Von Holger Schmidt
11. September 2006 Wir bringen nicht den Menschen zum Computer, sondern das Netzwerk zum Menschen, beschreibt Donatus Schmid, Manager des amerikanischen Computerkonzerns Sun Microsystems, die Arbeitsform der Zukunft. Ausgerüstet mit einem schnellen Internetanschluß, sollen in den kommenden 18 Monaten 900 Sun-Außendienstmitarbeiter in Deutschland ihren Arbeitsplatz aus dem Sun-Büro in die heimischen vier Wände verlagern. In aller Welt arbeiten bereits 15.800 Mitarbeiter des Konzerns zu Hause. Die Produktivität dieser Mitarbeiter steigt im Durchschnitt um 30 Prozent, weil sie in den sonst anfallenden Fahrzeiten arbeiten, sagt Schmid.
Arbeitsmodelle dieser Art haben allerdings einen Haken in Deutschland: Längst nicht alle Wohnorte in Deutschland sind mit den nötigen kostengünstigen Breitbandverbindungen ausgestattet. Die meisten Sun-Mitarbeiter haben Glück, da sie in Ballungszentren wohnen. Wegen eines fehlenden Breitbandanschlusses muß niemand umziehen, sagt Schmid.
Ländliche Regionen benachteiligt
Unternehmen, deren Mitarbeiter in ländlichen Regionen wohnen, können das Modell aber vergessen. Denn in knapp 1.500 der insgesamt 12.657 Gemeinden in Deutschland ist die dominierende Breitbandtechnik DSL gar nicht verfügbar, hat das Bundeswirtschaftsministerium in der Neuauflage seines Breitbandatlas errechnet. Probleme können auch Arbeitnehmer bekommen, die in einer der 2.130 Gemeinden leben, in denen das Ministerium von einer schlechten Versorgung spricht. Dort haben zwischen 2 und 75 Prozent der Einwohner Zugang zu der Technik, die Daten über die herkömmliche Telefonleitung inzwischen bis zu 500 Mal schneller als über eine Modem-Verbindung überträgt.
Von dieser Geschwindigkeit können die Bewohner ländlicher Gebiete aber nur träumen. Dort kommt der Ausbau der Netzinfrastruktur kaum voran. In den meisten Regionen hat sich der Ausbau der DSL-Infrastruktur auf die Erhöhung der Verfügbarkeit in bereits angebundenen Regionen konzentriert. Gleichzeitig gibt es große Gebiete, in denen hinsichtlich des Netzausbaus zwischen März 2005 und März 2006 keine deutlichen Verbesserungen erzielt wurden. Dies sind schwerpunktmäßig die strukturschwachen und dünnbesiedelten Regionen. Trotz eines starken Anstiegs der Nutzungsquote scheinen hier die Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Netzausbau weiterhin nicht gegeben zu sein, schreibt das Ministerium in seinem Breitbandatlas. Viel Grund zur Hoffnung, daß die weißen Flecken im Breitbandatlas bald verschwinden, sehen auch die Beamten nicht: Der Ausbau von DSL konzentriert sich derzeit und wohl auch in Zukunft stärker auf die Erhöhung der Datenrate als auf eine weitere Flächendeckung. Die Potentiale für die Flächendeckung sind weitgehend ausgereizt", heißt es im Breitbandatlas.
Telekom in der Kritik
Trotz der Stagnation in den ländlichen Regionen sei es Ziel der Bundesregierung, daß bis zum Jahr 2008 für 98 Prozent aller Haushalte ein breitbandiger Internetzugang über DSL, Kabelnetz oder terrestrische Funktechnologien verfügbar ist, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie Dagmar Wöhrl bei der Vorstellung des Atlas in Berlin. Nach Angaben der Deutschen Telekom werden heute mehr als 92 Prozent der Haushalte mit DSL versorgt.
Allerdings helfen die DSL-Alternativen Kabel und Funk bisher nur wenig, die weißen Flecken auf der DSL-Landkarte zu füllen. Die im Breitbandatlas verzeichneten Funk- und Kabelangebote konnten innerhalb des letzten Jahres gerade einmal 24 bislang vollkommen unversorgte Gemeinden anschließen, heißt es im Breitbandatlas. Vor allem die meist kleinen Anbieter der Funktechniken wie die Deutschen Breitband Dienste oder Airdata haben es schwer in Deutschland, obwohl Funktechniken gerade in dünnbesiedelten Gebieten kostengünstiger sein können als kabelgebundene Systeme. Damit ließe sich die Versorgungslage auch kurzfristig und auf wirtschaftliche Weise deutlich verbessern. Voraussetzung dafür ist jedoch, daß es der Deutschen Telekom nicht gelingt, auch bei diesen Zugangstechnologien den Wettbewerb zu torpedieren, kritisiert Jürgen Grützner vom Branchenverband VATM.
Verband: Investitionen sind unkalkulierbares Risiko
Der Ex-Monopolist erschließt viele Gebiete erst dann mit DSL, wenn Wettbewerber bereits eigene Infrastruktur-Investitionen in alternative Zugangstechnologien vorgenommen haben, und unterbietet deren Angebote dann mit örtlich nicht kostendeckenden bundesweiten DSL-Preisen. Da ist es doch kein Wunder, daß jungen innovativen Unternehmen die Luft ausgeht und sinnvolle Investitionen in neue Technologien zu einem unkalkulierbaren Risiko werden, kritisiert Grützner das Verhalten der Deutschen Telekom. Daß es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, zeigen uns regelmäßig Beschwerden von Gemeinden, die uns die negativen Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Attraktivität ihrer Gewerbeflächen schildern.
Text: F.A.Z., 11.09.2006
Bildmaterial: F.A.Z.