Von Stephan Finsterbusch
11. Mai 2008 Kleiner, leichter, preiswerter: Die Computerindustrie steht vor neuen Horizonten. Wenn der größte PC-Hersteller der Welt, Hewlett-Packard (HP), noch in diesem Monat ein preiswertes Mini-Notebook in Europa herausbringt, wird das viel Bewegung in die unterste Marktetage bringen. Denn nachdem in den zurückliegenden Monaten der taiwanische Hersteller Asustek mit seinem kleinen Billiglaptop für viel Wirbel in der Branche sorgte, wollen nun die großen Konkurrenten von HP bis Dell, von Acer bis Lenovo nachziehen.
Zunächst jedoch besetzen andere die Nische. Maxdata und Packard Bell haben bereits preiswerte mobile Rechenzwerge auf dem Markt. Ende der Woche läutet der deutsche Laptopbauer Brunen-IT den Verkaufsstart für ein Mini-Notebook der Hausmarke One ein. Bis Anfang Juni wollen der Potsdamer Hersteller Fukato und die niederländische Van-der-Leds-Gruppe mit billigen und leistungsstarken Maschinen gleichgezogen haben. Dann dürften auch die ersten Branchenriesen mit ihren Produkten im Rennen sein.
50 Millionen Notebooks im Einsatz
Seit Asustek im Oktober das kaum ein Kilogramm schwere und 300 Euro teure Miniatur-Notebook Eee-PC vorstellte, verkaufte das Unternehmen mehr als eine Million dieser technisch leicht abgespeckten, aber voll funktions- und internetfähigen Geräte. Deshalb hatte der Chiphersteller Intel im Februar prognostiziert, dass Anfang kommender Dekade 50 Millionen dieser Notebooks im Einsatz sein könnten. Das wäre ein Fünftel des gesamten heutigen Absatzvolumens der Computerindustrie. Im März ließ Asustek verlauten, allein in diesem Jahr 4 Millionen Superkompakt-Laptops verkaufen und damit einen Umsatz von mehr als 1 Milliarde Dollar erzielen zu wollen.
Die großen Hersteller horchten auf. Die Miniaturisierung preiswerter Computer hatte nicht nur Charme, sie versprach auch neue Kunden, steigende Absätze und höhere Marktanteile. So holte Anfang April der Branchenprimus HP die Pläne für ein eigenes Billig-Laptop aus der Schublade. Wenig später erklärte Michael Dell, auch sein Unternehmen werde fortan mit einem Sub-Notebook auf Kundenfang gehen. So hat mittlerweile jeder wichtige Anbieter die unterste Produktkategorie fest im Visier. Der Trend zu sehr kleinen Notebooks wird stärker, sagte Jan Schneider von der Maxdata AG.
Marktlücke zwischen Mobiltelefonen und Laptops
Schon vor einem Jahr hatte der Mitbegründer des Software-Konzerns Microsoft, Paul Allen, einen leichten, kompakten und tragbaren Computer im Taschenformat herausgebracht. Er sollte die Marktlücke zwischen leistungsfähigen Mobiltelefonen und traditionellen Laptops füllen. Dafür hatte Allen den Ingenieuren seiner privaten Entwicklungsstudios Vulcan Portals Inc. drei Jahre Zeit gegeben. Die im Frühjahr 2007 vorgestellte Flip-Start galt zwar als technische Meisterleistung, doch mit 2000 Dollar je Stück war sie für viele potentielle Kunden zu teuer.
Die hohen Preise für die Geräte stimmten auch Analysten zunächst skeptisch. Beobachter wie Tim Bajarin vom Beraterhaus Creative Strategies hatten vor zwei Jahren prognostiziert, dass die Hürde von einer Million verkaufter Mini-Laptops frühestens im Jahr 2009 genommen werden dürfte - es sei denn, der Stückpreis falle unter die Grenze von 600 Dollar.
Atom-Chip kostet heute 20 Dollar
Die Hersteller von Prozessoren waren seit geraumer Zeit auf den Plan gerufen. Intel arbeitete seit 2003 an Billigchips für preiswerte Computer. Der Prozessorenbauer ließ seine Entwickler einen Baustein entwerfen, der einerseits den oft eingeschränkten Bedürfnissen reisender Computernutzer gerecht werden und andererseits den Preis herkömmlicher Prozessoren deutlich unterlaufen sollte. Der sogenannte Atom-Chip kostet heute 20 Dollar. Das ist ein Viertel des Preises herkömmlicher Bausteine zur Steuerung eines Computers. Die Intel-Konkurrenten Via Technologies und AMD zogen mit eigenen Prozessoren nach.
Eines ihrer Ziele war es, eine Stiftung von Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu unterstützen. Die Forscher wollten Computer für 100 Dollar herstellen lassen, um Kinder in armen Regionen der Welt damit zu beliefern. Mit den neuen preiswerten Rechenbausteinen der Chiphersteller stand die Computerbranche vor neuen Möglichkeiten. Denn auch die Kunden im Westen interessierten sich für die preiswerten Kindercomputer der MIT-Stiftung.
Dann sind wir alle in Schwierigkeiten
So war Asustek Anfang des Jahres mit dem Eee-PC schon auf dem Durchmarsch. Hersteller wie Sony blicken mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklung. Denn klein ging zwar immer, doch nun soll es auch noch billig werden. Der japanische Konzern bietet zwar seit einigen Jahren kleine, leichte und leistungsstarke Notebooks an. Aber die Preise für die Maschinen liegen weit über dem, was die Konkurrenten aus Taiwan für ihr Modell verlangen. Wenn Asustek mit dem billigen Eee-PC Erfolg habe, hatte der Vizepräsident der Sony-IT-Produktabteilung, Mike Abary, im Februar gesagt, sind wir alle in Schwierigkeiten.
Das Management von Hewlett-Packard gibt sich gelassener. Die Herausforderung nehmen wir sportlich, meinte Vorstandschef Mark Hurd. HP sei mit einem Anteil von 18 Prozent weltweiter Marktführer bei Personalcomputern, habe die größte Produktpalette und ein enges Vertriebsnetz. Die erste Serie des neuen, keine anderthalb Kilogramm schweren und 500 Dollar teuren Hightech-Geräts sei in Amerika binnen einer Woche ausverkauft gewesen. Über Absatzzahlen will Hurd nichts sagen. Nur so viel: Wir wissen, was zu tun ist. In Europa wurde die Maschine in Großbritannien getestet. Nun soll sie auf dem gesamten Kontinent in den Handel kommen und den Markt erobern.
Eine Größe passt allen
Auch die Computergruppe Fujitsu Siemens hat Pläne für den Ausbau der eigenen Mini-Serie. Deutschland-Chef Hans-Dieter Wysuwa meinte, die Philosophie Eine Größe passt allen sei in der Computerbranche nicht mehr zeitgemäß. Asus sei in eine Lücke gestoßen. Wysuwa weist aber auch darauf hin, dass Mini-Laptops eine Spielecke für Lebenskünstler mit dünnen Gewinnspannen seien. Für einen nachhaltigen Erfolg müssten die Maschinen mehr sein als nur tragbare Internet-Anschlüsse. So brachte Fujitsu Siemens im vergangenen Jahr mit den Esprimo-Modellen eine Serie heraus, die das Produktportfolio nach unten ergänzte.
Unterdessen drückt Asustek weiter aufs Tempo. Im Juni werden die Taiwaner ein neues Modell ihres Mini-Computers auf den Markt bringen. Es soll erstmals mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows XP ausgestattet sein und größere Speicherkapazitäten als das Vorgängermodell haben. Das aber hat seinen Preis. Er dürfte bis zu einem Drittel über dem des heutigen Eee-PC liegen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Brand, AP, ddp, Hersteller, REUTERS