25 Jahre Computervirus

Als die Rechner krank wurden

Von Marco Dettweiler

10. November 2008 Eines der ersten Computerviren konnten Studenten bestaunen. Fred Cohen brachte es am 10. November 1983 in sein Seminar an der University of Southern California mit. Nur eine Woche zuvor entstand die Idee für ein Programm, das sich selbst vermehrt. Das Schreiben des Codes dauerte acht Stunden. Der Professor des Seminars, Leonard Adleman, nannte das Programm ein Virus. Die digitale Krankheit nahm ihren Lauf.

Wer die Geschichte des Computervirus anders schreiben will, datiert den Beginn der Epidemie auf ein Jahr früher. Richard Skrenta ging noch zur Schule, als er „Elk Cloner“ programmierte. Der Fünfzehnjährige tauschte häufig mit anderen Schülern illegal Spiele aus. Eines Tages versteckte er ein Programm auf den Disketten seiner Freunde, das sich rasch über neu infizierte Datenträger verbreitete. Bei jedem 50. Zugriff färbte sich der Bildschirm schwarz - und stellte ein von Skrenta geschriebenes Gedicht dar.

Pro Tag bis zu 5000 Schädlinge

Der Computerwissenschaftler Fred Cohen veröffentlichte 1984 in seiner Doktorarbeit eine Definition des Phänomens, die bis heute gilt. „Ein Computervirus ist ein Programm, das andere infizieren kann, indem es sie verändert, um veränderte Versionen von sich selbst hinzufügen zu können.“ Die Produktion der Schädlinge steigt seit jener Zeit stetig an, in den vergangenen Jahren allerdings exponentiell. „Zur Zeit erscheinen pro Tag bis zu 5000 neue Schädlinge - pro Jahr also fast zwei Millionen“, sagt der Russe Jewgeni Walentinowitsch „Eugene“ Kaspersky. Er ist Chef und Gründer des nach ihm benannten Anti-Viren-Unternehmens Kaspersky Lab.

Richard Skrenta spielte anderen einen Streich, und Fred Cohen wollte forschen. Heute jedoch wollen die Programmierer von Viren vor allem betrügen. „Wir haben es nicht mehr mit Amateuren zu tun, sondern mit kriminellen Geschäftsleuten“, sagt ein Sicherheitsfachmann der Firma Symantec. Die Viren haben mittlerweile fiese Verbündete bekommen: Würmer kriechen durch den Computer auf der Suche nach einer Sicherheitslücke, und Trojaner nisten sich ein, um auf das Zeichen für einen Angriff zu warten.

„Eine kriminelle Industrie ist hier entstanden“

„Es gibt eine regelrechte Arbeitsteilung: Der eine programmiert Malware, die E-Mail-Adressen stiehlt, der Nächste erstellt Spam-Mails für diese Adressen und der Dritte betreibt das Botnetz, über das diese Spams versandt werden“, sagt Kaspersky. „Eine kriminelle Industrie ist hier entstanden.“ Die Cyberkriminellen seien meist auf der Suche nach Kontoinformationen, Kreditkartennummern, Logins, Passwörtern, virtuellen Identitäten sowie Accounts für Online-Spiele. Das Bundeskriminalamt zählte 2007 im Bereich Computerkriminalität 34.200 Anzeigen. Darunter waren 4200 Fälle von Phishing, dem Klau von Passwörtern.

Das Computervirus ist eine existentielle Bedrohung geworden. Anfang des Jahres stellte das Kölner Landgericht in einem Urteil fest: Wer online seine Bankgeschäfte erledigt, muss selbst für einen ausreichenden Schutz vor Cyberkriminellen sorgen. Sonst muss der Kunde den finanziellen Schaden tragen. Die digitalen Zeiten sind vorbei, als Viren noch in Form von schwarzen Bildschirmen, springenden Ping-Pong-Bällen und purzelnden Buchstaben den Computer infizierten.

Das Böse kommt mit der Liebe

Schon im Jahr 1992 konnte bei „Michelangelo“ keiner mehr über eine gelöschte Festplatte schmunzeln. Als der CIH-Virus - auch Tschernobyl genannt - den Rechner vollständig lahmlegte, begannen die Nutzer, die Virenschleuderer zu hassen. Das Böse schlich sich im Jahr 1999 auf den Rechner mit verführerischen Namen wie „Melissa“ und ein Jahr später mit „Loveletter“, um Dateien zu fressen. „SQHell“ erlangte 2003 den Ruhm, das schnellste Virus aller Zeiten zu sein. Im gleichen Jahr konnte sich der Erfinder von „Sobig.F“ damit brüsten, sein Virus am weitesten verbreitet zu haben.

Berühmt zu werden hatte vermutlich auch Sven Jaschan im Sinn. Der damals 17 Jahre alte Schüler aus Waffensen in Niedersachsen nutzte eine Sicherheitslücke im Windows-Betriebssystem, um den schädlichen Wurm „Sasser“ auf möglichst vielen Computern einzunisten. Microsoft war es 250.000 Dollar wert, dass der „Sasser“-Erfinder gefasst wird. Ein Freund verpfiff ihn, Jaschan wurde zunächst zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt, die Strafe wurde dann aber zur Bewährung ausgesetzt. Allerdings musste er dafür 30 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Seit November 2005 keine große Verbreitung mehr

Die Virenproduktion nimmt seit Jahren rasant zu. Doch parallel steigen auch das Tempo und die Erfolgsquote bei der Bekämpfung der Schädlinge. „Im Kaspersky Lab dauert es von der Entdeckung bis zur automatischen Verteilung der Signatur an unsere Kunden im Normalfall maximal 40 bis 60 Minuten“, sagt der Gründer und Chef des Unternehmens. Die Qualität der Anti-Viren-Programme sei sicherlich mit ein Grund, dass sich seit November 2005 kein Virus mehr in großem Ausmaß verbreitet hat, vermutet Frank W. Felzmann vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).

Fängt sich ein Nutzer trotz aller Sicherheitsmaßnahmen ein Virus, einen Wurm oder Trojaner ein, kann es häufig zu spät sein. „Wenn Sie beim Online-Banking eine Überweisung tätigen und das Geld wird durch ein Trojanisches Pferd auf das Konto der Kriminellen umgeleitet, merken Sie in der Regel nicht sofort etwas davon“, sagt Felzmann. Der Mann vom BSI muss sich nur beruflich mit den Sicherheitsrisiken des Online-Banking beschäftigen: Seine Bankgeschäfte erledigt er noch immer auf traditionelle Art.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: FAZ.NET

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