Von Marion Kamp
04. Oktober 2007 Dass Nokia einst Gummistiefel produzierte, war bislang nur für manche Wettbewerber eine Genugtuung. Nun verweisen die Finnen vor versammelter Presse selbst darauf. Nicht, weil sie wieder Stiefel produzieren wollten, sondern um ihre Wandlungsfähigkeit zu dokumentieren. Nun will Nokia außer Handys auch Inhalte für das Internet ("Content") bereitstellen: Unter dem Namen "Ovi", einer neuen Dachmarke, will man im Web eine Community, digitale Straßenkarten und Stadtführer sowie Musik und Spiele offerieren, die sich auf Mobiltelefon oder PC laden lassen.
Ovi - das klingt zunächst wie eine Baumarktkette, ist aber der finnische Begriff für "Tür". Man will in einen Markt eindringen, in dem bislang vor allem Apple mit seinem Online-Musikvertrieb iTunes erfolgreich ist. Im vergangenen Jahr kaufte Nokia für 60 Millionen Euro den Musikanbieter Loudeye. Des weiteren schloss man Verträge mit EMI, Sony BMG, Warner und Universal ab. Sie alle sollen Inhalte zum ersten Ovi-Dienst beitragen: dem Nokia Music Store (http://music.nokia.com). Die Online-Plattform startet noch in diesem Herbst mit etwa einer Million Musikstücke - seien es Titel international erfolgreicher Bands, unabhängiger Labels oder lokaler Künstler. Besonders praktisch: Wem es schwerfällt, sich auf Anhieb für bestimmte Songs zu entscheiden, der kann eine Wunschliste im Netz zusammenstellen und sie zu einem späteren Zeitpunkt laden.
Der Haken: Nur WMA-Format mit Kopierschutz
Wie in der Branche üblich, sollen die einzelnen Stücke für etwa einen Euro zu haben sein. Ein komplettes Album oder ein monatliches Abonnement kostet circa 10 Euro. Doch die Sache hat einige Haken. So lässt sich lediglich Musik im WMA-Format (Windows Media Audio) mit digitaler Rechteminderung (DRM) laden, Apple hingegen bietet auch Titel ohne Kopierschutz an, die beliebig oft nutzbar sind. Zudem ist der Nokia Music Store nichts für spontane Menschen, denn ohne ein im Voraus eingezahltes Guthaben (rund 10 Euro) können sie keine Lieder kaufen. Eine weitere Hürde: Der Download gelingt ausschließlich mit Hilfe des PCs oder einem neuen Nokia-Handy der N-Serie.
In Rahmen der Restrukturierung will Nokia im November ferner eine weitere Entertainment-Plattform von Ovi eröffnen: Über www.n-gage.com können Anwender Spiele laden, sie kostenlos ausprobieren oder kaufen (etwa sieben bis zwölf Euro). Ferner lassen sich Spiele für die Nutzungsdauer eines Tages oder einer Woche erwerben. Beliebte Titel wie Fifa 08, Tetris oder die Tiger-Woods-PGA-Tour sowie die Möglichkeit, sich online mit anderen Spielern auszutauschen und diese herauszufordern, machen die Website attraktiv.
Namenhafte Partner
Schade jedoch, dass auch hier die Inhalte nur einer beschränkten Nutzergruppe zur Verfügung stehen: Nur mit der wenig erfolgreichen N-Gage-Konsole sowie bestimmten Nokia-Handys kommt man in den Genuss der unterhaltsamen Inhalte. Wenn Ovi und die dazugehörigen Dienste wirklich erfolgreich werden sollen, haben die Finnen also noch einige Aufgaben zu bewältigen. Die Ovi-Seite www.ovi.com soll dann Ende des Jahres auf Englisch zugänglich sein, wobei Versionen in anderen Sprachen für das erste Halbjahr 2008 geplant sind. Mit namhaften Partnern wie Google, Yahoo, Flickr und Youtube will Nokia das Angebot kontinuierlich ausbauen.
Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite T2
Bildmaterial: AFP
