Nach den massiven Verlusten in der Europawahl wendet sich die SPD der Zukunft zu. Mit Trauerarbeit wolle und könne er sich nicht aufhalten, sagt der Parteivorsitzende Franz Müntefering, auch wenn es vor den nächsten Wahlen natürlich einiges aufzuarbeiten gebe. Er selbst will im Herbst noch einmal für den Parteivorsitz kandidieren. Möglicherweise wird die Partei dann von einer Troika geführt.
Im SPD-Präsidium herrschte große Enttäuschung. Allerdings waren wir uns auch einig, dass wir für allzu viel Trauerarbeit keine Zeit haben. Wir schauen jetzt nach vorne. Es gab ja auch einige positive Signale aus den Kommunalwahlen im Saarland und in Thüringen. Aber klar: Wir haben einiges aufzuarbeiten, vor allem, was die geringe Wahlbeteiligung angeht. Die hat dazu geführt, dass wir sehr viel schlechter abgeschnitten haben, als wir es und als alle es erwartet hatten. Also: Volle Konzentration auf die vor uns liegenden Landtagswahlen und vor allem auf die Bundestagswahl.
Schon bei der Europa-Wahl vor fünf Jahren lagen wir einen Tag vor der Wahl sieben Prozentpunkte höher als am Wahltag selber. Es ist so: Die Leute gehen nicht zur Europa-Wahl, auch wenn sie vorher sagen, wenn sie wählen würden, würden sie SPD wählen. Aber sie gehen nicht hin. Es fehlt noch der letzte Schritt. Vielleicht sehen sie auch nicht den Zusammenhang zwischen nationalstaatlicher und europäischer Politik. Jedenfalls nicht hinreichend. Vielleicht wollen sie auch nicht. Bei der Bundestagswahl aber wird die Wahlbeteiligung viel höher liegen - nicht bei 43 Prozent, sondern bei mehr als 75 Prozent. Darin steckt für uns eine große Chance. Wahr ist aber: Bei dieser Wahl sind wir nicht wie erwartet vorangekommen.
Nein, das glaube ich nicht. Die Demoskopen waren ja selbst überrascht. Die Menschen haben sich erst ganz zum Schluss entschieden.
Nein. Vielleicht hätten wir noch etwas lauter auf den Straßen getrommelt. Aber wir haben getan, was möglich und richtig war. Martin Schulz ganz vornean. So ist es im Leben. Manchmal hat man recht und bekommt trotzdem nicht recht.
Nein. Wir haben die Bedeutung eines sozialen Europas dargestellt. Damit sind wir nicht ausreichend durchgedrungen. Präziser kann man das nicht sagen.
Natürlich. Diese Personalisierung hat auch ein bisschen Zuspitzung gebracht. Man muss sehen, dass die sozialdemokratischen Parteien in vielen Ländern sogar mehr als zehn Prozentpunkte verloren haben. Das tröstet uns nicht. Aber es erklärt manches. Die Sozialdemokratie in Europa ist im Moment schlecht aufgestellt.
Viele haben noch nicht akzeptiert, dass die Finanzkrise eine internationale Antwort braucht. Man kann die Krise nicht allein durch Konjunkturpakete und nationale Maßnahmen bekämpfen. Wir müssen in Europa gemeinsame, verbindliche Regeln finden, um die Finanzindustrie unter Kuratel zu stellen und den Primat der Politik wieder durchzusetzen. Das ist als Chance und Pflichtaufgabe bisher nicht hinreichend vermittelt worden. Ich bin mit unserer Arbeit auch nicht rundum unzufrieden. Das ist ein Zwischenergebnis. Manchmal braucht man mehr Zeit. Immerhin haben wir die Linkspartei ausgebremst. Und die Union hat sechs Punkte verloren.
Ja, das gehört zur Politik dazu. Also: nichts Neues.
Dann wird es eine viel größere inhaltliche und personelle Polarisierung geben, ein Duell Steinmeier/Merkel. Das ist die Schwäche bei Europa-Wahlkämpfen, die mangelnde Personalisierung. Es war für viele nicht überzeugend und einsichtig genug, bei der Europa-Wahl die SPD wählen zu sollen, weil Frank-Walter Steinmeier, Finanzminister Steinbrück und Arbeitsminister Scholz gute Arbeit im Bundeskabinett leisten.
Dafür ist es noch zu früh. Und ich warne vor vorschnellen Erklärungen, die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise spiele die entscheidende Rolle. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir weiterregieren, um Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Anderes kommt hinzu. Den Weg gehen wir weiter. Ganz sicher. Wir werden unserer Verantwortung für dieses Land entsprechen. Es mag das Besondere dieses Wahlkampfes sein, dass wir auch während der Wahlauseinandersetzung noch handeln und gemeinsam regieren müssen. Da werden wir uns nicht aus dem Staub machen. Merkel und Guttenberg hoffentlich auch nicht.
Das werden wir natürlich auch. Aber jetzt hat der Bundestagswahlkampf noch nicht begonnen. Im August und September werden wir schon deutlich sagen, worum es bei der Bundestagswahl geht. Wir werden deutlich machen, auf welche sozialen Kriterien es bei der Wahl ankommt. Aber es wird nicht bloß um die Finanzkrise und um Arbeitsplätze gehen. Bildungspolitik, Forschung und Technologie, Umwelt, der Wandel der Gesellschaft werden eine Rolle spielen.
Im Zweifelsfalle hieß das Duo Müntefering/Schulz.
Natürlich. Aber sein eigentlicher Wahlkampf kommt erst. Ich gebe Ihnen ein Bild aus dem Fußball. Ich hatte gehofft, wir schießen ein Tor und es steht Unentschieden. Das ist uns nicht gelungen. Aber das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Bald werden die Menschen vor der Frage stehen, ob sie Schwarz-Gelb wollen. Ich sage Ihnen: Die Menschen wollen das nicht. Das haben wir schon 2005 mit Gerhard Schröder erlebt. Und heute wollen sie es noch weniger.
Da müssen wir weiter argumentieren. Im Kern geht es doch darum, wie solidarisch sich dieses Land verhält. Ich warne vor einer Spaltung der Gesellschaft. Wir können nicht so tun, als sei uns das Schicksal von möglichen weiteren 140000 Arbeitslosen egal. Also engagieren wir uns für Opel - wie auch für die Landwirtschaft, für die Kumpel unter Tage, für die Werften. Über den Länderfinanzausgleich helfen wir den Menschen in Ostdeutschland. Alles richtig.
Ja, das kann man schon. Es geht darum, solche Arbeitsplätze zu erhalten. Opel hat unter der Politik von General Motors gelitten. Ein solches Unternehmen durfte nicht einfach aufgegeben werden. Deshalb appelliere ich auch: Wir müssen das durchkämpfen.
Dass dieses Argument zynisch ist und dumm. Man kann nicht alle Ziele gleichzeitig erreichen. Das Wichtigste ist jetzt: Arbeitsplätze sichern. Dass dabei möglicherweise auch einer profitiert, der ein ganz teures Auto fährt oder der drei Pelzmäntel hat, kann ich nicht verhindern. Wenn die Bude brennt, muss man die Menschen retten. Und da kann es auch Schäden durch Löschwasser geben, das weiß ich alles. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass bei höherer Arbeitslosigkeit die Kosten für die Sozialtransfers steigen. Besser Arbeit bezahlen als Arbeitslosigkeit. Und Deutschland darf nicht ins Defensive geraten.
Tja, ... wer ist Frau Merkel? Mindestens 2005 bei der Bundestagswahl war sie das. Ihr Wahlprogramm, mit Merz, Westerwelle und Kirchhof abgestimmt, hatte eindeutig marktradikale Akzentuierungen. Westerwelle will das immer noch. Dass Frau Merkel das in der großen Koalition nicht durchsetzen konnte, ist das Verdienst der SPD. Keine Illusion: Sie lässt es zu, dass sich der Bundeswirtschaftsminister von gemeinsamen Beschlüssen distanziert. Das ist ziemlich beachtlich, und das schadet der Demokratie. Immer wieder kam das vor, schon zu meiner Zeit im Kabinett. Ich habe das auch reklamiert. Sie hat es trotzdem geschehen lassen. Sie hat den Wirtschaftsminister jetzt sogar für sein Verhalten gelobt. Das ist ein Stück falsch.
Das Problem, das ich gerade fürs Kabinett beschrieben habe, hat mit den Ministerpräsidenten nichts zu tun. Es geht um die Einhaltung von Kabinettsbeschlüssen.
Gerhard Schröder wird im Bundestagswahlkampf mithelfen. Aber es wird ganz klar ein Wahlkampf von Frank-Walter Steinmeier sein. Wir alle werden helfen, Schröder auch.
Schatten sind immer schlecht. Ob es so etwas wie ein Team gibt, das wird sich zeigen. Frank-Walter Steinmeier wird das rechtzeitig sagen.
Wir haben gemeinsame Ziele. Und die Konzentration auf das Wahlkampfjahr hat dazu sicher beigetragen.
Nein. Im Übrigen: Dass es unterschiedliche Meinungen in einer Partei gibt, ist doch klar. Reibung erzeugt Hitze - aber auch Fortschritt.
Das werden einige versuchen, aber vor allem die schwarzen Socken, die sowieso schon zu 120 Prozent Unionsanhänger sind. Das ist nicht schlimm, die wählen uns sowieso nicht.
In Hessen war das Verfahren falsch. Der Fehler wurde vor der Wahl gemacht.
Es wird sicher von interessierter Seite ein Palaver geben. Das wird aber nicht schaden. Die Wählerinnen und Wähler wissen, dass wir im Bund nicht mit der Linken zusammenarbeiten werden.
Es gäbe fünf Möglichkeiten, wenn Schwarz-Gelb verhindert ist, noch vier. Also vier: Die erste Möglichkeit heißt: SPD mit Grünen. Wenn das nicht reicht, zweitens eine Ampel mit der FDP. Die dritte Möglichkeit heißt Jamaika und die vierte große Koalition. Wenn man eine Ampel hat, ist Frank-Walter Steinmeier im Kanzleramt.
Ja. Kanzleramt ist immer besser.
Das ist die schlechteste. So wird es nicht kommen.
Nee. Ich bin Parteivorsitzender. Ich werde im November beim Parteitag wieder kandidieren. Ich lebe gut damit. Das ist für mich leichter als damals, als ich Fraktionsvorsitzender war und den Parteivorsitz dazu übernahm. Das war eine sehr anstrengende Sache. Jetzt habe ich mehr Zeit, mich auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Das tut der SPD gut. Ich habe keine anderen Ambitionen.
Wieso?
Kann man so sehen.
Na ja, ich finde das arrogant und komisch. Aber es stört mich nicht weiter. Das bewegt die Leute sowieso nicht. Eher verärgert es die Menschen im liberalen, grünen und auch sozialdemokratischen Bereich, wenn man sie sozusagen als Nicht-Bürger bezeichnet. Ich finde das lächerlich. Aber was soll's?
Das ist richtig. Rot ist die Grundfarbe.
Nee. Schwarz ist keine Farbe, ist nur ein ganz, ganz dunkles Rot. Schwarz gibt's eigentlich gar nicht.
Das Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden führten Günter Bannas und Stefan Dietrich.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar