Elektronik auf der IAA

Schöner fahren mit feinster Technik

Von Michael Spehr

14. September 2007 Satte Bässe, große Bildschirme und vor allem immer mehr Elektronik im Auto, sei es für die bequeme Routenführung in unbekannten Gefilden, als Stauwarner auf der Autobahn oder als Unterwegskino mit DVD und digitalem terrestrischen Fernsehprogramm: Das Auto der IAA 2007 ist eine Kommunikationszentrale mit feinsten Zutaten. Dem Autofahrer klingen die Ohren: Da fallen die Kürzel aus der schrillen Multimedia-Welt, da ist von unterschiedlichen Bluetooth-Profilen die Rede und von „Connected Drive“ mit Wireless-Lan. Was hat das noch mit Fahren zu tun?

Vieles ist sinnvoll (etwa die Navigation), manches ist überflüssige Spielerei (private Fotos auf dem Navi-Display), und etliches weist in eine Zukunft, die das Auto als Teil eines „intelligenten“ Netzwerks auf der Straße sieht: Die Fahrzeuge nehmen via Funk miteinander Kontakt auf und tauschen Daten aus, etwa zur Verkehrslage, zu aktuellen Störungen oder Gefahrenpunkten. Eine Informationskette wie ein Staffellauf: mit Wireless-Lan als Transportmedium werden Nachrichten von einem Auto zum nächsten weitergegeben, auf dass ein fahrendes, selbstorganisiertes Netzwerk mit autonomen Relaisstationen entsteht.

Gegenwartstechnik bei Mercedes

BMW arbeitet seit Jahren daran, nun haben sich die größten europäischen Autohersteller, Zulieferer und Forschungsinstitute zu einem Car-2-Car-Konsortium zusammengeschlossen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist dabei, und in Frankfurt startet demnächst das ehrgeizige Pilotprojekt „Sichere Intelligente Mobilität - Testfeld Deutschland“ (SIM-TD): Die 500 teilnehmenden Fahrer erhalten präzise Informationen über den weiteren Verkehrsverlauf auf „ihrer“ Strecke. Bis das alles für jedermann zur Verfügung steht, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Und vor allem müssen möglichst viele Fahrzeuge mit der neuen Technik ausgestattet sein.

Stau-Meldungen sollen bald von Auto zu Auto gefunkt werden In der neuen C-Klasse funktioniert die Spitzentechnik schon heute Das Topmodell Lucca 5.3 von Blaupunk lotst im Auto... ...und auf Reisen, dank des integrierten Merian-Reiseführers Das kleinere Blaupunkt Lucca 3.5 kennt die Tempolimits Im Opel Antara lotst und unterhält das DVD 100

Wer auf der IAA aktuelle Spitzentechnik der Gegenwart sehen will, sollte bei Mercedes-Benz die neue C-Klasse in Augenschein nehmen. Hier zeigt das abermals verbesserte Comand-System den Stand der Technik besonders eindrucksvoll: Multimedia im Fahrzeug mit DVD und MP3-Musik, gegebenenfalls auf der Festplatte des Autos gespeichert. Automatische Erkennung von Musikstücken über die Gracenote-Datenbank und eine perfekte Sprachbedienung, die fast alles versteht, was man seinem Auto sagen möchte. Das Ganze ist einfach zu bedienen, lenkt kaum vom Verkehrsgeschehen ab und funktioniert in der Praxis wunderbar (F.A.Z. vom 14. August).

Bluetooth - Jetzt soll es plötzlich klappen

Viel Hype gibt es auf der IAA rund um Apples Kulthandy iPhone. Noch ist das schöne Designtelefon nicht in Europa angekommen (Starttermin ist das Weihnachtsgeschäft), schon überschlagen sich die Hersteller mit Ankündigungen, dass es in ihren Fahrzeugen reibungslos mit der Freisprecheinrichtung zusammenarbeiten werde. Audi verspricht „volle Funktionalität in den meisten Modellen“, und im A5, A6, A8 und Q7 könne man auch die Musikwiedergabefunktionen des kleinen Apple nutzen.

Auch im BMW soll Telefonieren, Musikhören und Multimedia-Genuss unproblematisch sein. Der Kunde könne die vorhandene Bluetooth-Freisprechanlage problemlos nutzen. Man kann da nur den Kopf schütteln: Jahrelang haben die führenden Autohersteller das Thema Bluetooth-Freisprechen stiefmütterlich behandelt. Nun kommt ein Handy, das bestenfalls einen Marktanteil im einstelligen Prozentbereich erreichen wird, und da soll plötzlich funktionieren, was nie ordentlich laufen wollte. Man denke nur an die Tücken bei der Verbindung von Nokia-Handys mit BMW-Anlagen.

Karten und Musik auf der Festplatte

Die Bayern zeigen übrigens im neuen X5 ihr verbessertes iDrive-Bediensystem. Nun gibt es acht frei programmierbare Favoritentasten unterhalb des CD-Laufwerks, um häufig benutzte Funktionen wie Radiosender oder Navigationsziele einfach auf einer Taste abzulegen. Künftig soll man sogar eine Google-Suche im Auto haben. Auch das Farbdisplay mit einer Diagonale von 17 oder (mit TV-Empfänger) riesigen 22 Zentimeter wurde verbessert. Es hat nun eine Auflösung von 640 × 240 Pixel, soll mit Transreflektiv-Technik das einstrahlende Tageslicht quasi als Zusatzbeleuchtung nutzen und damit bei schlechten Lichtverhältnissen besser ablesbar sein.

Als Zusatzausstattung gibt es ein Head-up-Display, das Informationen wie Geschwindigkeit oder Navigationshinweise direkt im Sichtfeld des Fahrers in die Frontscheibe projiziert. Bei vielen Herstellern liegen die Verbesserungen im Detail. Peugeot etwa modernisiert sein RT4-Navigations- und Telematikpaket. Wie bei Mercedes-Benz oder Chrysler kommt nun eine Festplatte zum Speichern der Kartendaten zum Einsatz. Der verbleibende Platz lässt sich für die Musikabteilung nutzen. Opel hat das DVD 100 im Antara eingebaut, nun stammt die Software von Navigon und Delphi Grundig.

„Schönste“ oder „kurvenreichste Strecke“

Die Navigation wird immer besser und leistungsfähiger. Fahrspurassistenten geben Hinweise zum rechtzeitigen Einfädeln auf Autobahnen oder mehrspurigen Bundesstraßen. Die Anzeige des aktuellen Tempolimits erweist sich als ungemein nützlich, wenn man beispielsweise nordwärts auf der A3 Richtung Köln fährt. Alle paar Minuten gilt eine neue Geschwindigkeitsbeschränkung, und wer nur einmal kurz nicht aufpasst, wird geblitzt. Diese und andere Innovationen kommen von den kleinen Herstellern der Nachrüst-Navis für die Windschutzscheibe. Hier lockt vor allem der Preis: Warum einen teuren Routenführer in der Werksausstattung kaufen, wenn der zweckentfremdete Taschencomputer nur ein Zehntel kostet?

Navigon präsentiert auf der IAA den besonders kleinen und kompakten Routenführer 2110. Er ist schon von 200 Euro an zu haben und wiegt nur 160 Gramm. Man kann ihn also auch zum Spazierengehen bequem in der Hemdentasche mitnehmen. Die Navigon-Software gilt als erstklassig, und die Experten aus Hamburg haben jetzt die lästige zusätzliche Wurfantenne zum Empfang von TMC-Verkehrsnachrichten überflüssig gemacht und sie im Ladekabel verstaut. Das haben wir uns schon lange gewünscht. Auch Becker hat ein besonders kompaktes Modell unlängst vorgestellt: Traffic Assist 7.927 kostet 370 Euro und bietet als Extra die „schönste Route“ auf einer möglichst „kurvenreichen Strecke“.

Blaupunkt zeigt zwei neue Lucca-Modelle namens 3.5 und 5.3. Das neue Top-Gerät für 450 Euro erlaubt den Handy-Freisprechbetrieb über eine Bluetooth-Schnittstelle, kann vollständig mit Sprachkommandos bedient werden und hat einen Reiseführer von Merian an Bord. Auch bei nicht aktiver Zielführung werden Staus in der Umgebung angezeigt. Der kleinere Lucca 3.5 für 300 Euro kennt Tempolimits und hat eine PC-Schnittstelle, um besonders interessante Sonderziele in das Gerät zu laden.

Karten selbst verbessern

Tom Tom will bei der Staudatenerfassung neue Wege gehen. Dabei wird die Geschwindigkeit ausgewertet, mit der sich Tom-Tom-Geräte im Straßenverkehr bewegen. Eine Zentrale ermittelt so statistische Informationen über die Verkehrslage. Dazu kommen anonymisierte Daten aus den Mobilfunknetzen. Noch in diesem Jahr soll in Zusammenarbeit mit Vodafone der Marktstart in Holland erfolgen.

Das neue Spitzengerät 920 T hat Bewegungssensoren, um selbst bei schwachem GPS-Signal zu navigieren. Mit einer „Map Share“ genannten Technik sollen die Tom-Tom-Kunden selbst Daten im Kartenmaterial ändern und anderen Nutzern zur Verfügung stellen. Alle Kunden-Eingaben - etwa der Hinweis auf ein neues Einbahnstraßen-Schild - werden von Tom Tom noch einmal geprüft, um Missbrauch zu vermeiden. So ist man künftig schneller über Änderungen im Straßennetz informiert. Ob damit die Karten wirklich besser werden, kann man ob des großen Aufwands, den bislang die Feldbegeher von Tele Atlas und Navteq betreiben, durchaus bezweifeln.

Automatischer Notruf mit GPS-Koordinaten

Überhaupt ist bei den portablen Navis die Tendenz unübersehbar, dass jeder nur denkbare Schnickschnack eingebaut wird. Was hat beispielsweise eine Foto-Diashow auf dem Navi-Display zu suchen oder gar die Wiedergabe von Filmen? Zukunftsweisender sind wohl übergreifende Konzepte, wie sie etwa Siemens VDO mit der Multi-Media-Plattform (MMP) vorstellt. Schon bei der Software-Architektur erfolgt eine strenge Trennung zwischen fahrzeugrelevanten und Entertainment-Funktionen. Alles, was für das Fahrzeug wichtig ist, bleibt von Änderungen in der Entertainment-Abteilung unberührt und ist gegen Manipulationen geschützt. Und in Sachen Unterhaltung können neue Medien und Formate schnell integriert werden. USB-Stick, iPod, iPhone, Secure-Digital-Karte und Bluetooth gehören bei Siemens VDO zur Standardausrüstung, ebenfalls kommen schnelle Duo-Core-Prozessoren aus der Computerwelt zum Einsatz.

Unspektakulär, aber gegebenenfalls Leben rettend ist E-Call ein Nischenthema der IAA: das automatische Notrufsystem, mit dem von 2010 an alle neu auf den europäischen Markt kommenden Fahrzeuge ausgestattet sein müssen. Das System alarmiert auf Knopfdruck oder automatisch bei einem Unfall die nächste Rettungsleitstelle. Sanitäter und Notärzte erfahren mit GPS den genauen Standort des Autos und können sofort zum Einsatzort starten. Der Zulieferer Peiker zeigt auf der Messe eines der ersten praxistauglichen E-Call-Module. Das Unternehmen aus Friedrichsdorf hat ähnliche Produkte schon vor Jahren entwickelt.



Text: F.A.Z., 13.09.2007, Nr. 213 / Seite A5
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, Hersteller, Spehr

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