27. Juni 2008 Bill Gates flucht: Diese Seite ist so langsam, dass sie unbenutzbar ist. Bill Gates schimpft: Was zum Teufel passiert hier? Gegen Ende seines Wutausbruchs fügt er hinzu: Was für eine unglaubliche Sauerei.
Wann das gewesen sein soll? Vor ungefähr fünf Jahren. Warum? Weil der Microsoft-Gründer an der mangelnden Benutzerfreundlichkeit von Microsoft schier verzweifelte. Woher wir das wissen? Nun ja - die Quellenlage ist zugegebenermaßen ein wenig dünn.
Der amerikanische Journalist Todd Bishop von der Lokalzeitung SeattlePi hat in seinem Microsoft Blog eine angeblich interne Beschwerdemail Gates' an seine Untergebenen veröffentlicht. Darin schildert ein Bill Gates auf mehreren Seiten seinen verzweifelten Versuch, das kostenlose Video-Editierungsprogramm Windows Movie Maker von der Microsoft-Internetseite heruntzerzuladen. Todd Bishop selbst sagt, er habe das Schriftstück aus den Unterlagen im Kartellfall Microsoft ausgegraben.
Inhaltlich enthüllt das Schriftstück keine spektakulären Erkenntnisse - schließlich ist es bereits fünf Jahre alt. Doch über die Persönlichkeit des Verfassers - wer auch immer es gewesen sein mag - erfährt man eine ganze Menge.
Ziemlich enttäuscht und völlig irre
Zunächst äußert sich Gates noch in relativ neutraler Sprache ziemlich enttäuscht darüber, wie die Nutzerfreundlichkeit der Microsoft-Produkte nachgelassen habe. Dann heißt es in dem Brief, der jedenfalls laut Kopfzeile auch im Postfach des damaligen Windows-Chefs Jim Allchin landete: Lassen Sie mich meine Erfahrungen von gestern schildern. Und dann geht es richtig los. In der Kritik: der Download-Bereich von Microsoft.com.
Die ersten fünf Versuche, die Seite aufzurufen, scheiterten - Zeitüberschreitung bei dem Versuch, den Download-Bereich darzustellen. Den konnte ich dann schließlich nach acht Sekunden Verzögerung aufrufen. Diese Seite ist so langsam, dass sie unbenutzbar ist.
Später in der Mail heißt es: Ich versuchte zu der Mediensektion zu gelangen. Immer noch kein Movie Maker. Ich tippte das Wort 'movie' ein. Nichts. Ich tippte 'movie maker' ein. Nichts. Also gab ich auf und schickte eine E-Mail an Amir mit den Worten: Wo ist dieses Movie-Maker-Download? Existiert es überhaupt? Man schrieb mir, dass niemand erwartet hatte, dass jemand die Downloadseite nutzen würde, um sich dort etwas herunterzuladen.
In diesem Stil geht es weiter, bis Bill Gates am Ende zu dem Ergebnis kommt: Nachdem mehr als eine Stunde vergangen war - mit Merkwürdigkeiten und mit dem Ergebnis, dass meine Programme nur noch Müll auflisteten und nachdem ich wirklich erschreckt war zu sehen, dass Microsoft.com eine fürchterliche Website ist, hatte ich noch immer keinen Movie Maker [...]. Unser fehlender Fokus auf die Nutzerfreundlichkeit, der durch diese Erfahrung belegt wird, macht mich völlig irre.
Und wenn er nicht völlig verzweifelt ist...
Ein schönes Märchen pünktlich zum letzten Arbeitstag des Microsoft-Gründers - und zudem noch ein Märchen mit gutem Ende: Der echte Bill Gates ist noch immer der drittreichste Mann der Welt. All die großen und kleinen Ärgernisse, die ihm der Microsoft-Alltag bereitet haben mag, ist er von diesem Freitag an endgültig los.
Und irgendwo auf der Welt sitzt in diesem Moment vermutlich ein verzweifelter Microsoft.com-Nutzer, der eigentlich bloß einmal in seinem Leben in den Weiten des Internets seinem Ärger Luft machen wollte. Er schrieb eine fiktive Mail und plazierte sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vielleicht. Vielleicht war es auch wirklich Bill Gates. Und wenn er nicht völlig verzweifelt ist, dann downloadet er noch heute.
Text: nab./FAZ.NET
Bildmaterial: AP