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Von Marcus Theurer

I-Pod und MP3 Player bedrohen das klassische Radio

I-Pod und MP3 Player bedrohen das klassische Radio

23. August 2006 Zweimal im Jahr muß Monika Piel traurigen Wahrheiten ins Auge blicken. Alle sechs Monate nämlich bekommt die Hörfunkdirektorin des Westdeutschen Rundfunks (WDR) die sogenannte Media-Analyse Radio auf den Schreibtisch. Die mißt die Hörerreichweite der Sender und ist deshalb eine wichtige Meßlatte im Radiogeschäft. Piel kann darin regelmäßig schwarz auf weiß nachlesen, daß junge Hörer den WDR nicht mehr mögen: Beim hauseigenen Jugendsender Eins live sinkt die Reichweite gewaltig. 5,8 Prozent betrug das Minus von Eins live bei der jüngsten MA Radio gegenüber dem Vorjahr.

„Wirklich heftig“ sei der Quotenrutsch der vergangenen Jahre, klagt Piel. Insgesamt sei die Reichweite bei Hörern bis 30 Jahren in den vergangenen fünf Jahren um fast zehn Prozent gesunken. „Etliche junge Leute haben sich vom Radio verabschiedet“, sagt die Kölner Radiochefin.

WDR-Jugendwelle Eins live verliert Hörer an Podcasts: Moderatorin Catherine V...

WDR-Jugendwelle Eins live verliert Hörer an Podcasts: Moderatorin Catherine Vogel

200 Kilometer weiter südlich, im hessischen Bad Vilbel bei Frankfurt, plagen Hans-Dieter Hillmoth ganz ähnliche Sorgen. Der erfahrene Privatradiomacher Hillmoth ist Geschäftsführer des hessischen Senders FFH, zu dem auch die Jugendwelle Planet-Radio gehört. „Der Trend, daß junge Leute weniger Radio hören, hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt“, sagt auch Hillmoth. Das Radio ist zwar neben dem Fernsehen und vor der Zeitung und dem Internet das meistgenutzte Medium. Doch die jungen Hörer kommen den Senderchefs zunehmend abhanden.

Austauschbare Musikauswahl

Längerfristig könnte das vor allem für die Privatradios, die von Werbeeinnahmen leben, eine gefährliche Entwicklung sein, denn mit sinkender Hörerschaft schrumpft auch das Interesse der werbetreibenden Wirtschaft am Radio. Bisher ist das Privatradio dagegen im Vergleich zum Fernsehen zwar ein kleines, aber feines Geschäft. RTL etwa erzielt im privaten Hörfunk hierzulande deutlich höhere Renditen als mit seinen Fernsehsendern. Vielerorts gibt es im deutschen Privatradiomarkt Monopole.

Fachleute machen vor allem eine fade und austauschbare Musikauswahl für das wachsende Desinteresse der Jugend am Radio verantwortlich. „Die Bindung junger Leute an einen Sender läuft immer noch vor allem über Musik“, sagt der Radioexperte Wolfgang Hünnekens von der Berliner Agentur Publicis. Doch die Bindung gelingt den Radiomachern offenbar immer schlechter.

Formatradio Ursache für sinkendes Interesse

Auf den ersten Blick ist das überraschend, denn die großen Radiosender - private wie öffentlich-rechtliche - betreiben einen gewaltigen Aufwand, um den Musikgeschmack ihrer Hörer zu treffen. „Wir geben jedes Jahr eine Million Euro für Marktforschung aus“, sagt FFH-Chef Hillmoth. Wie andere Sender läßt FFH wöchentlich einer Gruppe von rund 150 Testpersonen Musiktitel vorspielen, um so deren Radiotauglichkeit zu testen. Die verschiedenen „Musikfarben“ werden in diesem sogenannten Formatradio systematisch katalogisiert und bestimmten Hörerzielgruppen zugeordnet. Was nicht in das rigide Schema paßt, wird auch nicht gesendet.

Für Tim Renner, Gründer des Berliner Musikradios MotorFM, ist allerdings gerade das Formatradio eine der Hauptursachen für das sinkende Interesse am Hörfunk. „Die meisten Sender in Deutschland spielen - getrieben von ihren Markttests - nur noch Musik, die die Leute schon kennen, oder die so klingt, wie Musik, die sie schon kennen“, kritisiert Renner, der bis vor zweieinhalb Jahren Deutschlandchef des weltgrößten Musikkonzerns Universal Music war. Letztlich führe die Ausrichtung an der Marktforschung zu einer langweiligen Musikauswahl des kleinsten gemeinsamen Nenners. „Es wird praktisch jede Form von musikalischer Neuigkeit aus dem Programmschema herausgefiltert“, beklagt er.

I-Pod bietet mehr Abwechslung

Radio der Zukunft: Mit dem I-Pod stellt sich jeder Hörer sein eigenes Program...

Radio der Zukunft: Mit dem I-Pod stellt sich jeder Hörer sein eigenes Programm zusammen

Lange war das kein allzu großes Problem für die Sender. Doch seit dem Siegeszug des tragbaren Apple-Musikspielers I-Pod kann jeder Musikfan praktisch seine gesamte CD-Sammlung in der Jackentasche mitnehmen. Damit werden die Hörer ihre eigenen Programmchefs. „Die meisten Radiosender spielen heute die immergleichen 250 bis 750 Musiktitel, da ist der I-Pod für viele die bessere Wahl“, glaubt Renner. Er sieht deshalb nur eine Chance für die Sender: „Wir müssen das Radio wieder zur Informationsquelle machen, die den Leuten Musik bietet, die sie noch nicht kennen, denn das kann der I-Pod nicht.“

Daß tatsächlich vielen Hörern das Musikprogramm der Radiosender mittlerweile zu fad geworden ist, zeigt der Erfolg der sogenannten Podcasts - einer Wortschöpfung zusammengesetzt aus I-Pod und to broadcast, dem englischen Wort für senden. Mit dieser seit etwa zwei Jahren immer populärer werdenden Technik kann sich jeder sein eigenes Radioprogramm zusammenstellen: Eine spezielle Software (Podcatcher), sammelt im Internet abgelegte regelmäßige Radiobeiträge (Podcasts) selbsttätig ein und lädt sie auf den Computer. Von dort können sie auf den I-Pod oder andere digitale Musikspieler kopiert werden. Das ist eigentlich im Vergleich zum Radio ein ziemlich umständliches Verfahren. Um so überraschender ist es, daß Podcasts, wie Piel und Hillmoth einräumen, den etablierten Radiosendern immer mehr zu schaffen machen.

Hippe Plattform spricht junge Leute an

Im Netz gibt es mittlerweile eine riesige Auswahl solcher kostenloser Podcasts (siehe zum Beispiel www.podcast.de). Häufig werden die Musikprogramme oder auch Wortbeiträge von Amateuren produziert. Doch auch viele Radiosender versuchen die Hörer bei der Stange zu halten, indem sie selbst Podcasts anbieten. Video-Podcasts, die Bild und Ton verbinden, gibt es ebenfalls bereits. Kultstatus hat wegen seiner unfreiwilligen Komik etwa der etwas steif geratene Podcast von Angela Merkel erlangt (www.bundeskanzlerin.de).

Renners Minisender Motor FM hat zur Zeit 28.000 Abonnenten für seine kostenlosen Podcasts, was relativ viel ist, denn im traditionellen Radio hören täglich nur etwa 50.000 Hörer den lediglich in Berlin und Stuttgart empfangbaren Musikkanal. Noch gibt es keine zuverlässigen Zahlen, wie viele Hörer mittlerweile in Deutschland Podcasts nutzen. Doch beim WDR glaubt man mit der neuen Technik auch junge Hörer besser halten zu können. „Radio wird von jungen Leuten als altes Medium angesehen, aber über eine hippe Plattform wie Podcasts vertrieben, nehmen auch sie es an“, sagt Piel. Allerdings sind diese offenbar nicht nur für junge Popmusikfans interessant. Beim WDR zählt zum Beispiel die Geschichtssendung „Zeitzeichen“ zu den beliebtesten Podcasts.

Daß I-Pod und Podcast das Radio komplett verdrängen, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Aktuelle Informationen wie Wetterbericht und Nachrichten können die Hörfunk-Konserven aus dem Internet nicht bieten. „Aber das Radio wird Teile der Höreraufmerksamkeit verlieren und das wird auch die Werbeeinnahmen unter Druck bringen“, erwartet Marketing-Fachmann Hünnekens.

Text: F.A.Z., 23.08.2006, Nr. 195 / Seite 16
Bildmaterial: obs, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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