Aldis Mini-Notebook

„Wer macht den besten Schnapp?“

Von Thiemo Heeg

05. Juli 2008 Morgens kurz vor acht gibt es schönere Orte in Deutschland als den tristen Parkplatz eines Discounters. Trotzdem hat sich eine kleine Menschengruppe vor der regulären Ladenöffnung tapfer hier eingefunden.

Da biegt ein Fahrradfahrer im Schlabberlook um die Ecke und ruft: „Seid ihr auch schon alle da?“ Gespräche verstummen. Wie peinlich. Die Leute fühlen sich ertappt. Und der Lautsprecher macht unverfroren weiter: „Na, wer macht den besten Schnapp?“ „Wahrscheinlich Sie“, kontert eine Frau, die einzige, die mit einem Einkaufswagen angerückt ist. „Genau, ich“, sagt der Mann und reiht sich ein.

Endlich, Aldi sei Dank, schiebt sich pünktlich um acht Uhr die Automatiktür zur Seite. Der Run auf das Notebook Medion Akoya Mini E1210, auf das es hier zu früher Stunde vor der Filiale am Rande des Rhein-Main-Gebiets alle abgesehen haben, kann beginnen.

Plötzlich waren alle scharf auf ein Gerät

Computertage beim Discounter. Vor zehn Jahren waren das Termine mit langen Schlangen. Mit Kunden, die sich schon mal lautstark und handgreiflich um den letzten Karton balgten. Das ist lange her. Billige Desktops und Notebooks gibt es heute überall. Und sie stehen auch schon in allen Haushalten, die glauben, nicht ohne auszukommen.

Das alles hat der Branche das Geschäft etwas verleidet. Da kam im vergangenen Herbst der taiwanische Hersteller Asus und mit ihm die Erlösung: Ein Notebook namens „Eee-PC“ sorgte für unerwarteten Schwung. Plötzlich waren alle scharf auf ein Gerät, dessen Bildschirmdiagonale (sieben Zoll) weniger als halb so groß ist wie die eines normalen Notebooks (15 Zoll). Asus kam monatelang nicht nach mit der Produktion.

Mehr als eine Million Stück verkauft

Inzwischen hat sich das kaum ein Kilogramm schwere und knapp 300 Euro teure Miniatur-Notebook mehr als eine Million Mal verkauft. Die anderen großen Produzenten ziehen gerade mit eigenen Modellen nach, sei es HP, sei es Dell, sei es Acer. Und so legte der deutsche PC-Markt im ersten Quartal ordentlich zu: Insgesamt 2,7 Millionen Systeme wanderten über die Ladentheken, 17 Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum 2007. Bei den Notebooks lag die Wachstumsrate gar bei 44 Prozent.

Die Kauflust der Anwender ist vor allem auf die neue, günstige Geräteklasse zurückzuführen, die Asus mit dem Eee-PC eingeführt hat, sind Marktforscher überzeugt. Die Experten von IDC erwarten, dass der Trend zu den billigen, ultraportablen Geräten 2008 unvermindert anhält. Und die mittelfristigen Prognosen klingen phantastisch. Anfang des kommenden Jahrzehnts könnten 50 Millionen dieser Geräte im Einsatz sein, glaubt Chiphersteller Intel. Das wäre ein Fünftel des gesamten heutigen Absatzvolumens der Computerindustrie.

Aldi gab den Startschuss für das Massengeschäft

Jetzt hat auch der deutsche Handel die sogenannten Netbooks im großen Maßstab für sich entdeckt. Als einer der ersten gab Aldi am vergangenen Donnerstag den Startschuss für das richtig dicke Massengeschäft.

Das Interesse war schon Tage vor dem ersten Verkaufstag riesig. In den einschlägigen Internet-Foren brodelte die Gerüchteküche: Hat das Medion-Gerät nun einen großen oder einen kleinen Akku? Welcher Prozessor ist drin? „Toll“ fanden einige das Gerät, das sie noch nie zuvor gesehen hatten. Und stellten dann die bange Frage: Muss ich jetzt schon wieder vor dem Laden zelten (wie vor zehn Jahren) und Stunden früher am Eingang stehen, um auch wirklich das Gerät mit dem „Schnuckelfaktor“ (so das Fazit der ersten professionellen Tester) zu ergattern?

Der Filialleiter übergab die Notebooks persönlich

Nein, zelten musste man nicht. Aber zeitig vor Ort sein. Zumindest in der Filiale am Rande des Rhein-Main-Gebiets bekamen alle Frühaufsteher ihr Gerät: Persönlich aus der Hand des Filialleiters, mit der Aufforderung, sich doch bitte gleich, ohne Umweg über die Käsetheke, zur Kasse zu begeben.

Wünschen wie „Ich hätte gerne zwei silberne und zwei schwarze“ wollte der Mann nicht nachkommen. Möglichst viele Kunden sollten offenbar ein Notebook bekommen. Tatsächlich waren jedoch in zahlreichen der rund 4200 Filialen die Mini-Computer schon am Morgen ausverkauft. Zahlen nennt das geheimniskrämerische Unternehmen der geheimniskrämerischen Brüder Albrecht traditionell nicht. Eine überschlagsweise Rechnung ergibt jedoch: Wenn jeder Ableger des Discounters 30 Geräte zugeteilt bekommen hat (diese Zahl wurde aus einer Darmstädter Filiale kolportiert), dann hat Aldi an einem einzigen Tag deutlich mehr als 100 000 Notebooks unters Volk gebracht.

Ebay zeigt: Die Nachfrage war größer als das Angebot

Dass die Nachfrage wirklich größer war als das Angebot, beweist ein Blick auf die Internet-Auktionsplattform Ebay. Dort bildete sich noch am Donnerstag ein lukrativer Zweitmarkt mit den Aldi-Notebooks. Für 499 Euro wurden die Geräte als „Sofortkauf“ feilgeboten; beim Discounter selbst kosteten sie 399 Euro. In aktuellen Auktionen wechselte das Medion-Gerät zu Preisen zwischen 440 und 460 Euro den Besitzer.

Dabei dürfte bereits in einem Monat das Aldi-Notebook wieder erhältlich sein - unter der Marke des Originalherstellers MSI und sogar mit besserer Ausstattung. „Aber so lange wollen viele nicht warten“, sagen Marktexperten.

Am Freitag eröffnete Media-Saturn schon die nächste Runde

Auch nicht der Handel selbst. Zufall oder nicht: Schon am gestrigen Freitag eröffnete die Metro-Tochter Media-Saturn eine neue Netbook-Runde. Im jüngsten Computerprospekt bewarb die Elektromarkt-Kette den jüngsten Asus-Spross Eee-PC-900. Mit seinem größeren Bildschirm, dem Preis von 399 Euro und dem Betriebssystem Windows XP gilt er als direkter Konkurrent des Medion-Akoya-Geräts.

Von diesem Gerät waren am frühen Freitagnachmittag allerdings noch Exemplare vorhanden. Offenbar gilt nicht nur „First come, first buy“, sondern auch „First come, first sell“.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa

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