F.A.Z.-Gespräch mit Google-Chef Eric Schmidt

„Die nächste große Welle ist das mobile Internet“

Eric Schmidt ist enttäuscht vom Web 2.0, sieht aber andere Wachstumschancen

Eric Schmidt ist enttäuscht vom Web 2.0, sieht aber andere Wachstumschancen

27. Mai 2008 Der Mythos Google hat gewackelt. Als Anfang April ein Marktforschungsunternehmen eine Stagnation in den Google-Klickraten meldete, brach der Aktienkurs ein, wurde das Ende der Wachstumsgeschichte ausgerufen. Doch Google-Chef Eric Schmidt blieb cool - und veröffentliche kurz danach Quartalszahlen, die alle Kritiker Lügen straften. „Es gibt kein Limit für das Suchmaschinenmarketing. Manche Menschen glauben das, aber wir haben noch viele Ideen, um die Technik zu verbessern und Werbung noch besser passend zur Zielgruppe auszuliefern“, sagt der Google-Vorstandschef Eric Schmidt im Gespräch mit dieser Zeitung.

Seit 2001 leitet der gelernte Informatiker die Geschicke der Suchmaschine und steuert gemeinsam mit den Gründern Larry Page und Sergey Brin das erfolgreichste Internetunternehmen der Welt. 16,6 Milliarden Dollar hat Google im vergangenen Jahr umgesetzt und dabei 4,2 Milliarden Dollar verdient. Rund die Hälfte des gesamten Online-Werbemarktes fließt durch das Google-System, das damit zur wichtigsten Lebensader des Internet geworden ist. Doch Schmidt will mehr: „Die nächste große Werbewelle ist das mobile Internet. Dafür muss man sich nur das iPhone anschauen, das den ersten wirklich guten mobilen Webbrowser hat.

Weitere Geräte kommen auf den Markt. Dann wird Werbung sehr persönlich, und der Wert der Werbung auf Mobiltelefonen wird steigen. In einigen Jahren wird die mobile Werbung mehr Umsatz bringen als die Werbung im PC-Internet“, sagt Schmidt voraus - obwohl Google seine größten Investitionen auf anderen Gebieten getätigt hat. Zusammen fast 5 Milliarden Dollar hat das Unternehmen für die Videoseite Youtube und Doubleclick, einen Spezialisten für die Auslieferung graphischer Werbung, ausgegeben. Doch von beiden Werbeformen zeigt sich Schmidt weit weniger begeistert. „Es gibt sicher Chancen in Video-Werbung und in der graphischen Werbung. Einige Dinge funktionieren, aber andere funktionieren eben nicht. Einige Dinge kann man tun, andere nicht. Das mobile Internet funktioniert dagegen immer“, sagt Schmidt.

Nicht so viel Geld wie gedacht

Auch das Potential des Web 2.0, in dem soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace den Ton angeben, sieht er skeptisch. „Die Web-2.0-Architektur ist nicht für Umsatz ausgelegt. Dort ist das Geld nicht“, sagt Schmidt. Entsprechend enttäuscht sei Google über das Ergebnis seiner 900-Millionen-Dollar-Investition, um drei Jahre als Suchmaschine in MySpace präsent zu sein. „MySpace bringt uns nicht so viel Geld, wie wir gedacht haben. Wir bekommen viele Nutzer, aber es ist schwieriger als gedacht, unser Werbenetzwerk in sozialen Netzwerken zum Laufen zu bringen.

Wer in seinem sozialen Netzwerk unterwegs ist, denkt eben nicht daran, eine Waschmaschine zu kaufen“, sagt Schmidt. Trotzdem werden soziale Netzwerke Bestand haben: „Die Menschen verbringen eine Menge Zeit in diesen Netzwerken, und wir wissen, dass sie kein Witz sind.“ Die Werbung, die in sozialen Netzwerken funktioniert, müsse aber erst erfunden werden. „Es wird einige Werbeprodukte geben, die funktionieren. Sie müssen unterhaltend, interessanter und eindringlicher sein als das, was es heute gibt. Wir arbeiten daran“, sagt Schmidt. Ein Anhänger der These, dass die Netzwerkeffekte am Ende nur zu wenigen großen Gemeinschaften führen, ist Schmidt nicht. „Nein, wir werden große und viele spezialisierte Netzwerke sehen, welche die Interessenvielfalt in der Gesellschaft abbilden“, sagt Schmidt.

Eine Wette läuft

Googles wichtigste Initiative, um im mobilen Internet eines Tages eine ebenso wichtige Rolle wie im PC-Internet zu spielen und sich gegen starke Konkurrenten wie Nokia oder Yahoo zu behaupten, heißt Android. Dahinter verbirgt sich eine Plattform, auf der jeder Entwickler Anwendungen für Mobiltelefone programmieren kann. „Die Anwendungen, die jetzt entstehen, habe ich nie zuvor gesehen. Aus der Verbindung von GPS und Landkarten werden Dinge entwickelt, die mich positiv überraschen“, sagt Schmidt, der auch Aufsichtsratsmitglied von Apple ist. Dass der deutsche Manager Marco Börries, der beim Konkurrenten Yahoo erfolgreich das mobile Internet vorantreibt, Android nur als „Windows Mobile auf Linux“, also ein weiteres Betriebssystem für Mobiltelefone, bezeichnet hat, treibt Schmidt ein Lächeln auf die Lippen. „Marco sollte es besser wissen. Der Vergleich ist nicht korrekt.“ Aber: „Android ist eine Wette. Wir können noch nicht sagen, wie gut es funktioniert, weil die Programme bisher nicht ausgeliefert worden sind“, gibt Schmidt zu.

Und weil der Erfolg nicht garantiert ist, investiert Google auch an anderer Stelle in den Mobilfunk. Zusammen mit Partnern baut Google ein Funknetz namens Clearwire auf, das alle amerikanischen Großstädte mit mobilen Internetanschlüssen versorgen soll. Die Investition hat vor allem politische Gründe. „Wir sind besorgt darüber, dass die amerikanischen Netzbetreiber ihre Netze verschließen könnten. Im Clearwire-Netzwerk können dagegen alle Handys und alle Anwendungen benutzt werden. Mit unserer Investition wollen wir das Prinzip der Offenheit unterstützen. In Europa haben die Regulierer eine bessere Arbeit gemacht“, lobt Schmidt, was eine solche Investition in Europa wohl eher unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Extreme Fragen beantworten

Zehn Jahre alt wird Google in diesem Jahr. Ein Ende des Datensammelns ist aber nicht zu erkennen. Inzwischen gibt es bei Google Bilder vom Mars, der Weltmeere und bald auch der Straßen in Deutschland. Autos mit 360-Grad-Objektiven fahren bald durch die Städte und fotografieren alle Straßen. Die Fotos sollen dann in den Landkartendienst Google Maps eingebaut werden. Gibt es Grenzen? Welche Rolle wird Google im Informationszeitalter künftig spielen? „Manchmal gibt Google noch nicht die richtige Antwort. Wir müssen den Kontext einer Suchanfrage verstehen lernen und mehr hypothetische Fragen beantworten können.

Die extremste Frage ist: Was sollte ich morgen tun? Mit Methoden der künstlichen Intelligenz und der Explosion der vorhandenen Daten wird es möglich sein, sich dieser Art des Verstehens anzunähern“, sagt Schmidt. Die Daten werden künftig in riesigen Rechenzentren gespeichert, die in der Fachsprache als die Wolke - the cloud - bezeichnet wird. „Ich bin extrem an dieser Bewegung interessiert, alle Informationen online ,in the cloud' zu haben. Damit lässt sich zum Beispiel ein globaler Kalender entwickeln. Dort ist dann zu sehen: Was passiert am Dienstag - überall in der Welt“, sagt Schmidt.

Datenschutz ist auch ein Thema

Die Angst vieler Menschen und vor allem europäischer Politiker, dass Google zu viele Daten sammelt, kann Schmidt nicht nachvollziehen. „Soweit ich weiß, hat Google die am weitesten entwickelten Bestimmungen zum Schutz der Daten und der Privatsphäre. Aus unserer Sicht ist alles korrekt. Ich weiß nicht, was wir darüber hinaus tun sollen“, sagt Schmidt, sieht aber durchaus Schwierigkeiten. „Unsere Industrie leidet darunter, dass einige Leute nicht unbedingt das tun, was sie sagen, dass sie es tun“, sagt Schmidt. Auch die Bedenken einiger Wettbewerber, Google werde nach der Doubleclick-Übernahme den Online-Werbemarkt beherrschen, teilt Schmidt nicht. „Das ist ein Angst-Argument; es basiert nicht auf Fakten. Wir werden die Art, wie Doubleclick Geschäfte macht, respektieren. Der Markt ist weit offen, und es gibt viele Innovationen.

Zum Beispiel hat Microsoft gerade den anderen Wettbewerber Aquantive erworben“, sagt Schmidt. Die Bedenken, die geplante Werbekooperation mit Yahoo könnte den Wettbewerb im Suchmaschinenmarketing völlig zum Erliegen bringen, teilt Schmidt ebenfalls nicht. „Es ist wahr, dass wir mit Yahoo darüber gesprochen haben. Aber wir werden sicherstellen, dass alles, was wir mit Yahoo tun, von den Wettbewerbshütern in den Vereinigten Staaten und Europa akzeptiert wird“, sagt Schmidt. Entscheidend sei die Definition des Marktes. „Es ist sicher klar, dass wir Marktführer im Bereich der Textanzeigen sind, aber in vielen anderen Bereichen wie der graphischen Werbung sind wir es nicht. Yahoo liegt in diesem Geschäft vorne, und eine meiner Bedenken ist: Wenn Microsoft Yahoo übernimmt, vereinen sich zwei starke Anbieter im Geschäft mit graphischer Werbung“, sagt Schmidt.

Die Bedenken deutscher Verleger, Google dringe mit seinem Dienst Google News in ihr Stammgeschäft ein, wischt Schmidt ebenfalls beiseite. Google sortiert die Inhalte der rund 700 deutschsprachigen Nachrichtenseiten. Auf diese Weise verdient Google einerseits zwar Geld mit den Inhalten der Nachrichtenseiten, leitet ihnen andererseits aber auch sehr viele Nutzer zu, so dass die Verlage bisher kein Veto eingelegt haben. Nun stellt Google die Nachrichten auch auf einer Landkarte dar, was ebenfalls in Konkurrenz zu den Angeboten einiger Verlage steht. „Wir schauen aus der Sicht der Nutzer, nicht aus der Sicht der Verleger. Wir lösen ein Problem der Nutzer, auch wenn die Verleger besorgt sind, dass wir ihr Geschäft berühren“, sagt Schmidt.

Cloud Computing anbieten

Google wird seine Kräfte mit Microsoft und Yahoo auch in einem ganz neuen Geschäftsfeld messen, dem Betrieb riesiger Rechenzentren, dem sogenannten Cloud Computing. Die Vorteile seien groß: „Es ist ein Desaster, wenn jemand seinen Computer mit der Festplatte verliert. Wer seine Daten ,in the cloud' gespeichert hat, kann beruhigt sein. Oder denken Sie an Unternehmen: Viele haben große, spezialisierte Datencenter. Aber warum benötigen sie all dies? Stellen Sie die Daten ,in the cloud'! Das ist viel billiger. In der Tat: The cloud ist das neue Modell. Aber diese Entwicklung geschieht unabhängig von Google. Die Zeit ist reif: Die Netzwerke und die Rechner sind schnell genug“, sagt Schmidt.

Der Online-Händler Amazon gilt als ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Auch Microsoft hat angekündigt, Cloud Computing anbieten zu wollen. Doch Schmidt ist skeptisch: „Auf die Microsoft-Cloud bin ich gespannt. Microsoft erzielt viel Umsatz mit Produkten, die im alten Modell laufen. Die Frage ist: Welche Produkte werden tatsächlich ,in the cloud' verlagert“, sagt Schmidt. Er kann sich auch vorstellen, dass Google in diesen Wettbewerb groß einsteigt. „Heute könnten wir es nicht, weil unsere Server voll sind. Aber generell gilt: Cloud Computing ist ein Geschäftsmodell für Google“, sagt Schmidt. Zeit dafür ist vorhanden. „Vor vier Jahren habe ich mit Larry und Sergey vereinbart, dass wir drei mindestens 20 Jahre zusammenarbeiten. Daher habe ich noch mindestens 16 Jahre vor mir.“

Das Wortlaut-Interview mit Eric Schmidt im F.A.Z.-Blog

Das Gespräch führte Holger Schmidt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Thiel

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie wollen mit Ihrer eigenen Website Geld verdienen? Dann platzieren Sie Google - Anzeigen. In diesem Buch erklärt Jerri Ledford wie Sie AdSense verstehen und nutzen können. Mehr…

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche