Blog-Bastler

So kommt das Tagebuch flink ins Netz

Von Katharina Borchert

12. November 2005 Weblogs sind modern: Mehr als 20 Millionen Menschen in aller Welt stellen ihre Tagebücher ins Internet. Die einen preisen sie als alternative Informationsquelle, als größte Medienrevolution seit Erfindung der Druckerpresse. Die anderen sehen lächelnd auf virtuelle Tagebücher stricksüchtiger Hausfrauen herab. Ein Blog ist vor allem das, was sein Autor daraus macht. Durchaus revolutionär ist dabei, daß zum erste Mal wirklich jeder ohne besondere technische Vorkenntnisse eine Publikationsmöglichkeit und eine nahezu unbegrenzte potentielle Leserschaft hat.

Wer sich gleich heute selbst daran versuchen will, kann das ganz einfach tun. Sogenannte Blog-Hoster nehmen ihren Kunden den technischen Teil der Arbeit ab. Ein Weblog ins Netz zu stellen ist nicht komplizierter als ein Postfach bei GMX & Co. anzulegen. Mit ein paar Klicks kommt jeder innerhalb von fünf Minuten zum eigenen Blog - das Verfassen des eigenen Eintrags natürlich nicht eingerechnet.

Kostenlose Accounts

Die meisten Blog-Dienstleister bieten kostenlose Accounts an, die für den ersten Testlauf völlig ausreichend sind. Man muß dafür allerdings je nach Anbieter entweder mehr oder weniger attraktive Werbebanner auf seinem Blog in Kauf nehmen oder aber mit eingeschränktem Funktionsumfang und geringerem Speicherplatz leben können. Bei Blogg.de beispielsweise gibt es ein kostenloses Weblog der werbefinanzierten Variante. Dafür bekommt man dann dieselben Leistungen, für die man sonst 5 Euro im Monat zahlen würde. Bei Twoday.net fällt die Werbung weg, dafür muß man mit erheblich weniger Speicherplatz auskommen, drei Megabyte statt 100, was sich vor allem bei Blogs mit vielen Bildern schnell bemerkbar macht.

Natürlich kann man jederzeit auf eine Bezahlversion aufrüsten, die in der Regel ungefähr fünf Euro im Monat kostet. Will man sein Weblog kommerziell nutzen, werden meist 15 bis 20 Euro fällig. Der Leistungsumfang ist bei allen Angeboten ähnlich. Man kann mehrere Weblogs anlegen oder zusammen mit anderen Autoren ein Blog schreiben, sein Tagebuch entweder übers Internet oder via Handy und E-Mail bestücken. Wer sich nicht auf Texte beschränken will, legt Bildergalerien an oder stellt Audiodateien ein. Das Design läßt sich aus einer Reihe von Vorlagen auswählen oder ganz nach Vorliebe und Fähigkeit selbst kreieren.

Geschmacksfragen

Wo man sich anmeldet, ist vor allem eine Geschmacksfrage. Wichtiger als die technischen Details ist das Umfeld, in dem man sich einrichtet. Wer ein philosophisches Wort zum Sonntag an die Welt richten will, ist bei einem Anbieter wie twoday.net oder typepad.de besser aufgehoben als bei einem mit jugendlicher Zielgruppe. Ambitionierte Kommentatoren der deutschen Außenpolitik werden sich inmitten von pubertären Herz-Schmerz-Weblogs ebensowenig wohl fühlen wie angehende Literaturkritiker unter Smiley-Enthusiasten, die zwanghaft jeden Kommentar mit gelben Grinsegesichtern verzieren.

Zu Testzwecken nahmen wir Twoday.net: Alles, was man hier braucht, ist eine funktionierende Mailadresse und ein frei wählbarer Benutzername. Der Benutzername wird unter den Einträgen im Weblog sowie in etwaigen Kommentaren erscheinen und dient ebenso wie der eigentliche Name des Blogs als Identifikation in der "Blogosphäre". Man darf ruhig eine Minute über den Namen brüten, denn man möchte weder der fünfte "Don" oder die zwölfte "Steffi" werden, noch will man ewig mit "Der Pate" assoziiert werden, bloß weil das kurzfristig ganz witzig schien. Am einfachsten ist natürlich, wenn man auf die relative Anonymität eines Pseudonyms verzichten kann und statt dessen seinen richtigen Namen einträgt.

Blogname mit Bedacht

Auch der Blogname selbst will mit Bedacht ausgesucht werden. Wer etwa in einem akuten Anfall von Originalität "Peepshow" als Bestandteil der URL wählt, muß damit rechnen, daß ein Teil der potentiellen Leser unabhängig vom Inhalt durch übereifrige Kindersicherungssoftware oder Firewalls von der Lektüre abgehalten wird. Allzu Witziges rächt sich natürlich auch hier. Der Titel des Blogs, also das, was meist oben in der Browserleiste und oben im Blog zu sehen ist, muß nicht mit dem Namensbestandteil der URL identisch sein. Im Gegensatz zur URL selbst läßt sich der Titel jederzeit ändern. Wir wählen als Namen FAS, so daß unsere Adresse jetzt fas.twoday.net lautet. Der Titel: "Das FAS Testblog".

Danach suchen wir aus einer Reihe von Vorlagen, sogenannten Templates, ein Layout für unser Blog, und schon ist das Grundgerüst fertig. Man kann natürlich noch tagelang am Design basteln und mit den verschiedenen Modulen spielen, die Twoday.net zusätzlich anbietet. So läßt sich etwa eine Linkliste, auch Blogroll genannt, einfügen oder anzeigen, welche Lektüre und welchen Kinofilm man derzeit bevorzugt. Man kann sich aber genausogut auf das Verfassen von Blogeinträgen konzentrieren und das optische Feintuning auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Die Standardeinstellung des Anbieters deckt auf jeden Fall die wichtigsten Punkte ab: Das Blog ist öffentlich einsehbar und kann kommentiert werden. Die Kommentarfunktion läßt sich einfach deaktivieren, doch nimmt man dem Blog damit eine seiner charakteristischen Eigenschaften und sich selbst die Chance auf eine Auseinandersetzung mit seinen Lesern. Die Blogsoftware informiert außerdem automatisch einen Dienst, meist weblogs.com, über neue Einträge und erstellt ganz ohne Zutun des Autors den dazugehörigen RSS-Feed. Diesen "Feed" können technisch versiertere Leser abonnieren, um die aktuellsten Einträge frei Haus geliefert zu bekommen.

Nun zu den Inhalten

Es empfiehlt sich zusätzlich im Menü "Admin / Module" die Trackback-Funktion zu aktivieren. Trackbacks werden unter den Kommentaren zu einem Eintrag angezeigt und weisen auf andere Weblogs hin, die sich auf diesen konkreten Eintrag beziehen. Sie sind hilfreich, um Diskussionen aufzugreifen und in verschiedenen Weblogs weiterzuführen, ohne den Überblick zu verlieren.

Nun muß man sich mit den Inhalten seines jungfräulichen Weblogs auseinandersetzen. Dabei sollte man bedenken, daß die Zahl der potentiellen Leser fast unbegrenzt ist, auch wenn zunächst nur fünf Leute am Tag kommen, von denen drei gleich wieder weg sind, weil sie etwas ganz anderes gesucht haben. Vorsicht also bei allzu freizügigen Einblicken in die Privatsphäre. Auch ein Pseudonym gewährt keine hundertprozentige Anonymität, und das Netz vergißt fast nichts. Wer unbedingt jedes Detail des Familienlebens bildlich festhalten und für Tante Annie in Übersee ins Netz stellen will, sollte sein Weblog vielleicht besser nur einer geschlossenen Benutzergruppe zugänglich machen.

Zurückhaltung ist erst recht bei beruflichen Fragen angebracht. Die geräuschvollen Tischsitten des Chefs gehören selbstverständlich ebensowenig ins Netz wie die Affäre des Kollegen oder gar geschäftliche Interna. Inzwischen entwickeln immer mehr Unternehmen eigene Richtlinien für Mitarbeiter-Weblogs, und in den Vereinigten Staaten gibt es bereits einen umgangssprachlichen Terminus für die Kündigung aufgrund geschäftsschädigender Blogeinträge. "To be dooced" entstand, weil die Autorin von dooce.com prominentestes Beispiel für allzu freimütiges Bloggen am Arbeitsplatz wurde. Leider läßt sich die Frage, was ein gutes Weblog ausmacht und wie man erfolgreich bloggt, nicht einfach beantworten. Man sollte im Laufe der Zeit sein Thema und seinen eigenen Stil finden und das Blog hegen und pflegen. Niemand erwartet tägliche Aktualisierungen, aber man sollte sein Blog auch nicht monatelang darben lassen. Die Blogosphäre lebt außerdem von der Vernetzung, und man darf sich gern durch Links auf Lieblingsblogs und durch intelligente Kommentare in anderen Blogs daran beteiligen. Egal ob man sein Blog nun einem Spezialthema widmet oder einfach nur aus seinem Alltag plaudert: man sollte es auf jeden Fall mit Leidenschaft tun. Ein Blog wird durch die Inhalte interessant, aber erst durch die Persönlichkeit dahinter lebendig.

Katharina Borchert führt das mehrfach preisgekrönte Weblog www.lyssas-lounge.de



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.11.2005, Nr. 45 / Seite 62

 
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