Von Matthias Hannemann
31. Mai 2007 Als Monty Pythons Wikingertruppe im Juni 1970 in das Green Midget Café zu Bromley einfiel, um mit Spam, Spam, Spam-Gesängen jegliche gepflegte Konversation zu unterdrücken, bezog sich dieser schreiend komische Schlachtruf noch auf das gewürzte Dosenfleisch, das den Briten - zumal der Kriegsgeneration - aus dem Halse heraushing und alle Speiseangebote der spießigen Bar als Zutat bereicherte; schon deshalb durfte der ebenfalls anwesende Historiker einen weiteren großen Sieg der Wikinger verkünden und ihren Protestchor dirigieren.
Der siebenundzwanzigjährige Spam-König, der jetzt im amerikanischen Seattle nach jahrelanger Ermittlung unter anderem des FBI verhaftet wurde, erwirtschaftete die rund 800.000 Dollar, die man auf verschiedenen Konten fand, und die teure deutsche Luxuslimousine, die er sich leistete, keineswegs durch den erfolgreichen Absatz von Spiced Ham.
Robert Alan Soloway wird vielmehr zur Last gelegt, seit 2003 E-Mail-Nutzer in aller Welt mit fingierten Spam-E-Mails genervt, betrogen und womöglich abgezockt zu haben - auch dann noch, nachdem er Ende 2005 von Microsoft und einem Internet-Dienstleister in Oklahoma verklagt und zu Strafzahlungen von siebzehn Millionen Dollar verurteilt worden war; damals versuchte er die Vorwürfe auf einen Subunternehmer abzuwälzen, reagierte aber, wie Blogs zum Thema behaupten, auf das Urteil mit einer massiven und gegen Microsoft-Server gerichteten E-Mail-Kampagne. Der Verhaftete, gab vor diesem Hintergrund auch jetzt wieder ein Microsoft-Anwalt zu verstehen, sei einer der zehn schlimmsten Spammer weltweit.
93 Prozent aller E-Mails sind Spam
Die Hoffnung, allein durch die Verhaftung werde das weltweite Spam-Volumen abnehmen, erfüllte sich allerdings nicht: Auf den E-Mail-Verkehr hat sich die Verhaftung nicht ausgewirkt, erklärt Robert Rothe, der Geschäftsführer der Berliner Eleven GmbH, gegenüber dieser Zeitung. Spam-Filter des Berliner Unternehmens überwachen nach eigenen Angaben zwölf Prozent des E-Mail-Verkehrs in Deutschland: 250 Millionen elektronische Nachrichten am Tag.
Unser Haus geht davon aus, dass mittlerweile 93 Prozent aller E-Mails als Spam zu betrachten sind, sagt Rothe, und die Zahlen wachsen unbegrenzt. Die Spam-Menge nahm im vergangenen Jahr um mehr als das Fünffache zu. Alleine im ersten Quartal 2007 verdoppelte sie sich erneut. Wir haben Kunden, die alle zwei Wochen neue Rechner für ihren Postverkehr anschaffen mussten, um diese Belastung der Infrastruktur aushalten zu können.
Identitätsdiebstahl
Von einem Ende der Spam-Plage, die Bill Gates vollmundig für das Frühjahr 2006 prophezeit hatte, ist man offenbar weit entfernt: Dafür steckt hinter den Spams ein viel zu großes wirtschaftliches Interesse, sagt Rothe, der die Menge, nicht den Inhalt der Spams als eigentliche Gefahr betrachtet. Denn so oft auch fingierte E-Mails in den Postfächern landen (und, erstaunlich genug, immer wieder zur freiwilligen Preisgabe von Kontonummern und Passwörtern führen): Nicht alle der häufig per Trojaner von fremden Rechnern aus ferngesteuerten Mails seien auf plumpen Betrug aus.
Soloway etwa bot auf seiner Internetseite an, innerhalb von zwei Wochen zwanzig Millionen Werbe-Mails verschicken zu können, für vergleichsweise günstige 495 Dollar. Wie genau er dies anstellte, müssen jetzt die Gerichte klären; vor dem District Court in Seattle wird man ihm unter anderem Identitätsdiebstahl vorhalten.
Der Microsoft-Anwalt Tim Cranton sprach nach der Verhaftung Soloways von einem sehr guten Tag für alle Internetnutzer. Für den Verhafteten selbst hätte es dabei schlimmer kommen können: Ein russischer Spam-König wurde im Juli 2005 von entnervten Internetnutzern gestellt. Mit einigen tödlichen Schlägen auf den Kopf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa