Wikipedia

Das Schweigen der Lemmata

Von Jochen Reinecke

28. November 2009 Alles begann ganz harmlos: Ein Wikipedia-Autor legte am 30. September dieses Jahres in der Internet-Enzyklopädie einen neuen Artikel an - und zwar zum Thema „MOGiS“. Das Wort ist das Akronym des Rostocker Vereins „Missbrauchsopfer gegen Internetsperren“, dessen Anliegen es nach eigenen Angaben ist, die Zensurfreiheit des Internets in Deutschland zu erhalten. Schon 27 Minuten später begann die Wikipedia-Autorengemeinschaft diesen Artikel zu ergänzen und zu verbessern.

Zwischen 350 und 500 neue Artikel werden täglich zur deutschen Wikipedia hinzugefügt - die meisten von ihnen ohne großes Echo. Vermutlich hätte auch dieser Eintrag keine weiteren Kreise gezogen, wenn einigen der sogenannten Wikipedia-Administratoren nicht acht Tage später zwei Dinge aufgestoßen wären: Zum einen hatte der MOGiS-Gründer Christian Bahls den Artikel über seinen Verein eigenhändig verfasst, zum anderen zweifelten manche Administratoren daran, dass dieser Verein wirklich interessant genug sei, um in der Enzyklopädie vorzukommen. Ersteres gilt als schlechter Stil, war aber laut Christian Bahls eine Notlösung, weil es bereits innerhalb der Wikipedia Links auf den Vereinsnamen gab, hinter denen sich kein entsprechender Beitrag fand; das kann zur Löschung eines Artikels führen, wenn mehrere Administratoren ein sogenanntes Lemma - ein Schlagwort als Bestandteil einer Enzyklopädie - für irrelevant halten.

Vor allem aber schieden sich beim Lemma „MOGiS“ an den Wikipedia-Relevanzkriterien die Geister: Einerseits war der Verein zum Zeitpunkt, als der Artikel in die Wikipedia eingestellt wurde, im rechtlichen Sinne kein „eingetragener Verein“ und gibt auch keine Auskunft über seine Mitgliederzahlen - das sprach für manche Administratoren gegen einen entsprechenden Wikipedia-Eintrag, nach dem Motto: Muss die Welt detailliert über jede Interessengruppe informiert werden? Andererseits wurde er in der Presse in der Diskussion um Internetsperren viel genannt und sein Gründer häufig zitiert - und das wiederum könnte auf ein Interesse auch der Wikipedia-Nutzer an MOGiS deuten.

Dürfen die Beiträge der „freien Enzyklopädie“ überhaupt gelöscht werden?

Die Sache ist also nicht einfach zu entscheiden, und die online geführte Diskussion erreichte rasch eine Kernfrage der Wikipedia-Struktur: Dürfen die Beiträge der „freien Enzyklopädie“ überhaupt gelöscht werden? Und von wem?

Um das Problem besser zu verstehen, muss man wissen, was es mit denen auf sich hat, die darüber entscheiden: Was ist eigentlich ein Wikipedia-Administrator, und was macht er? Und welche Kriterien legt er an, wenn er die Enzyklopädiewürdigkeit eines Gegenstands beurteilt?

Bei der deutschsprachigen Wikipedia gibt es derzeit etwa 300 aktive Administratoren, die über jeden neu hinzustoßenden Artikel und jede Veränderung an einem Text wachen. Stellen sie dabei Verstöße gegen die Wikipedia-Grundsätze fest, greifen sie ein, indem sie neue Texte blockieren oder Veränderungen zurücknehmen und im Extremfall deren Urheber von der weiteren Mitarbeit an Wikipedia ausschließen. So wird mutwilligen Fälschungen und dem Anlegen sinnloser Artikel (“Vandalismus“ im Administratorenjargon) vorgebeugt und eine gewisse Grundqualität und -struktur der Artikel gesichert. Der gute Ruf, den Wikipedia inzwischen als aktuelle und überwiegend verlässliche Informationsquelle genießt, ist nicht zuletzt dieser Konstruktion geschuldet.

Doch den Administratorenstatus muss man sich hart erarbeiten: durch fortwährendes Verbessern, Edieren oder Aussortieren von ungeeigneten Artikeln. Die unterste Stufe innerhalb der sechsfach unterteilten Wikipedia-Hierarchie bildet der „nicht angemeldete Benutzer“, also der zufällig Vorbeisurfende, der die Wikipedia überwiegend passiv nutzt. Auch er darf schon Artikel anlegen oder verändern, wird dann jedoch in der Versionsgeschichte eines Artikels nur unter der IP-Adresse angezeigt, unter der er seinen Eintrag vornahm, nicht unter seinem Namen.

Vom „bestätigten Nutzer“ zum „stimmberechtigten Nutzer“

Registriert er sich, gilt er folgerichtig als „angemeldeter Nutzer“ und kann einen Online-Namen wählen, der künftig in der Versionsgeschichte eines Artikels aufscheint und ihn auf Wunsch erkennbar macht oder anonymisiert. Nach manueller Freischaltung oder auch automatisch nach vier Tagen wird er zum „bestätigten Nutzer“. Frühestens zwei Monate und 200 Artikelbearbeitungen später steigt der „bestätigte Nutzer“ zum „stimmberechtigten Nutzer“ auf. Von 300 Edierungen an kann er als „Sichter“ Artikel als durchgesehen und frei von Vandalismus markieren - und weiter aufsteigen, indem er von anderen stimmberechtigten Nutzern zum Administrator gewählt wird. Damit ist der höchste Rang erreicht: Nur Administratoren können Artikel löschen und störende Benutzer oder IP-Adressen sperren. Allerdings nicht einfach nach Gutdünken oder ohne Rücksprache: Wird ein neuer Artikel eingestellt, der einem Administrator missfällt, startet dieser Administrator eine online geführte Löschdiskussion, in die sich andere Administratoren einschalten und ein Votum wie „löschen“ oder „behalten“ abgeben können.

Im Falle MOGiS begann, wie es häufig bei Neueinträgen vorkommt, am 8. Oktober aufgrund eines Löschantrags eine zunächst leidenschaftlich geführte Diskussion zwischen Autoren und Administratoren über Relevanz oder Nichtrelevanz, die sich innerhalb weniger Tage hochschaukelte: Administratoren löschten auch MOGiS-Verweise aus anderen Wikipedia-Artikeln und beschimpften die vermeintlich unkundigen Autoren, die ohne Kenntnis der Wikipedia-Verhaltensregeln und -Relevanzkritierien Artikellöschungen angeprangert hätten - und wurden im Gegenzug als arrogante, selbstherrliche Blockwarte tituliert. Wie so oft, wenn Diskussionen schriftlich und in einem schnellen Medium geführt werden, kam es zu einer Kette eskalativer Reaktionen, die Wortbeiträge in den internen Diskussionsforen wurden auf beiden Seiten zunehmend diffamierend und destruktiv. Es kam zu Pauschalverurteilungen und unkontrollierten Löschaktionen.

Am 11. November hagelte es dann Kritik

Mehrere Weblogs, allen voran blog.fefe.de, das Blog des deutschen IT-Sicherheitsexperten Felix von Leitner, griffen die Debatte auf, wodurch sie den vergleichsweise eng gefassten Administratorenkreis der Wikipedia verließ. Am 11. November hagelte es dann Kritik auch von den bis dato friedlichen Nutzern der Wikipedia: Sie gaben auf der Spendenseite des die Wikipedia fördernden „Wikimedia Deutschland e.V.“ zu Hunderten Kleinstspenden im einstelligen Euro-Bereich ab und versahen ihre Online-Spendenformulareinträge mit teils hämischen, teils frustrierten Kommentaren wie „Ich find's gut, dass bei euch alles gelöscht wird, was euch nicht gefällt, ich hab mich auch in der DDR wohl gefühlt!“, „Ihr habt die alleinige Wahrheit gepachtet und nennt sie Relevanz“, „Rettet die Wikipedia vor den Löschfreaks! Für eine Kultur der Offenheit, der Mitarbeit und des weltweiten Wissens“ und so weiter und so weiter.

Mit der Wikimedia e.V. traf die Kritik allerdings den Falschen. Denn dieser Verein versteht sich als Non-Profit-Dachorganisation, die diverse Internetprojekte - nicht nur die Wikipedia - organisatorisch und infrastrukturell unterstützt, dezidiert ohne in interne Prozesse der Qualitätssicherung eingreifen zu wollen. Zu den von Wikimedia e.V. geförderten Projekten gehören beispielsweise auch die Wikimedia Commons, eine freie Mediendatenbank, das Online-Wörterbuch Wiktionary oder die Zitatsammlung Wikiquote.

Wirkung zeigte der Protest dennoch: Mehrere Wikipedia- beziehungsweise Wikimedia-Administratoren und -Mitarbeiter agierten kopflos, mit teilweise kuriosen Folgen: So begannen Wikimedia-Mitarbeiter, auf der Website des „Spendentickers“, die alle eingehenden Spenden und Kommentare in Echtzeit anzeigt, Einträge zu löschen. Felix von Leitner, dem vorgeworfen wurde, er führe eine interne Diskussion außerhalb der Wikipedia, meldete sich daraufhin als Wikipedia-Nutzer an, um wunschgemäß auf der Plattform an der Diskussion teilzunehmen - und wurde weniger als eine Minute nach seiner Anmeldung vom Administrator „LKD“ für die Wikipedia als Nutzer gesperrt. Ein etwas besonnenerer Administrator schaltete ihn allerdings schon drei Minuten später wieder frei.

Fronten zwischen und unter Administratoren, Autoren und Wikipedia-Nutzern

Das Thema sickerte von der Blogosphäre in die Nachrichtenagenturen und damit wenig später auch in die Tagespresse. Die Fronten zwischen und unter Administratoren, Autoren und Wikipedia-Nutzern verhärteten sich weiter. An dieser Stelle zeigte sich freilich, was die Wikipedia von einem Wirtschaftsunternehmen unterscheidet. In einem Unternehmen wäre der Streit bis zur Geschäftsführung hocheskaliert und hätte dort in absehbarer Zeit zu einer klaren Richtungsentscheidung oder einer Management-Direktive geführt. Genau dies dürfe und werde nicht geschehen, sagt Catrin Schoneville, Pressesprecherin des Wikimedia e.V. Schließlich investierten Tausende von Autoren Zeit oder Geld, um Artikel für die Wikipedia zu erstellen. Durch die Einführung einer obersten Entscheidungsgewalt würde das Engagement dieser Autoren mit Sicherheit nicht gefördert. Man hoffe und glaube, dass die Diskussion trotz ihrer Schärfe letztlich zur Weiterentwicklung der Wikipedia beitrage. Die Diskussions- und Streitkultur sei zwar innovativer und anspruchsvoller als eine hierarchische - vielleicht aber sei genau dies das Erfolgsrezept der Wikipedia.

Die Kernfragen, um die sich diese aus dem Ruder gelaufene Debatte dreht, lauten: Was ist Relevanz, und wer bestimmt, was relevant ist? Gehört etwa ein weiterer Wikipedia-Löschkandidat, ein Szene-Longdrink namens „Tschunk“, in eine Enzyklopädie oder nicht?

Bei einer gedruckt verbreiteten Enzyklopädie ist eine solche Frage schnell beantwortet. Es steht ein definierter Platz zur Verfügung, der gefüllt werden kann. Es gibt einen festen Katalog mit Relevanzkriterien, und die Entscheidung über Relevanz von Themen fällt eine Redaktion. Niemand wird sich darüber beklagen; im Gegenteil, eine im Konsens arbeitende Redaktion wirkt für die Menge der Informationen als unverzichtbarer Filter. Ob Brockhaus, Encyclopaedia Britannica oder Meyers Großes Taschenlexikon - eine gedruckte Enzyklopädie ist buchgewordener Frontalunterricht, und ein Tschunk wäre hier vermutlich nicht zu finden, weil er im Gegensatz zum Martini nicht bekannt - oder: relevant - genug ist.

Wer zu einem Thema einen Artikel vermisst, kann ihn anlegen

Anders bei der Wikipedia. Zunächst darf hier jeder mitschreiben oder Artikel verändern. Wer zu einem Thema einen Artikel vermisst, kann ihn anlegen. Wer in einem existierenden Artikel einen Rechtschreibfehler oder einen sachlichen Fehler findet, kann ihn selbst mit wenigen Klicks beheben. Die hohe Zahl der Wikipedia-Nutzer und -Autoren sorgte mit der vielzitierten Schwarmintelligenz bisher für erstaunlich gute Resultate. Was die Wikipedia ebenfalls von einer gedruckten Enzyklopädie unterscheidet: Der Raum ist unbegrenzt. Es macht technisch und infrastrukturell keinen gravierenden Unterschied, ob die Wikipedia 10 Millionen oder 100 Millionen Schlagworte hat.

Die aktuelle Relevanzdebatte, die im Übrigen auch in der englischsprachigen Wikipedia geführt wird, zeigt allerdings, dass sich Wikipedia-Nutzer und Administratoren in zwei große Lager aufspalten: Die Inklusionisten und die Exklusionisten. Erstere haben das Credo „Wiki ist kein Papier“ und argumentieren damit, dass die Wikipedia schier unbegrenzten Platz für Wissen zur Verfügung stellen kann - und es daher mehr oder weniger gleichgültig ist, wie relevant ein Text nun dem einen oder anderen erscheint. Entscheidend ist nur, dass das Geschriebene sachlich richtig ist und formell den Wikipedia-Kriterien für die Struktur und den Aufbau eines Artikels entspricht. Vielleicht hat beispielsweise irgendwann einmal jemand das Wort „Tschunk“ auf einer Party aufgeschnappt und möchte nun wissen, was das ist - ein entsprechender Wikipedia-Eintrag klärt auf und hinterlässt einen zufriedenen Nutzer. Wer sich dafür nicht interessiert, muss den Begriff ja nicht nachschlagen. Inklusionisten streben eine vollständige und möglichst umfassende Wikipedia an, in der zunächst jedes Thema seinen Platz finden soll.

Die Exklusionisten wiederum legen einen engeren Maßstab an: Sie möchten die Wikipedia vom Qualitätsansatz her in eine Reihe mit den klassischen Enzyklopädien stellen - und pochen daher bei allen Einträgen auf eine gewisse Grundrelevanz. Ihr Credo lautet „Klasse statt Masse“, was freilich verlangt, dass man sich darauf einigt, was genau mit „Klasse“ gemeint ist. Auch für die Position der Exklusionisten gibt es gute Argumente, denn ein Umfeld mit Qualitätsanspruch zieht bessere Autoren an - und hält weniger gute fern. Und es ist denkbar, dass eine Flut weniger relevanter Themen letztlich auf die empfundene Gesamtqualität der Wikipedia negative Auswirkungen hat und die mühsam erarbeitete Seriosität der Unternehmung beschädigen könnte. Ein völlig unkontrolliertes Einstellen von Artikeln durch jedermann würde im Übrigen auch zu komplexen, rechtlichen Konsequenzen führen, wie Catrin Schoneville betont, denn Konflikte mit dem Urheber- und Persönlichkeitsrecht wären unabwendbar.

Definition von „Relevanz“

Die englischsprachige Wikipedia geht im Vergleich zur deutschen eher inklusionistisch vor, was sicherlich auch daher rührt, dass sie einen weitaus größeren Autorenkreis hat - und damit zwangsläufig auch der Kreis der Themen größer ist. Auch scheut man in der englischsprachigen Wikipedia weniger, Kurzartikel - sogenannte „Stubs“ - stehenzulassen, auch wenn sie nur vergleichsweise wenige Informationen enthalten: Es könnte ja mal jemand kommen, der sie ausbaut.

Zentral bleibt indessen die Frage nach der Definition von „Relevanz“. Dieser Frage ist man bei der Wikipedia bereits nachgegangen. Es gibt dort eigene, gemeinschaftlich aufgestellte Relevanzkriterien, an die sich ein Administrator bei der Entscheidung über die Löschung oder Freigabe eines Artikels zu halten hat - was nicht ausschließt, dass es immer wieder auch Löschungen nach Gutsherrenart gibt. Die Existenz eines solchen Kriterienkataloges und anderer ordnender Strukturen ist natürlich nicht verkehrt.

Doch bei genauerer Betrachtung erscheinen nicht wenige der Relevanzkriterien als fragwürdig oder willkürlich festgelegt. Es fällt auf, dass manche Kriterien eher nebulös (“Prinzipiell sind Messen relevant, die allgemein als führend gelten“) formuliert sind, während andere wiederum in nahezu preußischer Detailwut ausgearbeitet sind.

So heißt es beispielsweise über Busunternehmen: „Relevant sind Busunternehmen und Verkehrsbetriebe, wenn sie im Auftrag einer Stadt, eines Landkreises, des Bundeslandes oder des Staates ÖPNV mit eigener Liniengenehmigung (in D §42 PBefG), Konzession und/oder Verkehrsvertrag betreiben oder mindestens 3 nationale Fernbuslinien mit eigener Liniengenehmigung (in D §42 PBefG) betreiben oder in besonderem Zusammenhang mit einem Ort stehen, z. B. besondere historische Leistungen erfüllt haben oder jährlich mindestens 1 Million Fahrkilometer leisten oder 50 000 Fahrgäste befördern oder Verkehrsverbünde sind, denen relevante Unternehmen angehören oder die Unternehmen beauftragen.“

Die Wikipedia hat ein Richtungsproblem

Eines zeigt das Geschehene der letzten Wochen in jedem Fall unmissverständlich: Die Wikipedia hat ein Richtungsproblem - und daraus resultieren strukturelle und auch organisatorische Folgeprobleme und Grundsatzfragen: Kann in einem freien Projekt wie der Wikipedia der Spagat zwischen Inklusionismus und Exklusionismus überhaupt gelingen? Welche Auswirkungen hat eine allzu strenge Anwendung der Relevanzkriterien auf die Motivation der Autoren? Wer bangen muss, dass sein mühsam recherchierter Text nach wenigen Minuten per Klick gelöscht wird, wird sich überlegen, ob er sich die Arbeit macht.

Soll man andererseits wirklich dem Inklusionismus bis in die letzte Instanz huldigen und demnächst in der Wikipedia auch Einträge lesen wie „Pampel, Hans, geboren am 24. 11. 1934 in Berlin-Tempelhof, kinderlos, Verwaltungsfachangestellter i.R.“? Die Wikipedia lebt davon, dass ihre Artikel ein stetiger Work in Progress sind - aber nur, solange die Artikel mit jedem Ediervorgang verbessert werden.

Für ein gesundes Mittelmaß zwischen den Positionen plädiert Kris Köhntopp, IT-Experte und Fachautor für IT-Themen, der die Debatte auch in seinem Weblog http://blog.koehntopp.de thematisiert. Letztlich hätten Artikel natürlich immer unterschiedliche Qualität, aber auch in schlechten Artikeln stecke oft schon die Information, die ein Nutzer gerade suche - und sei es nur die Bestätigung „Dieses Konzept gibt es“ und „Hier sind weitere Googleworte zum Thema für Dich“.

Zeitstrahl auf jeder Artikelseite generieren

Köhntopp bedauert, dass beim ständigen Ringen um Wissen, Korrektheit, Abdeckung und Quellen nichts im aktuellen Produkt nach außen hin erkennbar sei und spricht sich daher in erster Linie für eine Visualisierung von Qualitätsstufen innerhalb der Wikipedia-Artikelsammlung aus. So wäre es eine Option, einen Zeitstrahl auf jeder Artikelseite zu generieren, der veranschaulicht, zu welchen Zeitpunkten sich Änderungen an einem Artikel gehäuft haben. Man könne auch neben einem Artikel einen Änderungsbalken malen, der zeigt, an welchen Passagen eines Artikels sich Änderungen gehäuft hätten und dort die entsprechenden Benutzer zu verlinken. Auf diese Weise wäre nicht nur für einen Gelegenheitsnutzer erkennbar, wie ausgereift oder stabil ein Artikel ist, sondern Wikipedia könnte auch ein Gesicht bekommen: in dem sie anschaulich zeigt, dass jede einzelne Seite ein Produkt von Mitgliedern einer Gemeinschaft ist.

Köhntopp ist nicht der Einzige, der die Diskussion zum Ausgangspunkt für Reformvorschläge nimmt. Andere Nutzer oder Mitarbeiter regen etwa an, die Relevanzkriterien in einer stetig überprüften und aktualisierten Form beizubehalten, also im Sinne eines vernunftgeprägten Exklusionismus zu agieren, gleichzeitig jedoch ein Spezial-Wiki für alle jene Beiträge zu eröffnen, die diese Relevanzkriterien nicht erfüllen, auf dass Beiträge, die diese Kriterien nicht erfüllen, nicht gleich endgültig gelöscht werden müssten. In so einem Sub-Wiki könnten wiederum registrierte Benutzer einen Artikel mit einem Klick als „finde ich doch relevant“ kennzeichnen; ab einer bestimmten Klickzahl könnte so ein Artikel der Administratorenrunde erneut zur Prüfung vorgeschlagen werden - ein Prozess, der mit einem glorreichen Wiedereinzug des Artikels in den offiziellen Bereich der Enzyklopädie enden könnte.

Ebenfalls möglich wäre es, eine Artikelkennzeichnung einzuführen. Auf Relevanz überprüfte Artikel ließen sich mit einer Art Qualitätssiegel-Logo versehen, ungeprüfte oder nach aktuellen Kriterien für irrelevant erachtete Artikel hätten dieses Logo nicht. Ein anderer Weg könnte es sein, inkriminierte Beiträge, bei denen innerhalb einer von Administratoren geführten Löschdiskussion keine Einigkeit oder klare Mehrheit zu erzielen ist, automatisiert einer Art Online-“Volksentscheid“ über deren Relevanz auszuführen.

Interessant - und vielleicht auch symptomatisch - ist, dass all diese Vorschläge an der Macht der Administratoren kratzen, wenigstens ein bisschen. Sicher ist aber, dass auf die Wikipedianer unbequeme Arbeit zukommt. Es gilt, die Enzyklopädie in Teilen strukturell neu zu erfinden. Die Relevanzdebatte hat trotz aller Spitzen für ein nötiges Problembewusstsein gesorgt. Man wird die Wikipedia künftig auch danach beurteilen müssen, ob und wie sie solche Konflikte lösen kann.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: www.wikipedia.org

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