Internet

Ebay verliert seine Freunde

Von Patrick Bernau

24. Juni 2007 Das Auktionshaus war der Star der New Economy. Ebay machte Versteigerungen zur Lieblingsbeschäftigung der Deutschen, das Schnäppchen aus dem Internet avancierte zum Party-Thema. Illustrierte gaben in Titelgeschichten Tipps zum schnellen Reichtum durch Ebay. Ausgelesene Bücher, ausgewaschene Kleidung, selbst ausgesuchte Neuware: alles kam unter den virtuellen Hammer. Selbst der 21 Jahre alte Mercedes von Franz Josef Strauß oder der VW Golf, der dem Papst gehörte, als der noch Joseph Ratzinger hieß.

Damit wuchs Ebay zu einem mächtigen Konzern heran. „Zwölf Jahre nach unserem Start sind wir erwachsen geworden“, sagte Vorstandschefin Meg Whitman kürzlich auf einer Hausmesse. Wer erwachsen wird, bekommt Probleme. Und Ebay hat große Probleme. Der Flohmarkt-Hype ist vorbei. Der Kurs der Aktie hat sich seit ihrem Höchststand Ende 2004 fast halbiert - trotz der robusten Gewinne des Konzerns. Es fehlt der Börse die Phantasie für weiteres Wachstum für die Handelsplattform im Internet.

Kampf gegen den Abstieg

Ebay verliere rapide an Bedeutung, warnen Analysten. Die Firma müsse sich regelrecht neu erfinden. Doch für ein Unternehmen mit 13.000 Mitarbeitern ist das ungleich schwerer als damals zu den Gründerzeiten. Und so wird der Nachbar im Silicon Valley, die Suchmaschine Google, heute an der Börse fast viermal so hoch bewertet wie Ebay. Seit Monaten kämpft Ebay gegen den Abstieg - bislang vergebens. In Deutschland, dem zweitwichtigsten Markt, wie auch im Heimatland Amerika schrumpft das Angebot von Ebay. Das Problem hat Vorstandschefin Whitman erkannt. „Das Wachstum ist noch nicht dort, wo wir es haben wollen“, gestand sie jüngst.

Allein im zweiten Quartal waren auf der deutschen Seite bis jetzt 15 Prozent weniger Artikel zu ersteigern als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Rückläufig ist vor allem das Geschäft mit Büchern und Musik. Das haben Analysten der Citigroup ermittelt.

Verlotternde Sitten

Weniger Ware, weniger Kunden: Die Zahl der regelmäßigen Ebay-Nutzer sinkt, hat die Internet-Marktforschungsfirma Fittkau und Maaß herausgefunden. Inzwischen greift der Konzern deshalb zu Maßnahmen, die selbst altgediente Nutzer noch nicht erlebt haben: Ebay-Mitarbeiter rufen bei Verkäufern an, erkundigen sich, warum sie weniger Artikel ins Netz stellen, und fragen nach den Gründen für deren Abwanderung.

Davon gibt es einige. Profi-Verkäufer schimpfen über fehlenden Service der Ebay-Zentrale, über hohe Gebühren und verlotternde Sitten. Das Vertrauen der Kunden in den elektronischen Handel sinkt eher, als es steigt, räumen selbst Ebay-Manager ein.

Dazu kommt eine Schwierigkeit, die zwangsläufig mit der Erfolgsgeschichte verbunden ist: Je größer und populärer Ebay wurde, desto mehr Verkäufer zog es an. Selbst Arbeitsagenturen finanzierten Ich-AGs mit der Geschäftsidee „Ebay-Powerseller“, ganze Familien ernährten sich durch Versteigerungen am Computer. Die Konkurrenz wurde härter.

Nur der Ramsch bleibt übrig

Immer neue Powerseller traten auf, mit Preisen und Mindestgeboten, die ihre Kosten nicht decken. Lange können sie sich das nicht leisten. Die Zeit genügt aber, um anderen Händlern die Lust auf Ebay zu verderben. „Für Sonderposten ergibt Ebay noch einen Sinn, für alles andere nicht“, klagt einer der größten Händler Deutschlands. Im Klartext: Nur der Ramsch bleibt übrig. Anfang des Jahres hat Ebay deshalb die Einstellgebühren für die Handelsplattform erhöht, weil „Qualität und Findbarkeit der angebotenen Produkte gelitten hat“, wie es offiziell hieß.

Nun war es lange Zeit egal, wie unzufrieden die Ebay-Gemeinde war - sie hatte kaum eine Alternative. Nach dem Kollaps der New Economy gab es: viele Auktionen auf Ebay, wenige auf Amazon und dann lange gar nichts.

Doch mit der zweiten Web-Welle wächst jetzt neue Konkurrenz heran. Kleinere Websites bedienen spezielle Nischen, zum Beispiel lässt sich Selbstgebasteltes über Dawanda handeln. Auch alte Preisvergleich-Seiten wie „Ciao“ oder „Dooyoo“ gewinnen an Popularität. Laut Marktforschern haben sie zusammen inzwischen etwa so viele Nutzer wie Ebay.

Hilflose Abwehrstrategie

Diese Kunden erfahren auf diesen Seiten zu jedem Produkt kostenlos, welcher Online-Shop aus dem deutschen Internet den niedrigsten Preis bietet. So bringen Ciao und Co. Käufer und Verkäufer direkt zusammen, ohne die störende und teure Auktionsplattform Ebay. Händler können eigene Online-Shops eröffnen, wenn sie von Ebay vergrätzt wurden, und in diese Shops kommt dann tatsächlich auch Kundschaft, zu der die Händler eine bessere Beziehung aufbauen können als über Ebay.

Ebays Abwehrstrategie mutet eher hilflos an: Das Bewertungssystem, mit dem die Kunden den Anbietern Noten geben, soll verbessert werden. Für die amerikanische Ebay-Seite hat der Konzern in der vergangenen Woche zudem ein umgestaltetes Layout angekündigt, die Suchergebnisse sollen stärker nach Qualität sortiert werden. Ob und wenn ja, wann diese Änderungen in Deutschland eingeführt werden - dazu mögen sich die Statthalter hierzulande nicht äußern.

Fraglich bleibt, ob die Zahl der Auktionen in den Kernmärkten jemals wieder so dynamisch wächst. Offenbar zweifelt daran auch Ebay-Chefin Whitman, sie sucht ihr Heil in China und in anderen Geschäftsmodellen. Der Konzern kauft junge Firmen aus allen möglichen Nischen des Internets. Ins Portfolio drängen Web-2.0-Unternehmen, die nichts mit Kaufen und Verkaufen zu tun haben. Der Charme des Flohmarkts ist dahin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.06.2007, Nr. 25 / Seite 35
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., REUTERS

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