Steve Wozniak

Der Brüter vom Silicon Valley

Von Winand von Petersdorff

Steve Wozniak: Der Erfinder des PC

Steve Wozniak: Der Erfinder des PC

07. November 2006 Manche Menschen pflegen in den besten Tagen ihrer Jugend außergewöhnlich langweilige Hobbys wie das Amateurfunken. Sie blättern in Ingenieurzeitschriften, löten obskure Geräte zusammen, und bums! haben sie die Welt verändert. Vielleicht hätte ein zärtlicher Kuß alles verhindert. Aber kein interessiertes Mädchen kreuzte den Weg dieser einsamen Brüter.

„Ich habe mich weiterhin mit Elektronik beschäftigt, als viele der anderen abends ausgingen, mit dem Trinken begannen und auch zu Knutschpartys gingen, so muß man sie wohl nennen“, schreibt Steve Wozniak. Man spürt in diesen Worten Verwunderung und leichte Empörung. Das muß 1965 oder 1966 in Sunnyvale mitten im heutigen Silicon Valley gewesen sein, Wozniak war 15 Jahre alt.

Elektronik statt Knutschpartys

40 Jahre später in einem Hotel in Frankfurt. Wozniak hat eine Reihe von Interviews hinter sich. Es geht um sein Buch iWoz, das jetzt auf deutsch erschienen ist. Er setzt sich für die Fotografin auf ein Sofa der Eingangshalle und versucht seinem Blick etwas Magisches zu geben, indem er seine Lider aufreißt. Gewöhnlich schaut Wozniak eher lauernd. Er trägt Bart, Pullover und einen Bauch. Er trinkt Tee und ist freundlich.

Dieser Mann hat das Leben vieler Menschen verändert. Er hat nicht nur die erste richtige Computerfirma Apple mitgegründet, er hat im Alleingang den Apple II konstruiert und damit das Vorbild für alle Personalcomputer, die danach folgten, gegeben. Wozniak hilft gerne, die Lebensleistung richtig einzuordnen. „Das, was Henry Ford für die Automobilindustrie war, das war ich in meiner Zeit, als ich die ersten Personal Computer sehen und konstruieren konnte.“ Ein Satz, wie ihn nur Amerikaner von sich geben können.

Ein Angeber?

Es wäre falsch, Wozniak als Angeber abzutun. Er sagt die Wahrheit. Zwei Männer haben Apple gegründet. Der eine heißt Steve Jobs, ist wieder Chef und immer noch Großaktionär von Apple, gilt als Retter des Konzerns, hält visionäre Reden auf Computermessen und hat der Welt zuletzt den iPod geschenkt. Jobs ist heute Apple. Und wer war noch mal der andere?

Steve Wozniak geht es um Richtigstellung: „Vieles, was über mich geschrieben wird, ist falsch. Deshalb begann ich die Bücher über Apple und über die Entwicklung des Unternehmens aus tiefstem Herzen zu hassen. Da gibt es beispielsweise Geschichten, daß ich das College abgebrochen hätte - das stimmt nicht - oder daß ich von der University of Colorado geflogen wäre - stimmt auch nicht -, daß Steve (Jobs) und ich in der High School Klassenkameraden gewesen wären - wir waren einige Jahrgänge auseinander - und daß Steve und ich die ersten Computer gemeinsam konstruiert hätten - auch das stimmt nicht, ich habe sie ganz alleine gebaut.“

Im Schatten von Steve Jobs

Wozniak hat es schwer, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Er ist der Prototyp des Nerds. Das ist ein amerikanischer Ausdruck, für den das Internetlexikon Wikipedia folgende Übersetzung liefert: „Nerd ist eine meistens abwertend gebrauchte Bezeichnung für Personen, die sich besonders mit Computern oder anderen Bereichen aus Wissenschaft und Technik beschäftigen, deren soziale Kompetenzen aber entweder schwach ausgeprägt sind oder diesen Eindruck zumindest erwecken. Des weiteren liegen die Interessen der Nerds häufig bei Science fiction oder Fantasy. Manchmal wird als besondere Kennzeichnung ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient (IQ) genannt.“

Wozniak wurde in der Schule ein IQ von über 200 bescheinigt. In der sechsten Klasse begannen seine Klassenkameraden, sich von ihm abzuwenden. Wozniak hat das nie richtig verstanden. Im Buch steht der nüchterne Satz: „Also gehörte ich nicht mehr dazu.“ Gleichzeitig hatte Wozniak eine Vorliebe für die Science-fiction-Figur Tom Swift jr., der Held einer Buchreihe war.

Der Prototyp des Nerds

Einen gravierenden Unterschied allerdings gibt es: Man ahnt eine große innere Kraft in Wozniak. Er wollte mit technischen Erfindungen die Welt besser machen und mit alten Regeln brechen.

Heute behauptet Wozniak, daß er schon in frühen Jahren die Vision für den PC für die ganze Familie hatte. Computer waren damals größer als amerikanische Kühlschränke, so teuer wie ein Eigenheim und kompliziert in der Anwendung. Benutzen konnten sie nur Anwender, die Computersprachen beherrschten.

Als Computer größer als Kühlschränke waren

Vor diesem Hintergrund hatte Wozniaks Vision eines PCs für alle Format. Das Forum für solche Gedankengebäude war der Hombrew Computer Club. Im März 1975 trafen sich zum ersten Mal Computer-Enthusiasten und -Ingenieure in der Garage eines Mitglieds in Menlo Park am Rande des Silicon Valleys. Deren Mitglieder („Keiner sah wirklich gut aus - ha!“, schreibt Wozniak) arbeiteten bei Firmen wie Hewlett Packard, Intel oder Atari, waren in der Regel Ingenieure, die sich alle für die Vision des erschwinglichen Computers für den Hausgebrauch begeistern ließen. Auch Steve Jobs gehörte dazu.

Der Anreiz der Mitglieder dieses Clubs war anfangs nicht das Geld. Die Ingenieure der aufblühenden Computer- und Speicherchipindustrie begriffen sich als Pioniere an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Sie tauschten freimütig ihre frischen Erkenntnisse über neue technische Errungenschaften aus. In diesem Rahmen traute sich auch das schüchterne Wunderkind Wozniak, das Wort zu ergreifen. Einmal, um seinen Apple I vorzustellen, und das nächste Mal für die Präsentation des Apple II.

Pioniere eines neuen Zeitalters

Beide Geräte hatte Wozniak nach Feierabend konstruiert. Steve Jobs hatte die Idee, Wozniaks Herzstück für den ersten Apple, die Platine, in Serie herzustellen und zunächst an die Mitglieder des Homebrew Computer Clubs zu verkaufen. Dafür gründeten die beiden Steves im Herbst 1975 Apple. Es blieb zunächst ein Nebenerwerb, denn Wozniak war glücklich als Entwickler von Taschenrechnern bei Hewlett Packard.

Im Sommer hatte Wozniak den Apple II fertiggestellt. Die beiden Steves brauchten Finanziers für dessen Bau und Vermarktung und gewannen den Investor Mike Markkula, der den Hobbyunternehmern die unvorstellbar hohe Summe von 250.000 Dollar geben wollte, weil er die große Chance witterte.

Die beiden Steves

Wozniak sperrte sich zunächst, seinen Job bei Hewlett Packard aufzugeben. Erst nach Zusicherung, stets Entwickler bleiben zu dürfen und nie Manager werden zu müssen, erklärte er sich einverstanden, nur noch für Apple zu arbeiten. Damals gab es schon erste Anzeichen der Entfremdung von Jobs. 1977 wurde Apple offiziell gegründet, und schon bald verkaufte die Firma 10.000 Apple-PCs im Monat. 1980 kam Apple an die Börse, es war der größte Börsengang seit Ford. „Wir waren plötzlich Legende geworden und steinreich.“ Wozniak verkauft einen Teil seiner Aktien deutlich unter Preis an enge Mitarbeiter, die so reich wurden. Jobs mißbilligte die Aktion, schreibt Wozniak.

1981 war die Apple-Story für den Tüftler schon zu Ende. Er stürzte mit seinem kleinen Privatflugzeug ab, verlor vorübergehend Teile seines Gedächtnisses und nutzte die Wochen der Genesung, über sein Leben nachzudenken. Er begann sich an der Universität in Berkeley einzuschreiben, um seinen Collegeabschluß unter einem Pseudonym zu vollenden. Er veranstaltete 1982 und 1983 zwei große Open-air-Konzerte und verlor damit mehr als 20 Millionen Dollar. Doch jene Zeit beschreibt er als die glücklichste seines Lebens.

„Wir waren eine Legende und steinreich“

Nach dem College ging er zu Apple zurück, um als einfacher Ingenieur zu arbeiten. 1985 verließ er die Firma, was der alte Mitstreiter Jobs aus der Zeitung erfuhr. Er gründete eine Gesellschaft für Fernbedienungen, die aber keinen Erfolg hatte. Jobs hatte Zulieferern verboten, die Firma zu beliefern, was Wozniak heute noch empört.

Von 1988 an kümmerte er sich um seine Kinder und begann Fünftkläßler in Informatik zu unterrichten. 2001 gründete er eine neue Firma für drahtlose Produkte. Dann schrieb er das Buch iWoz. Jetzt hegt er Pläne für ein weiteres Unternehmen und plant ein neues Open-air-Konzert. Mit Steve Jobs ist er wieder versöhnt. Auch auf der Lohnliste von Apple steht Wozniak noch, für rund 10.000 Dollar im Jahr. Das sind 9999 Dollar mehr als Jobs, der für die Leitung des Unternehmens nur einen Dollar nimmt.

Der Mensch

Stephen Wozniak wurde am 11. August 1950 in Sunnyvale im heutigen Silicon Valley geboren. Sein Vater, ein Lockheed-Ingenieur, weckte in dem hochbegabten Jungen die Leidenschaft für Elektronik. Bereits im Alter von 13 Jahren konstruierte er einen Taschenrechner. Er studierte Ingenieurwissenschaften, brachte das Studium aber erst nach der Gründung von Apple und nach einem Flugzeugabsturz zu Ende. Der Amerikaner ist dreimal geschieden und hat drei Kinder.

Das Unternehmen

Steve Jobs verkaufte einen VW Bulli, Steve Wozniak einen Taschenrechner, um 1976 das Startkapital für ihre Computerfirma Apple zusammenzubekommen. Das erste Erfolgsprodukt war der von Wozniak konstruierte Apple II, der sich zwei Millionen Mal verkaufte. Nachfolgeprojekte gerieten zu Flops. Wozniak und später Jobs verließen das Unternehmen. Jobs kam zurück und leitet die Firma wieder. Auf dem globalen Computermarkt hat Apple einen Marktanteil von drei Prozent.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 48
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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