Infineon-Chef Bauer

„Es gibt kein Szenario für eine Zerschlagung“

Infineon-Chef Peter Bauer

Infineon-Chef Peter Bauer

18. Juli 2009 Am Montag beginnt die Kapitalerhöhung, die dem Halbleiterhersteller Infineon maximal 700 Millionen Euro bringen soll. Es ist die wichtigste unter vielen Maßnahmen, um eine neue Finanzierung für das hoch verschuldete Unternehmen zu organisieren. Der Plan lässt sich nur mit Hilfe des Finanzinvestors Apollo realisieren. Der garantiert die Abnahme der neuen Aktien, wenn die Altaktionäre nicht mitziehen sollten. Apollo hat Vertrauen in Peter Bauer. Und der hat Vertrauen in Apollo, einen in der Branche bekannten aggressiven Finanzinvestor.

Herr Bauer, von 39 Cent im März auf 3,20 Euro heute. Der Aktienkurs muss Sie doch glücklich machen?

Gemessen an den Randbedingungen, kann ich zufrieden sein, auch mit der Entwicklung des Unternehmens angesichts der schwierigen Marktlage. Und das spiegelt sich im Aktienkurs. Von Krise im Markt will ich gar nicht mehr reden, die wird langsam normal. Infineon liegt im Umsatz 18 Prozent unter dem Vorjahr.

Bei dem Kurs müsste Ihre Rechnung aufgehen, dass viele Altaktionäre die Aktien zu 2,15 Euro zeichnen, so dass Sie den Garanten Apollo nicht benötigen?

Das ist Spekulation. Der Prozess startet ja gerade. Aber niemand hat ein Kalkül, dass Apollo fernbleiben soll. Zum Zeitpunkt, als wir die Vereinbarung mit dem Finanzinvestor getroffen haben, notierte die Aktie bei knapp 2,60 Euro. Und der Kurs war sehr volatil. Es war nicht vorhersehbar, in welche Richtung sich der Kurs entwickeln würde.

Wollen Sie die Amerikaner überhaupt als Großaktionär?

Sie sind uns willkommen. Die Frage ist jedoch müßig, weil nicht vorhersagbar. Es ist ja nicht gewährleistet, dass Apollo bei uns einsteigen wird. Es hängt ausschließlich von den Altaktionären ab, ob und in welchem Umfang diese das Angebot annehmen. Gut zu wissen ist für mich: Apollo ist ein Partner, der an einem langfristigen Engagement orientiert ist. Und Apollo sagt ausdrücklich, dass er Vertrauen in das Unternehmen und seine Strategie hat.

Brauchen Sie überhaupt einen Anker?

Es ist wichtig, einen Ankeraktionär im Hintergrund zu haben. Die Ausgabe neuer Aktien ohne eine Garantie wäre bei dem damaligen Kurs ein zu hohes Risiko gewesen. Die Banken haben davon abgeraten. Die jetzige Lösung ist die attraktivste, für Altaktionäre wie für den neuen Investor.

Hätte es andere Alternativen gegeben?

Eine zusätzliche Verschuldung wäre unter Umständen denkbar gewesen.

. . oder eine Bürgschaft vom Staat?

Wäre auch denkbar gewesen. Es ist die Pflicht des Vorstands, alle Möglichkeiten ernsthaft zu prüfen und sich für die beste zu entscheiden.

. . was Sie jetzt getan haben. Oder gibt es noch Bedarf an Refinanzierung?

Vorbehaltlich des erfolgreichen Abschlusses der Kapitalmaßnahme, sind wir für die weitere Entwicklung des Unternehmens solide aufgestellt. Das gilt schon ab den 335 Millionen Euro, die wir mindestens als Mittelzufluss bekommen sollten. Aus heutiger Sicht ist die Kapitalerhöhung bezüglich der Refinanzierung der wesentlichste Beitrag. Wir haben bis Ende 2010 Fälligkeiten von knapp 700 Millionen Euro zu bedienen. Das planen wir auch mit den Einnahmen aus der Kapitalerhöhung abzudecken.

. . . die Sie Apollo verdanken. Bleibt sie unter der Mindestgrenze, muss sie keine Aktien übernehmen, bekommt aber 21 Millionen Euro. Ein teures Vergnügen?

Aus unserer Sicht ist eine solche Gebühr für die von Apollo geleistete Garantie durchaus marktüblich.

Müssen Sie sich auf neue Verhältnisse einstellen, wenn Apollo doch dabei ist?

Erstens hat Apollo ein gleichgerichtetes Interesse mit dem Management, nämlich den Ertrag zu steigern, was sich wiederum im steigenden Aktienkurs niederschlagen sollte. Zweitens bleibt Infineon eine Publikumsgesellschaft, deren Kontrolle Aufsichtsrat und Hauptversammlung ausüben. Da ändert sich nichts, auch nicht mit einem Aktionär der 30 Prozent minus eine Aktie hält. Und schließlich gibt es das Potential, mit einem starken Minderheitsaktionär die langfristige und strategische Entwicklung des Unternehmens mit einem größeren Spielraum zu gestalten.

Die Amerikaner werden mächtig. Sie entsenden zwei Mitglieder in den Aufsichtsrat, von denen einer Vorsitzender wird. Geht das spurlos an Ihnen vorbei?

Wie gesagt, noch ist nicht entschieden, ob und mit wie viel Prozent Apollo einsteigen wird. Allein schon aus der rechtlichen Konstruktion heraus ändert sich nichts Wesentliches an der Arbeit des Vorstandes. Der Aufsichtsrat ist ein Kontroll- und kein Steuerungsgremium. Langfristige Entwicklungen und Strategiepläne sowie nachhaltige wirtschaftliche Entwicklungen werden natürlich mit dem Aufsichtsrat besprochen. Auch unsere heutigen institutionellen Investoren interessieren sich für unsere Strategie. Da gibt es keinen Unterschied.

Wie haben die auf Apollo reagiert?

Die Reaktion sieht man wohl am besten an der Börse.

Der Finanzinvestor hat Bedingungen gestellt. Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley soll Ende September ausscheiden, Manfred Puffer, früher Manager bei der West LB, soll ihm folgen. Das zeigt so doch die Richtung?

Es ist doch verständlich, dass ein Investor, der mehrere hundert Millionen Euro investiert, Einfluss in den Gremien ausüben will. Apollo ist sich sehr wohl bewusst, wie eine deutsche Aktiengesellschaft funktioniert. Sie ist mit klaren Vorstellungen angetreten. Sie weiß, dass der Aufsichtsrat kein Organ der operativen Steuerung ist. Natürlich diskutiert der Aufsichtsrat die vom Vorstand entwickelte Strategie - das ist ja seine Funktion.

Aber irgendwann will der Investor den Ertrag seines Engagements sehen?

Apollo würde zu einem sehr günstigen Zeitpunkt einsteigen, in dem wir uns zyklisch gesehen hoffentlich am Ende des Tals befinden. Durch eine Steigerung unserer Ertragskraft sollte sich die Aktie positiv entwickeln. Allein dadurch, dass Apollo bei der Refinanzierung hilft, hat sich ja schon viel getan. Das drohende Scheitern der Finanzierung belastete ja den Kurs.

Besteht die Gefahr einer Zerschlagung?

Nein, dieses Szenario sehe ich nicht. Was sollte eine Zerschlagung sinnvoll erscheinen lassen? Der Markt ist zudem für solche Transaktionen gar nicht aufnahmefähig.

Für das dritte Quartal des aktuellen Geschäftsjahres 2008/2009 haben Sie gerade einen kleinen operativen Gewinn gemeldet. Ist das nur ein Zucken?

Das ist zum einen die Konsequenz aus dem sehr guten Kostenmanagement und der guten Entwicklung im Bereich der Chips für den Mobilfunkeinsatz, die so nicht vorhersagbar war. Und es ist auch die logische Folge daraus, dass wir im zweiten Quartal unseres Geschäftsjahres den Tiefpunkt erreicht haben. Das Halbleitergeschäft ist zwar ein Frühzykliker. Aber die Vorhersehbarkeit bis zum Ende des Jahres ist dennoch gering.

Sollte sich der Markt erholen, ist es an der Zeit für eine Konsolidierungsphase?

Es gibt einen klaren Trend zu Unternehmen, die sich auf die Zulieferung von Chips für bestimmte Branchen konzentriert haben - etwa für die Autoproduzenten oder die Industrie. Technische Führerschaft, Entwicklungspotential, gepaart mit einer guten Kostenposition, sind heute entscheidend. Mittelfristig sehen wir den Konsolidierungsdruck der Branche zunehmen.

Und Infineon überlebt das?

Ja. Wir sind mit unseren Produkten führend. Unsere Marktposition wollen wir weiter ausbauen. Damit wären wir in einer Konsolidierungsphase ein aktiver Spieler. Und wir werden durchaus in der Lage sein zuzukaufen.

Das Gespräch führte Rüdiger Köhn.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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