Adobe

„Wir werden die Nutzung des Internets revolutionieren“

“98 Prozent aller Computer haben unseren Flash-Player installiert“: Bruce Chizen

"98 Prozent aller Computer haben unseren Flash-Player installiert": Bruce Chizen

17. Oktober 2007 Für den amerikanischen Softwarehersteller Adobe Systems könnte es kaum besser laufen: Unmittelbar vor dem 25-jährigen Firmenjubiläum punktet das auf Bildbearbeitungssoftware spezialisierte Unternehmen aus dem Silicon Valley mit einem Rekordumsatz und neuen Produkten. Von Zukunftsängsten findet sich bei diesem Veteran der Branche keine Spur, im Gegenteil: „Wir werden die Nutzung des Internets revolutionieren“, kündigt Bruce Chizen, der Vorstandsvorsitzende von Adobe, im Gespräch mit dieser Zeitung an.

Damit tritt Adobe endgültig gegen Branchengrößen wie Microsoft oder Apple an. Gemeinsam mit Google, einem Kooperationspartner und Konkurrenten von Adobe gleichermaßen, will Chizen insbesondere dem von Bill Gates gegründeten größten Softwarehersteller der Welt das Leben schwermachen: „Google ist ein Verbündeter von uns. Gemeinsam bilden wir einen effektiven Schutzschild gegen Microsoft.“

Hoffnung auf „Air“-Software

Schon wenige Wochen nach der Einführung der neuen Produktversion „Creative Suite 3“ klingelt es kräftig in Adobes Kassen; der Umsatz ist im vergangenen Quartal um rund 40 Prozent gestiegen. Chizen rechnet nicht damit, dass dieser Effekt schnell verpuffen könnte: „Gerade die großen Unternehmen lassen sich Zeit mit ihren Investitionen. Sie stellen meist erst mit etwas Verzögerung um.“ Denn neue Softwareversionen verlangen häufig auch einen Austausch der Hardware, wie dies beispielsweise beim Verkauf des Betriebssystems Windows Vista von Microsoft zu beobachten ist.

Ausruhen will sich der 51 Jahre alte Manager deshalb nicht. Vor allem mit der sogenannten „Air“-Software sollen die Nutzer das Internet neu erfahren. Hinter der „Adobe Integrated Runtime“ verbirgt sich ein vom jeweiligen Betriebssystem des Computers unabhängiges Programm, mit dem Adobe die Vorteile von Anwendungen, die sich online abrufen lassen, und Software, die auf einem Computer-Standgerät (Desktop) installiert ist, zusammenführen will. Kunden wie AOL, Ebay, Philips Lighting, QVC, SAP und Yahoo verwenden die Software schon. „Wir bringen den Paradigmenwechsel für das Internet“, kündigt Chizen an. Die Inhalte auf dem Bildschirm mobiler oder feststehender Endgeräte sollen mit Hilfe der „Air“-Software künftig jedenfalls ganz anders wahrgenommen werden.

„Ohne uns gäbe es das Web 2.0 gar nicht“

Dass Adobe in seinen Augen ein Vorreiter für die nächste Internetgeneration ist, das sogenannte Web 2.0, hebt Chizen deshalb gerne hervor: „Ohne uns gäbe es das Web 2.0 gar nicht.“ Unter anderem mit dem sogenannten Flash-Player, mit dem man Standbilder zu bewegten Bildern animieren kann, hat Adobe das Internet geprägt. Im nächsten Jahr soll eine neue Flash-Player-Version die Inhalte dreidimensional präsentieren. Bevor die animierten Bilder Einzug in das Datennetz hielten, waren die Internetseiten statisch und textlastig.

Das Softwareunternehmen hatte im Jahr 2005 für 3,4 Milliarden Dollar das Unternehmen Macromedia gekauft, das die Software für den Flash-Player entwickelt hatte. Den Coup eingefädelt hatte Chizen. Mittlerweile ist das Produkt seit zehn Jahren auf dem Markt. „Mehr als 98 Prozent aller Computer auf der Welt haben unseren Flash-Player installiert“, berichtet Chizen: „70 Prozent aller Videos, die man im Internet finden kann, werden über den Flash-Player genutzt.“

„Raubkopien kosten uns ein Drittel unseres Umsatzes“

Angst vor dem Wettbewerbsprodukt „Silverlight“ von Microsoft hat Chizen nicht. Microsoft hatte die Adobe-Alternative Anfang September auf den Markt gebracht. „Ich nehme Microsoft zwar immer ernst. Aber mit unseren Produkten können wir der Konkurrenz erfolgreich die Stirn bieten.“ Zu schaffen macht Chizen viel stärker die Produktpiraterie, vor allem in Asien. „Raubkopien kosten uns ein Drittel unseres Umsatzes“, sagt der Adobe-Manager. Um nicht noch stärker durch illegale Softwareverbreitung in Mitleidenschaft gezogen zu werden, konzentriert sich Adobe auf das Geschäft in Westeuropa und den neuen EU-Mitgliedsländern. Hier sei die rechtliche Lage geregelt, hier will der amerikanische Softwarehersteller weiter sein Geschäft ausbauen. „Unser Wachstum in Asien wird dagegen länger dauern“, räumt Chizen ein.

Der Kampf gegen das illegale Geschäft mit Raubkopien ist aufwendig. Unternehmenszusammenschlüsse wie die Business Software Alliance (BSA) locken mit Prämien, um Zwischenhändlern, die Software illegal weiterverkaufen, das Handwerk zu legen. Gezahlt werden die Prämien an jeden, der einen Produktpiraten überführt. Mitglieder der BSA sind unter anderen Adobe, Microsoft und Apple.

Ein Forschungsstandort in Deutschland

Die Laune verderben lässt sich Chizen davon jedoch nicht. Dazu kennt er das Geschäft zu gut und weiß, dass die Zeit vieles in der schnelllebigen IT-Welt regelt. Stattdessen konzentriert er sich lieber auf die Themen, die er selbst in der Hand hat, zum Beispiel die Innovationskraft seines Unternehmens. „Wir investieren 20 Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung.“ Das sei mehr als der übliche Branchendurchschnitt, sagt Chizen. Auch in Deutschland besitzt Adobe einen Forschungsstandort und betreut von hier aus die osteuropäischen Märkte in Ländern wie der Tschechischen Republik oder Ungarn.

Zukäufe von kleineren Technologieunternehmen schließt der Adobe-Chef nicht aus. Spekulationen, dass Adobe selbst zum Übernahmeobjekt wird, verbannt Chizen aber ins Reich der Phantasie: „Daran verschwende ich keinen Gedanken.“ Mit einer Marktkapitalisierung von 26 Milliarden Dollar sei Adobe schon längst kein Leichtgewicht mehr. Daher sei die Zahl der potentiellen Käufer sehr überschaubar, ergänzt Chizen.

Im Open-Source-geschäft mitmischen

Momentan scheint er alle Risiken im Griff zu haben. So auch die Bedrohung durch „Open Source“: „Unsere Kunden wollen Qualität. Daher sind sie auch bereit, für unsere Produkte zu bezahlen“, sagt Chizen. Open-Source-Software hingegen ist frei zugänglich und kostet nichts - eine attraktive Alternative zu den klassischen Lizenzprogrammen von Microsoft oder Adobe. Auf der ganzen Welt entwickeln Programmierer die Open-Source-Softwareprodukte weiter. Davon kapselt sich Adobe nicht ab. Für Chizen ist es wichtig, dass das Unternehmen auch im Open-Source-Geschäft mitmischt.

Auch mit On-Demand-Lösungen will das kalifornische Unternehmen punkten. Anfang Oktober hatte Chizen die Übernahme von Virtual Ubiquity bekanntgegeben. Das Unternehmen hat eine Software zur Online-Textverarbeitung mit dem Namen „Buzzword“ entwickelt und bietet diese kostenlos zur Nutzung im Internet an. Mit Buzzword greift Chizen einerseits das Kerngeschäft von Microsoft an, wird aber auch zum direkten Konkurrenten von Google. Auf die Frage, wie Adobe mit solchen kostenlosen Softwareangeboten zukünftig Geld im hart umkämpften Internetgeschäft verdienen will, weiß auch Chizen noch keine Antwort: „Wir haben noch nicht entschieden, wie das Geschäftsmodell aussehen soll.“

200.000 Downloads am Tag

Auf das bestehende alte Geschäftsmodell kann Chizen zufrieden zurückblicken: Im vergangenen Geschäftsjahr hatte Adobe einen Umsatz von knapp 2,6 Milliarden Dollar (Vorjahr: 1,9 Milliarden Dollar) erzielt. Auf vielen Personalcomputern sind die Programme von Adobe zu finden. Mindestens 200000 Mal täglich wird die Software zum Lesen von sogenannten PDF-Dokumenten, der auf der ganzen Welt bekannte „Adobe Reader“, heruntergeladen. Mittlerweile - so die konservativen Schätzungen von Adobe - sei die Software auf mehr als 600 Millionen Computern installiert.

Ein Ende scheint nicht in Sicht. Adobe baut seine Marktpräsenz auf der ganzen Welt stetig aus, verkauft seine Produkte in Amerika, Europa, Asien, Afrika und dem Mittleren Osten. Auch den Mitarbeiterstamm hat Chizen in den vergangenen Jahren ausgebaut: Beschäftigte der Softwarehersteller im Jahr 2002 noch rund 3300 Mitarbeiter, so sind es heute fast doppelt so viel.

Zur Person

Er kennt die amerikanische Softwarebranche wie nur wenige andere: Bruce Chizen, der Vorstandsvorsitzende von Adobe Systems. Der Amerikaner, der sich gern auch mal mit Joggingrunden fit hält, ist ein Urgestein des Silicon Valley. Er hat das Auf und Ab des Internetbooms im kalifornischen Informationstechnik-Schmelztiegel hautnah miterlebt. Ihm ist es gelungen, nach dem Platzen der großen Internetblase das Softwarehaus Adobe wieder auf Kurs zu bringen. Und das, obwohl ihm die wesentlich größeren Konkurrenten Microsoft und Apple stets im Nacken sitzen. Dabei hat der verheiratete und zweifache Familienvater Chizen selbst einmal für Microsoft gearbeitet. Nach vier Jahren verließ er 1987 Microsoft und ging zur Claris Corporation, wo er im Vertrieb und Marketing tätig war. Sein Verkaufstalent dürfte ihm auch in seinen Jahren bei Adobe geholfen haben, wo er seit 1994 seinen Heimathafen gefunden hat.

Zum Unternehmen

Adobe Systems Inc. gehört zu den Pionieren der amerikanischen Softwarebranche. 1982 von John Warnock und Charles Geschke gegründet, hat das Softwareunternehmen eine kontinuierliche Erfolgsgeschichte geschrieben. Schon vier Jahre nach dem Startschuss ging das kalifornische Softwarehaus in New York an die Börse. Damals machte Adobe gerade einmal 16 Millionen Dollar Umsatz. Zu den Kunden gehören Fotografen und Web-Designer genauso wie große Medienagenturen oder Verlagshäuser. Den Markt teilt sich das Softwareunternehmen mit namhaften Unternehmen wie Apple, Microsoft, Corel, Google oder Kodak. Mehr als 6000 Mitarbeiter beschäftigt der Softwarehersteller.

Das Gespräch führten Uta Bittner und Carsten Knop.



Text: F.A.Z., 17.10.2007, Nr. 241 / Seite 19
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.

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