Receiver

Ein Himmel voller Kondensstreifen

Von Nils Schiffhauer

Wo fliegen sie denn? Flugbewegungen auf dem privaten PC

Wo fliegen sie denn? Flugbewegungen auf dem privaten PC

05. Oktober 2005 Wir fangen mit einer schwarzen Zielscheibe auf dem Bildschirm an. Konzentrische Kreise umringen unseren Standort. Bald füllt sich das Display mit den Spuren von Flugzeugen. Wie Kondensstreifen ziehen sie ihre Bahnen. Und in einer Tabelle daneben geben sie weitere Eigenschaften wie Kennzeichen, Nationalität, geographische Koordinaten, Flughöhe, Steig- oder Sinkflug und Geschwindigkeit preis.

Diesen erhellenden Blick in den Himmel verdanken wir einem SBS-1 genannten Kästchen, das über eine unscheinbare Stabantenne bestimmte Datentelegramme von Flugzeugen empfängt, auswertet und wie auf dem Radarschirm der Flugsicherung darstellt. "Mode S/ADS-B" nennt sich das Verfahren, dessen Abkürzungsauflösung "Automatic Dependent Surveillance Broadcast in Transponder-Betriebsart S" der Hobbyhörer gar nicht zu wissen braucht. Wichtig nur ist das Funktionsprinzip. Alle mit einem derartigen Gerät ausgerüsteten Flugzeuge strahlen in regelmäßigen Abständen ungefragt ihre Kennung aus. Dank dieses "Squitters" erscheint der betreffende Flieger auf dem Display im Cockpit anderer Flugzeuge. Bodenstationen hingegen erfragen zugleich mit dem Primär-Radar aktiv die Kennung aller von seinem Strahl erfaßten Flugzeuge. Weitere Informationen können nun von einem Flugzeug oder einer Bodenstation selektiv (daher: Mode S) für jeden einzelnen Luftverkehrsteilnehmer angefordert werden - Flughöhe, Fluggeschwindigkeit und via GPS dreidimensional gemessene Position. Alle diese Daten werden in einem Frequenzbereich um ein Gigahertz ausgestrahlt, was bei freiem Antennenstandort einen Empfang aus bis zu etwa 400 Kilometer Entfernung ermöglicht.

Die Antenne sollte möglichst draußen angebracht sein, da Dachziegel und erst recht metallbedampfte Fensterscheiben sowie Stahlbeton nur noch die stärksten Signale durchlassen. Aus der Nähe Hannovers hatten wir mit einer freistehenden Antenne von der Elbmündung bis Frankfurt und von den Niederlanden bis hart zur polnischen Grenze alles unter Kontrolle. Das ist fast wörtlich gemeint, denn die Software zeigt uns nicht nur in skalier- und verschiebbaren Landkartenausschnitten die Spuren der Flieger auf die Erdoberfläche projiziert sowie in der Höhenschichtung der Seitenansicht, sondern hält darüber hinaus mit einer beliebig sortierbaren Tabelle peinliche Ordnung unter den empfangenen Daten der durchaus schon mal mehr als 1000 Flugzeuge eines Tages. Die aber dürften sich gar noch vervielfachen, wenn Kinetic Avionics als Hersteller des Receivers seine Internet-Plattform ins Netz stellt, auf der die empfangenen Telegramme aller angeschlossenen Flugfunkfans zusammengeführt werden. Damit verschwinden die Signale nicht mehr unter dem eigenen Radiohorizont, sondern werden von den Nutzern hinter diesem scheinbaren Weltende wie ein Stafettenstab aufgenommen. Einer detaillierten Darstellung der mit einem entsprechenden Transponder ausgerüsteten Flugzeuge in Echtzeit stellt sich dem Privatmann dann nichts mehr in den Weg.

Der Receiver SBS-1 ist eine preisgünstige Pioniertat. Es ist faszinierend zu sehen, wie belebt der Himmel ist und welche Wege die Flieger im dreidimensionalen Raum nehmen. Schön läßt sich ein Start oder eine Landung beobachten, während 35 000 Fuß weiter oben die Langstreckenjets wie auf Schienen ihren fernen Zielen entgegenfliegen.

Der SBS-1 läßt nur wenige Wünsche offen. So kann er entweder über das mitgelieferte Netzteil oder aber via USB-Buchse des Computers mit 350 Milliampere Strom versorgt werden. Damit entgeht der mit einem Notebook mobile Hörer beispielsweise auf einer Anhöhe dem Blick wie aus der Tüte, der sich ansonsten aus dicht bebauter Umgebung auf den Himmel ergibt und der die Funksichtweite stark einschränkt. Die Software ist schon recht ordentlich, zumal sich die Flugbewegungen einer kompletten Sitzung speichern lassen, um sie entweder nochmals abzuspielen oder beispielsweise in Excel für eine weitere Analyse zu exportieren. Eine zukünftige Version jedoch könnte mit einer physischen Landkarte hoher Auflösung glänzen und einblendbare Luftstraßen haben. Das hier erstmals für den Privatmann vorgestellte Konzept wird Schule machen. Die University of Alaska etwa entwickelt derzeit mit dem Unternehmen Mountain Scope einen solchen Receiver für einen PDA wie den iPaq 834 oder zwei Tablet-PCs.

Bezugsquellen: Telefon 0 72 76/9 66 80, Internet www.wimo.com, etwa 750 Euro

Text: F.A.Z., 04.10.2005, Nr. 230 / Seite T2

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