Von Michael Spehr
21. Juni 2007 Voice over IP, Telefonieren über das Internet: Das war lange Zeit ein Synonym für die Zukunft der Telefonie. Die Sprache wandert dabei nicht durch Leitungen, sondern wird als Datenpaket im Internet verschickt. Man kann also von einem Internet-Gerät zum nächsten plaudern, eine Telefonleitung ist nicht erforderlich, nur ein schneller Zugang zum Netz via DSL oder UMTS. Voice over IP (Voip) ist tatsächlich eine Technik der Zukunft. Alle großen Telekomgesellschaften stellen über kurz oder lang ihre Netze auf Voip um. Davon sollte der Kunde nichts mitbekommen. Aber wie sieht es im privaten Bereich aus? Lohnt sich ein Voip-Anschluss?
In den meisten Fällen nicht. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis zueinander, denn mit den neuen Flatrates für Festnetz und Mobilfunk fährt man besser und günstiger. Wer zu Hause mit der ganzen Familie Voip nutzen will, braucht DSL. Und wenn DSL mit einem Aufpreis von rund 17 Euro zur monatlichen Telefongebühr ohnehin vorhanden ist, kann man bei der Telekom gleich eines der Flatrate-Pakete dazu bestellen. Für 40 bis 50 Euro im Monat sind dann alle Internetgebühren und Festnetzgespräche abgegolten. Gibt es vor Ort einen alternativen Anbieter mit Vollprogramm (Arcor, Alice, Versanet), zahlt man noch weniger. Auch der viel telefonierende Single ist mit Voip schlecht beraten. Eine Handy-Flatrate ist bei Base oder Tchibo für rund 15 Euro im Monat zu haben - und man kann dann überall, auch außerhalb der Wohnung, kostenlos ins Festnetz telefonieren.
Skype für den unkomplizierten Einstieg
Voip hat weitere Nachteile. Der größte Hemmschuh ist die Entscheidung der heutigen Bundesnetzagentur vom Oktober 2004, dass für die Internettelefonie keine Rufnummern zugeteilt werden dürfen, wenn der Teilnehmer nicht in dem Ortsnetz wohnt, dessen Vorwahl er erhält. Ein Voip-Anbieter muss also in allen 5200 Ortsnetzen Rufnummern reservieren, um seinen Dienst flächendeckend anzubieten: von den Kosten her utopisch. Also wurde die Einführung einer 032-Vorwahl beschlossen, und damit nahm das Unheil seinen Lauf: Die 032 ist eine Sonderrufnummer wie die 0180-Vorwahl und zudem aus vielen Netzen gar nicht erreichbar. Anrufe zur 032 und 0180 sind weiterhin teuer und in den gängigen Flatrate-Paketen nicht enthalten. Von einer Voip-Vorwahl 032 oder 0180 ist demnach abzuraten. Es ist also ein Anbieter zu finden, der einem an seinem Wohnort eine herkömmliche Vorwahl beschaffen kann (oder eine bestehende auf Voip portiert). Das alles kann schnell in ein Chaos ausarten.
Richtig sparen lässt sich mit der Internettelefonie bei Telefonaten im Ausland. Der Geschäftsreisende in London, der ohnehin seinen Notebook in das Wireless-Lan des Hotels eingebucht hat, telefoniert beispielsweise mit der kostenlosen Skype-Software umsonst zu anderen Skype-Nutzern oder für weniger als 2 Cent die Minute zu den Lieben daheim. Angesichts der hohen Roaming-Gebühren kann man dies nur empfehlen. Skype läuft auch auf Taschencomputern mit Wireless-Lan und Microsoft-Betriebssystem. Kurzum: Dies ist die Voip-Lösung der Wahl für einen unkomplizierten Einstieg.
Personalisierte Anleitung bei Sipgate
Wir wollten indes mit einem Nokia-Handy die neue Technik ausprobieren und meldeten bei uns bei Sipgate an. Dahinter steckt die Indigo Networks GmbH, ein kleines Unternehmen in Düsseldorf mit 20 Mitarbeitern. Unlängst wurde sie von der Stiftung Warentest für Einsteiger bei der Internettelefonie empfohlen. Die Anmeldung auf www.sipgate.de ist schnell und unkompliziert. Es gibt verschiedene Tarife zur Auswahl. Am einfachsten startet man mit Sipgate Basic ohne Grundgebühr, Mindestumsatz und Vertragslaufzeit. Wenn man in größeren Städten wohnt, bekommt man eine Ortsvorwahl, andernfalls eine der oben erwähnten 0180-Rufnummern.
Eine Wunschrufnummer gibt es nicht, wohl aber die Möglichkeit, aus einem größeren Nummernblock eine genehme auszuwählen. Um den Forderungen der Bundesnetzagentur nachzukommen, muss man sich online über eine Schufa-Abfrage, per Fax oder Post identifizieren. Anschließend zeigt einem das Hilfe-Center, wie man seine vorhandene oder bei Sipgate neu gekaufte Hardware für die Internettelefonie einrichtet. Praktischerweise sind die Anleitungen personalisiert: Man sieht also gleich seine privaten Daten wie Benutzername oder Kennwort und gibt genau das ein, was auf dem Bildschirm erscheint.
Schlechter und unfreundlicher Support
So weit mag also die Stiftung Warentest getestet haben. Als es bei uns an die Installation von zwei Nokia-Geräten ging, funktionierte lange Zeit nichts. Wir nahmen das E61 und das N95. Beide haben Wireless-Lan, und beide sind für Internettelefonie vorgerüstet. Trotzdem kam nur Verbindung zum Verbindungsnetz nicht möglich. Und zwar an zwei verschiedenen Routern, einem von der Telekom und einem weiteren von Netgear. Unsere erste E-Mail-Anfrage bei der Benutzerbetreuung wurde mit dem lapidaren Hinweis beantwortet, wir möchten doch bitte eine Sammlung von Tipps im Internet lesen. Der nächste Ratschlag, beim Handy die Übertragung der Rufnummer für abgehende Telefonate einzuschalten, brachte ebenfalls keinen Erfolg. Anschließend wurde in Zweifel gestellt, dass wir die richtigen Parameter eingetragen hätten. Insgesamt zog sich das alles mehr als drei Wochen hin.
Die Antworten des Supports kamen stets mit unhöflicher Anrede und waren durchweg unbrauchbar. Hier war nun eigener Tatendrang angesagt. Als wir einen dritten W-Lan-Router ausprobierten, ließ sich die Verbindung zum Sipgate-Server herstellen. Mit dieser Information wandten wir uns freudestrahlend abermals an die Hotline. Nun hieß es: Versuchen Sie bitte, in den Routern den UDP-Port 5060 auf die IP-Adresse des Telefons weiterzuleiten. Wieder eine Information, die nicht voranbrachte. Wo findet man die Internetadresse des Handys? Ändert sie sich nicht mit jeder Einwahl? Wir kamen nicht weiter, bis uns unser Experte Raymond Wiseman zum Ziel führte: Im Router kann man bestimmte Port-Adressen für andere Anwendungen freigeben, und mit diesem Hinweis lief Sipgate fortan problemlos. Die IP-Adresse des Handys muss man dazu übrigens nicht eingeben.
Günstig, aber nichts für Einsteiger
Nach diesem Abenteuer ist Internettelefonie mit dem Nokia-Handy in der Reichweite einer W-Lan-Station einfach. Einmal die Verbindung herstellen, schon ist man unter seiner deutschen Rufnummer erreichbar. Auch im Ausland, ohne Roaming-Gebühren. Ankommende Telefonate sind unentgeltlich. Für abgehende Anrufe wählt man den Kontakt aus dem Telefonbuch und baut über die Optionen ein Internettelefonat auf. Hier fallen im kleinsten Sipgate-Tarif 1,79 Cent die Minute ins deutsche Festnetz an und 16,9 Cent in Mobilfunknetze. Gespräche vom Handy ins Ausland beginnen zwar schon bei 1,9 Cent (Australien, China), liegen im Mittelfeld aber bei 30 bis 60 Cent.
Die Administration des Sipgate-Anschlusses erfolgt im Internet. Dort sieht man auch eine Historie der Anrufe und kann die Weiterleitung auf eine Mailbox programmieren. Interessantes Detail: Es ist möglich, die Absenderrufnummer selbst zu programmieren, etwa die vom Handy. Alles in allem ist die Voip-Einrichtung bei Sipgate gewiss nichts für Einsteiger, wie die Stiftung Warentest meint. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, ist die Kundenbetreuung keine Hilfe. Trotzdem freuen wir uns schon auf den nächsten Auslandsaufenthalt und besonders günstige Gespräche nach Hause.
Text: F.A.Z., 19.06.2007, Nr. 139 / Seite T2
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