5 Jahre iPod

Wie die weißen Schnüre in die Ohren kamen

Von Michael Spehr

Viel Nachwuchs in fünf Jahren: die iPod-Familie

Viel Nachwuchs in fünf Jahren: die iPod-Familie

10. November 2006 Die Einladung kam kurzfristig und klang alles andere als bescheiden: Apple wolle ein bahnbrechendes digitales Elektronikgerät vorstellen, aber keinen neuen Macintosh-PC. Was konnte das nur sein? Ein Taschencomputer? Ein Apple-Handy? Als Steve Jobs dann vor fünf Jahren, Ende Oktober 2001, in einer ausgewaschenen Jeans und mit einem schwarzen T-Shirt in der Apple-Hauptverwaltung das Geheimnis aus der Hosentasche zog, war die Enttäuschung groß. Nur ein MP3-Player? Was ist daran bahnbrechend? Jobs hingegen pries den weißen Musikspieler als „das Weihnachtsgeschenk für den Mac-Besitzer schlechthin“, während die professionellen Beobachter skeptisch blieben. „Der wird wohl kaum die Welt verändern“, schrieb der „Spiegel“. Die „Neue Zürcher Zeitung“ zeigte sich ebenfalls enttäuscht: „Es war dann halt einfach ein portabler MP3 Player.“ Der „Stern“ sagte voraus, daß der iPod „kein Umsatzbringer“ werde. Nach der Produktvorstellung büßte die Apple-Aktie mehr als 5 Prozent ihres Wertes ein. Der erste iPod lag Mitte November 2001 in den Geschäften, und mit diesem kleinen Gerät begann tatsächlich eine Revolution des Musikhörens. Überall sieht man sie: „Menschen, denen weiße Schnüre ins Ohr kriechen“ (Katharina Borchert). Der iPod ist neben dem Handy der wichtigste technische Begleiter des mobilen Menschen.

Bis heute hat Apple mehr als 70 Millionen iPods verkauft. Kein anderer tragbarer Musikspieler kann da auch nur annähernd mithalten. Und dabei war es eigentlich unwahrscheinlich, daß ausgerechnet ein Computerhersteller die Welt der digitalen Musik erobern würde. Am Anfang des Jahrtausends hatte sich der Walkman, der Kassettenspieler von Sony und anderen Herstellern, überlebt: Analog war umständlich. Schon seit Anfang der neunziger Jahre arbeitete Sony an einem Nachfolgemedium: einer mehrfach bespielbaren CD, jedoch deutlich kleiner und mit geschickten Rechenverfahren die Musik komprimierend. Die MiniDisc sollte den Walkman beerben und das ideale digitale Medium der Zukunft sein. Nach ersten Kinderkrankheiten arbeitete die Technik perfekt: Musik von der MiniDisc klang so gut wie die CD, es gab Dutzende von portablen Geräten für den Einsatz unterwegs und Decks für die HiFi-Anlage. Man konnte analog und digital überspielen und mit einem Mikrofon eigene Aufnahmen in höchster Qualität anfertigen. Ungeachtet ihrer vielen Vorzüge blieb die MiniDisc ein Nischenprodukt. Sony hatte seiner überragenden Technik so viele Kopierschutz-Fallstricke eingebaut, daß nur echte Freaks überzeugt waren. Schnell mal eben am Computer in wenigen Sekunden eine CD auf MiniDisc kopieren: umständlich. Eigene Mikrofonaufnahmen auf den PC kopieren: verboten. Schneiden von MiniDisc-Musik am PC: verboten. Kopieren von MiniDisc: verboten, und so weiter. So blieb die kleine Scheibe ein Juwel hinter Stacheldraht.

Der iPod war nicht nur schön

Apple machte es besser, für den Kunden einfacher. Wie beim Macintosh eben. Der iPod war nicht nur schön. Er war von Anfang an ein Produkt, das seine Faszination aus dem Design und der unglaublich einfachen Bedienung zog. Ein Display, ein Drehrädchen, ein paar Tasten. Kein Schnickschnack, sondern alles reduziert auf das Wesentliche und dazu die iTunes-Software (anfangs nur für den Mac, ab 2003 auch für Windows), die einfach das tut, was man als Musikhörer will: die Audio-CD in den Computer einlegen und von iTunes in wenigen Sekunden erfassen lassen. Man muß sich um nichts kümmern. Und dann den Player anschließen: was neu auf der Computerfestplatte ist, wird automatisch und in Windeseile auf den iPod übertragen. Gleichzeitig erhält der Akku frische Kraft. In den Anfangszeiten brauchte man den Firewire-Anschluß des Mac, heute ist USB der Standard. Und dann die Bedienung am Gerät: kein Technik-Wirrwarr, sondern eine klare Fokussierung auf die Dinge, die der mobile Mensch für den Musikgenuß braucht: Apple-Tugenden auf den Punkt gebracht. Die Stücke werden wahlweise nach Titel, Interpret, Album oder Playlist sortiert. So behält man den Überblick bei Tausenden von Titeln.

Der erste iPod war aus heutiger Sicht ein bescheidener Anlauf: Er hatte eine 5-Gigabyte-Festplatte für ungefähr 1000 Titel und kostete in Amerika 400 Dollar, bei uns sogar 500 Euro. Im ersten Jahr wurden weniger als 400000 Geräte verkauft, der Durchbruch kam langsam. Andere Geräte konnten (und können) mehr, kamen mit eingebautem Radio, erlaubten direkte MP3-Mitschnitte oder hatten einen wechselbaren Akku. Die Faszination des iPod lag indes in seiner geschickten Verknüpfung von Hard- und Software. Die kostenlose iTunes-Software mit ihrer Playlisten-Verwaltung war bald so gut, daß sogar Leute ohne iPod-Abspieler damit ihre Musik am PC organisierten oder für gelungene Partys vorbereiteten. „Eine unserer größten Erkenntnisse war die Entscheidung, die Musik-Datenbanken nicht auf dem iPod, sondern in iTunes zu verwalten. Andere haben versucht, alles auf dem Gerät selbst zu machen – dadurch wird es so kompliziert, daß es nutzlos wird“, sagte Jobs. 2003 wurde iTunes zu einem Online-Musikladen. Nun konnte man einzelne Titel via Internet kaufen und gleich auf den Player schieben. Der Kopierschutz blieb moderat, die Stücke lassen sich auf beliebig viele iPods und bis zu fünf Rechner übertragen. Im Sommer 2004 hat der iTunes-Store eine Million Titel im Angebot, und es sind insgesamt 100 Millionen Stücke verkauft worden.

Mittlerweile fünfte Generation

Die Hardware ist mittlerweile bei der fünften Generation angelangt. Die iPods zeigen auf ihrem Display auch Fotos an und geben Videos wieder. Der iPod Nano mit Flash-Speicher kommt ohne Festplatte aus und speichert bis zu acht Gigabyte. Das Top-Modell hat heute eine 80-Gigabyte-Festplatte, und seit September lassen sich ganze Spielfilme in den Vereinigten Staaten via iTunes kaufen. Im Januar kommt ein Adapter auf den Markt, der Filme, Musik und Fotos drahtlos auf das Fernsehgerät bringt. Wir haben uns einige Zeit den Nano mit 8 Gigabyte angesehen. Videos gibt er zwar nicht wieder, aber im täglichen Umgang erschließt sich schnell seine Magie: Das kleine Gerätchen im Format eines Feuerzeugs morgens an den PC anschließen, schon hat der Player frische Podcasts aus aller Welt für die Fahrt zur Arbeit. Mit dem iPod gibt es endlich eine einheitliche Schnittstelle für Digitalmusik im Auto, kaum ein großer Fahrzeughersteller kann es sich leisten, die Minis von Apple zu ignorieren. Das verfügbare Zubehör für den iPod ist Legion. Von vollkommen sinnfreien Accessoires bis hin zum aufwendigen Standgerät, das aus ihm eine gestandene Musikanlage fürs Wohnzimmer macht. Der iPod ist indes nicht ohne Fehl und Tadel: Das geschlossene System gefällt nicht jedem, und mit iTunes hat Apple inzwischen eine Marktmacht, die bei der Plazierung von Titeln oder Podcasts ein gewisses Unbehagen hervorruft. Aber heute feiern wir den fünften Geburtstag der kleinen Taschenspieler mit weißen Ohrstöpseln.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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