich, aber deutlich zu ihr gesagt: „Andreeeaaa“. Da wusste sie Bescheid. Und natürlich weiß sie auch heute Bescheid, weiß, dass die Leute sagen, die stellvertretende SPD-Vorsitzende bereite sich wohl auf höhere Aufgaben vor; bei Angela Merkel habe auch alles mit einer neuen Frisur angefangen. Dann zuckt Andrea Nahles mit den Schultern.

Genug von diesen Geschichten

Freundschaftlicher Umgang - für Andrea Nahles keine gekünstelte Anstrengung

Freundschaftlicher Umgang - für Andrea Nahles keine gekünstelte Anstrengung

Sie hat gelernt, manche Frage nicht zu beantworten. Im Sommer 2008, kurz vor Ferienbeginn, wenn die Schüler ihre Zeugnisse bekommen, wurde sie nach dem Zustand der SPD befragt. Im Moment sei die Partei versetzungsgefährdet, sagte sie. Angela Merkel wurde in jenen Tagen mit der (bewusst verbreiteten) Äußerung vernommen, manchmal wisse sie gar nicht, wen sie morgens anrufen solle, wenn sie wissen möchte, was die SPD wolle: Kurt Beck oder gleich Andrea Nahles? Von da an ging die Jagd richtig los, auf Beck, aber auch auf sie. Da wurden wieder diese Legenden erzählt darüber, wie viele SPD-Vorsitzende sie schon gestürzt habe: 1995 Rudolf Scharping, 2004 Gerhard Schröder, 2005 Müntefering. Und nun 2008 Beck? Andrea Nahles tauchte kurzerhand ab.

Sie kann diese Geschichten auch nicht mehr hören. Gewiss, sie stellte auf dem Mannheimer Parteitag Lafontaine, dem Helden ihrer Jugend, die Juso-Truppen für den Putsch gegen Scharping zur Verfügung. Und sie würde sicher nicht leugnen, Schröder wegen Hartz IV das Leben seinerzeit nicht versüßt zu haben. Aber es gab da immerhin noch einen gewissen Franz Müntefering, der Schröder erklärte, dass es in der SPD nun eines Vorsitzenden bedürfe, der der Partei die Politik erklären könne.

Es wird alles besser werden

Im Gespräch mit Teilnehmerinnen eines Deutschkurses im Haus der Offenen Tür in Sinzig

Im Gespräch mit Teilnehmerinnen eines Deutschkurses im Haus der Offenen Tür in Sinzig

2005, als sie gegen Kajo Wasserhövel, Münteferings Kandidaten für den Generalsekretärsposten, antrat, war es anders. Da hat sie mit offenen Visier gekämpft, gewonnen und doch verloren. Sie war nun einmal der Paria der Partei, sollte sich entschuldigen und dann den stellvertretenden SPD-Vorsitz übernehmen. Das tat sie aber nicht. Eine Andrea mit kurzen Haaren wollte sie nicht sein. Sie war jetzt abgeschrieben und wusste noch nicht, wie sie wieder auf die Beine kommen sollte, als Matthias Platzeck, der Müntefering im Parteivorsitz gefolgt war, nach wenigen Monaten hinschmiss. Nun kam Kurt Beck - und Andrea Nahles war unversehens wieder im Spiel.

Es war Kurt Beck, der ihr 2005, als Müntefering Schröder bedeutete, er könne den Laden nicht mehr zusammenhalten, wenn Nordrhein-Westfalen verlorengehe, einen sicheren Listenplatz in Rheinland-Pfalz besorgte. 2002 hatte sie einen solchen nicht bekommen und ihr Bundestagsmandat verloren. Es war Kurt Beck, der ihr 2007 nach einigem Zögern den stellvertretenden Parteivorsitz anbot. Es war auch Kurt Beck, der mit dem Hamburger Programm die von der Parteilinken so lange ersehnten Korrekturen an der Agenda 2010 einleitete. Es war Kurt Beck, der Andrea Nahles integrierte, weil er sie als Gegengewicht zur Parteirechten brauchte.

Gelöst: Andrea Nahles auf Wahlkampftour in ihrem Wahlkreis, dem Landkreis Ahrweiler

Gelöst: Andrea Nahles auf Wahlkampftour in ihrem Wahlkreis, dem Landkreis Ahrweiler

Freunde wurden sie deshalb nicht. Sie war gegen seinen Sturz und äußerte sich auch so, im September 2008 am Schwielowsee. In der Parteilinken wurde die Angelegenheit als kalte Machtübernahme Münteferings und Frank-Walter Steinmeiers gewertet. Aber auch Andrea Nahles hatte dem Argument, dass Beck es in Berlin nicht bringe, nur wenig entgegenzusetzen. Gut gespeichert wurde in der Parteilinken allerdings das Argument derer, die es damals nach oben spülte: Nun werde alles besser werden. Dieser Satz wird am 28. September wohl zitiert werden - von Andrea Nahles und von Kurt Beck.

Schlechtes Timing

An einem sonnigen Tag in der Eifel treffen beide wieder aufeinander. Für Beck, der in Rheinland-Pfalz wieder der Alte ist, sollte es eigentlich ein angenehmer Termin werden: die Einweihung des neuen Nürburgrings. Doch ist die private Finanzierung des Großprojekts geplatzt, sein Finanzminister ist zurückgetreten und ein Untersuchungsausschuss steht ins Haus. Und auch für Andrea Nahles hätte das Timing besser laufen können, auf ihrer Tour durch ihren Wahlkreis, in dem die älteste Rennstrecke Deutschlands liegt.

Hier im futuristischen „Event-Center“ ist Andrea Nahles ganz und gar nicht die brüllende Löwin. Ein roter Teppich ist ausgerollt, vorne gibt es ein Blitzgewitter, weil Boris Becker gekommen ist mit Frau Lilly und Kindern. Elegante Hostessen und weniger elegante Boxen-Luder säumen den Weg. Das ist nicht ihre Welt. Andrea Nahles reicht Kurt Beck kurz die Hand, schaut sich ein wenig verloren um und sagt dann: „So, ich muss jetzt erst mal meinen Landrat fragen, wo ich überhaupt sitze.“

Soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung, Mindestlohn

Eigentlich kennt sie jeden Winkel am Nürburgring. Ihr Vater, ein Maurermeister, hat hier eine Zeitlang gearbeitet und seine Tochter mit zu den Rennen genommen. Und als Andrea 18 wurde und einen Führerschein hatte, ist sie mit ihrem Wagen für ein paar Mark auf der legendären Nordschleife herumgekurvt. Bis vor kurzem fuhr sie einen weißen Golf GTI. Wenn sie nach einer stressigen Woche in Berlin nach Hause in die Eifel kam, düste sie ab und zu wieder durch die kurvenreiche grüne Hölle. Kürzlich gab ihr eine gute Freundin aber den Rat: GTI geht gar nicht. Nun fährt sie einen normalen Golf.

Andrea Nahles saß nie am feministischen Stammtisch, hat nie das Tempolimit oder die Zwangseinführung des Batterieautos gefordert. Und sie isst auch lieber eine deftige Kalbsleber aus der Eifel als Grünkernfrikadellen aus dem Reformladen. Das heißt nicht, dass Andrea Nahles nicht links ist. Doch heißt links bei ihr, der Schmidt-Andrea, wie die Enkelin eines Hufschmieds in ihrem 500-Seelen-Weiler genannt wird, ganz traditionell: soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung, Mindestlohn. Sie ist in einem durch und durch sozialkatholischen, gewerkschaftlichen Milieu aufgewachsen. Wer so groß wird, ist erst Messdiener und dann IG-Metall-Mitglied. Mit dem CDU-Sozialpolitiker Gerald Weiß hat sie in ihrem Bundestagsausschuss gut zusammengearbeitet. Die kalte Stamokap-Phraseologie, die heute wieder auf Juso-Bundeskongressen vorgetragen wird, gehörte nie zu ihrer Sprache.

Frauen in der Politik

Wenn sie aber in diesem Bundestagswahlkampf gezwungen ist, die Ampelkoalition als Machtoption zu preisen, dann ist ihr Widerwille gegen die Neoliberalen geradezu körperlich zu spüren. Als Juso-Vorsitzende hat sie sich einst mit den Worten vernehmen lassen: „Westerwelle? Finde ich zum Kotzen!“ Dieser antwortete seinerzeit, so viel könne er über Frau Nahles nicht sagen. Heute schätzen beide einander als politische Profis, als kluge Strategen und gute Redner im Bundestag - aber weltanschaulich trennen beide Milchstraßen.

Und Angela Merkel? Frauen in der Politik beobachten einander aufmerksam. Achten sehr genau darauf, ob die andere den Kopf anwinkelt in politischen Verhandlungen mit männlichen Kollegen. Dass die Kanzlerin Andrea Nahles ernst nimmt, merkte diese spätestens, als Frau Merkel sie zur Rede stellte, weil die Jüngere die Ältere eine „Haubentaucherin“ genannt hatte.

Hart und verwundbar zugleich

Auch Andrea Nahles kann in ihrer Leidenschaft für Politik hart sein. Sie klingelt zur Not morgens um sieben Uhr einen Genossen aus dem Bett und brüllt: „Mensch, wat haste denn da in dem Interview gesagt. Kannste doch nich machen!“ Sie ist aber auch verwundbar. Als im vergangenen Jahr ihre Beziehung zu Horst Neumann, dem VW-Personalvorstand, auseinanderging, wartete sie drei Monate, bis sie mit der Sache an die Öffentlichkeit ging. Sie wollte erst emotional wieder gefestigt sein, bevor sie sich den Fragen stellte. Auch das ist nun überstanden. Auch das hat sie vorsichtig gemacht.

Im Herbst 2005 war das noch anders. Doch die Sache ging schief. Seinerzeit war der Rücktritt Münteferings nicht beabsichtigt. Sie hat daraus gelernt. Sie hat sich hier und da kritisch zu Wort gemeldet, doch hat sie nicht mehr aus purer Lust am Krawall überzogen. Andrea wohldosiert. Sie ist noch jung, wird nächstes Jahr erst 40. Doch wird es im Herbst - abhängig vom Ergebnis der SPD - wohl einen Generationenwechsel geben. Da muss sie dabei sein, schon weil sie nicht ewig Talent bleiben kann. Andrea Nahles ist vernetzt wie keine Zweite in der SPD - nicht nur in der Parteilinken. Mit Olaf Scholz pflegt sie eine gute Beziehung. Mit Sigmar Gabriel keine. In Klaus Wowereit nur einen ihrer Verbündeten zu sehen wäre wiederum naiv. In der Nacht zum 28. September wird sie wohl wenig Schlaf finden. In solchen Stunden wird viel telefoniert. Wenn sie am Montagmorgen das Präsidium im Willy-Brandt-Haus betritt, wird sie keine Lederjacke tragen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke

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