Von Michael Spehr
15. Mai 2008 Seit dem Start des schnellen UMTS-Mobilfunknetzes vor fünf Jahren wird von allen Beteiligten das mobile Internet als Killer-Applikation beschworen, als weitreichende Innovation mit spektakulären Auswirkungen. Das Web in der Hand - auf dem Handy oder Taschencomputer - sollte der Durchbruch für die intensive Nutzung von Datendiensten sein. Bis jetzt ist davon nur wenig zu spüren.
Das Internet auf dem Handy? Vor allem eine Geduldsprobe für leidensfähige Technik-Freaks. Zwar gibt es in Deutschland mittlerweile mehr Mobilfunkanschlüsse als Einwohner (rund 100 Millionen), aber nur 8,7 Millionen UMTS-fähige Endgeräte. Und wenn man dem stolzen Besitzer eines 700-Euro-Handys erzählt, dass es dank HSDPA-Turbo bis zu 3,6 Megabit je Sekunde aus dem Netz holt, also gegebenenfalls schneller als DSL im Festnetz ist, wird man nach einem Achselzucken die Frage hören, wozu das gut sei. Nach einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts M: Metrics greifen nur 9,4 Prozent der europäischen Handy-Besitzer zu ihrem Mobiltelefon, um aktuelle Nachrichten zu lesen oder Informationen einzuholen, und lediglich 8,4 Prozent setzen es als E-Mail-Maschine ein.
Eine schallende Ohrfeige für Nokia & Co.
Doch nun zeichnet sich ein Durchbruch ab. Um bei dieser Studie zu bleiben: Unter iPhone-Besitzern sind es 85 Prozent, die regelmäßig mit Apples Kulttelefon im Web stöbern. Der typische iPhone-Nutzer in Deutschland verbraucht das dreißigfache Datenvolumen eines durchschnittlichen T-Mobile-Kunden. Ist das mobile Internet bei den Menschen angekommen? Scheinbar hat Apple mit seinem ersten Handy (das bisher nur einen Marktanteil von weniger als zwei Prozent erreicht) etwas geschafft, wovon die Platzhirsche seit Jahren träumen. Also eine schallende Ohrfeige für Nokia, Sony Ericsson, Motorola und Samsung.
Beim Vergleich einiger Geräte wird sofort offenkundig, warum einen das iPhone ins Internet geradezu hineinzieht. Es ist einfach zu handhaben, und vor allem sieht man Internetseiten wie zu Hause am Rechner auf dem 320 × 396 Pixel großen Display. Ein Blick auf die unverdächtige Seite des Heise-Fachverlags der Computerspezialisten in Hannover zeigt unter www.heise.de auf dem iPhone die gewohnte PC-Ansicht: links und rechts die Spalten mit Rubriken, oben in klitzekleiner Schrift die Hinweise auf verschiedene Zeitschriften und in der Mitte acht Meldungen mitsamt Vorspann. Zwar ist die Schrift zu klein zum Lesen, aber mit einer einzigen Fingerbewegung vergrößert sich die Darstellung, und mit weiteren Bewegungen des Fingers auf dem berührungsempfindlichen Display blättert man auf und ab. Die vertraute Darstellung und das intuitive Vorgehen sind die Pluspunkte des Safari-Browsers von Apple.
Das typische Handy hingegen zeigt auf 320 × 240 Pixel nur einen klitzekleinen Ausschnitt der Heise-Seite: Das Logo oben links, den oberen Rand der linken Spalte, und erst mit dem Scrollen nach rechts lässt sich genau eine Überschrift einer Meldung lesen. Um verschiedene Zoomstufen auszuwählen, muss man ein Menü aufrufen. Zwischen der iPhone-Darstellung und der von herkömmlichen Geräten liegen Welten. Was die etablierten Hersteller im Angebot haben, ist unzureichend.
Web-Seiten auf dem Handy: Eine Blamage für die Platzhirsche
Nicht nur, dass gewohnte Web-Inhalte im mobilen Netz auf andere Formate, Geräte und Bediensysteme treffen. Eine weitere Schwierigkeit des Internetzugriffs mit Mobilgeräten besteht in der Komplexität gängiger WWW-Seiten und dem daraus resultierenden Datenvolumen. Flash-Animationen und Werbung, Java und andere Plug-ins versperren den Weg zu den Texten. Um auf den großen Nachrichtenseiten eine Meldung im Umfang von 1000 Zeichen zu lesen, werden 200 bis 500 Kilobyte übertragen.
Am PC daheim sind die Werbebanner mit Flash-Programmierung nur ein lästiges Ärgernis. Auf dem Handy oder Taschencomputer kosten sie erstens Geld (für das Datenvolumen) und bremsen zweitens den Mini-Browser aus. Da kann UMTS noch so schnell sein: Die Rechenleistung der Handys ist für einen flüssigen Seitenaufbau zu gering. Viele Verlage nutzen deshalb einen Trick: Sie versuchen, den Zugriff von Mobilgeräten zu erkennen, und leiten diese auf eine spezielle Seite mit reduziertem Umfang um. So verfährt etwa www.faz.net. Man landet nach der Eingabe der gewohnten Adresse auf http://m.faz.net und sieht lediglich die wichtigsten Schlagzeilen in einem sparsamen Layout.
Ein anderes Prinzip besteht darin, nicht die Website aufzurufen, sondern deren RSS-Adresse. RSS steht für Really Simple Syndication und ist ein unabhängiges Format, das Inhalte ohne zusätzlichen Ballast (Design und Layout) aufbereitet. Fast alle modernen Handys haben eine RSS-Maschine an Bord, die es erlaubt, beispielsweise die Schlagzeilen von faz.net wie neue E-Mails in einer chronologisch sortierten Liste zu sehen. Idealerweise kann man den Vorspann der Nachricht mit einem Tastendruck lesen. Aber viele Verlage sind nicht daran interessiert, dieses besonders schlanke Format zu verwenden. Sie bieten zwar RSS an, liefern aber nur Überschriften. Zum Lesen soll man bitte schön wieder auf die Standardseite - und vor allem die Werbung mitnehmen.
Blackberry bleibt der E-Mail-Experte für Geschäftsleute
Die E-Mail auf dem Handy wirkt demgegenüber deutlich ausgereifter. Bessere Mobiltelefone in der Preisklasse von 150 Euro an bieten eine Software für den Nachrichtenempfang nach Pop3 oder Imap. Das sind die beiden einfachsten Protokolle, die von jedem Mail-Dienst verstanden werden. Es fallen nur Datenkosten an. Wir raten zu Imap, das beispielsweise mit T-Online, AOL oder Googlemail funktioniert. Hier bleibt die Post auf dem Server, man holt sich also eine Kopie aufs Handy. Außerdem gibt es die Option, zunächst nur Absender und Betreffzeile auf das Mobiltelefon zu laden. Das spart Übertragungsvolumen und Zeit. Zudem funktioniert mit etlichen Geräten Imap Idle, ein Push-Dienst, der dafür sorgt, dass die Verbindung zwischen Server und Telefon aufrechterhalten bleibt und neue Nachrichten sofort auf dem Handy sichtbar sind.
Obwohl das Handy mit Pop3 und Imap gewiss nicht den Komfort eines Outlook am PC bietet, ist die flink zugestellte E-Mail für unterwegs ungemein praktisch. Man ist eben schneller informiert und kann umgehend reagieren. Ist ein Programm zum Betrachten von Office- oder PDF-Dateien an Bord, lassen sich sogar die Anhängsel der Post lesen (und gegebenenfalls bearbeiten). Das kostet allerdings zusätzliches Datenvolumen. Der E-Mail-Experte für Geschäftsleute ist nach wie vor der Blackberry. Zwar zahlt man eine zusätzliche monatliche Grundgebühr. Dafür ist aber die Zuverlässigkeit des kanadischen Nachrichtensystems unübertroffen.
Verboten, weil die Geheimdienste nicht mitlesen können
Viele pfiffige Details überzeugen den Vielnutzer: Angehängte Word- oder Excel-Dateien werden beispielsweise komprimiert, ohne jede Formatierung (und nicht als Originaldatei) übertragen, so dass sie schneller auf dem Mobilgerät eintreffen. Das Datenvolumen bleibt klein. Unschlagbar ist der Blackberry, wenn es darum geht, schnell Hunderte von neuen E-Mails durchzusehen oder gar zu löschen. Auch hinsichtlich Daten- und Abhörsicherheit setzt er hohe Maßstäbe. In einigen Ländern sind Blackberrys verboten, weil die Geheimdienste nicht mitlesen können. Blackberry-Software gibt es übrigens auch für Handys von Nokia, Sony Ericsson und das Windows-Mobile-Betriebssystem.
Der schärfste Konkurrent des Blackberry-Herstellers Research in Motion ist Microsoft mit der direkten Anbindung des Windows-Mobile-Handys an den Exchange-Server im Unternehmen. Auch hier existiert ein Push-Verfahren, man arbeitet unterwegs direkt auf dem Büro-Server. Nokia stellt seit einiger Zeit sein Mail for Exchange für einige Handys mit ähnlichem Komfort unentgeltlich zur Verfügung. Für manche E-Mail-Konten - etwa Googlemail oder Yahoo - liefern die Betreiber eigene Handy-Software, die zwar nur mit diesem einen Mail-Dienst funktioniert, dafür aber die Einrichtung einfacher macht. Ein Nachteil kann indes darin bestehen, dass ein höheres Datenvolumen anfällt, weil beispielsweise Yahoo noch alle nur denkbaren Zusatzdienste in sein Yahoo Go hineingepackt hat.
E-Mail sofort auf dem Handy: Push-Verfahren werden selbstverständlich
Für E-Mail auf dem Handy kommt man schon mit GPRS-Tempo (bis zu 55 Kilobit je Sekunde), das alle Netzbetreiber flächendeckend zur Verfügung stellen, gut zurecht, wenn man darauf verzichtet, die ganze Nachricht zu laden, sich also beispielsweise auf die ersten 2000 Zeichen beschränkt. Die Edge-Technik mit bis zu 220 kBit/s gewährleistet bei T-Mobile und Vodafone deutlich mehr Tempo außerhalb der Ballungsgebiete, wo kein UMTS (384 kBit/s) vorhanden ist. Das iPhone zeigt auf diese Weise sogar Videos von Youtube. E-Plus und O2 bieten Edge leider nicht an, und UMTS ist bei den beiden kleinen Netzbetreibern deutlich seltener anzutreffen als bei den großen. Der am Notebook klar sichtbare Gewinn von UMTS zeigt sich auf mobilen Kleingeräten kaum. Eine Ausnahme ist das Laden von riesigen Dateien, etwa Podcasts oder Videos. Oder wenn das Handy als Modem für den Laptop dient.
Die schon mehrfach angesprochenen Datenkosten sind in Deutschland das größte Hindernis für mobiles Surfen und Mailen. Weder Politiker noch Bundesnetzagentur schreiten hier ein, obwohl die Missstände zum Himmel schreien. Im günstigsten Fall zahlt ein Simyo-, Blau- oder Fonic-Kunde mit einer Prepaid-Karte 24 Cent je Megabyte. Wer hingegen einen Laufzeitvertrag hat, also monatlich eine Grundgebühr entrichtet und damit mehr Geld auf den Tisch legt als der Prepaid-Kunde, wird je Megabyte mit 20 bis 30 Euro zur Kasse gebeten. Eine kurze Lesepause bei faz.net kostet also auf dem Handy mehr als die Monatsgebühr für den DSL-Anschluss mit Flatrate im Festnetz. Und das 80- bis 125fache der günstigsten Prepaid-Anbieter. Aber nur der tapferen EU-Kommissarin Viviane Reding stößt das auf.
Und dann beginnt das nächste Chaos
Geht es darum, mit einem festen Vertrag im Web zu stöbern, soll man bei den großen Netzbetreibern einen zusätzlichen Datentarif buchen. Damit beginnt das nächste Chaos. Nehmen wir beispielhaft Handy Flat von T-Mobile, das im Monat je nach Sprachtarif zwischen 10 und 15 Euro kostet. Die Restriktionen des unbegrenzten Surfvergnügens entdeckt man in den Fußnoten: Man kann damit auf dem Handy nur WWW-Seiten aufrufen, und man darf das Telefon nicht als Modem am Notebook betreiben. Ferner lässt sich keine E-Mail abrufen (dazu braucht man einen weiteren, also dritten Vertrag), kein FTP und kein Blackberry nutzen. Das Tempo ist auf maximal 384 kBit/s gedrosselt, und es ist verboten, Messaging-Programme oder Internettelefonie zu betreiben. Die Mindestlaufzeit beträgt sechs Monate.
In anderen Verträgen werden sogar die aufrufbaren Inhalte beschränkt auf jene, die der Netzbetreiber in seinem Portal zur Verfügung stellt. Die Kundenbetreuung von Vodafone empfahl uns für mobile E-Mail die Live Internet Flat (10 Euro im Monat, zwei Jahre Vertragslaufzeit). Ärgerlich, wenn wir tatsächlich zugegriffen hätten: Es gelten ähnliche Beschränkungen wie bei T-Mobile, insbesondere wird der von uns ausdrücklich gewünschte E-Mail-Abruf mit Pop3 oder Imap unterbunden. Die Vodafone-Beraterin am Telefon hingegen: Damit können Sie E-Mail empfangen und versenden, so viel Sie wollen, das ist eine Flatrate.
Wirrwarr der Tarife: Auch die Hotline von Vodafone ist keine Hilfe
Ein Beispiel für faire Rahmenbedingungen ist Internet 250 von E-Plus: Für 10 Euro im Monat lässt sich ein Datenvolumen von maximal 250 Megabyte buchen. Zusätzliches Volumen wird in kleinen 10-Kilobyte-Schritten abgerechnet. Wie man die 250 Megabyte konsumiert, ist egal: sei es am Handy oder mit der UMTS-Karte im Notebook. Man kann E-Mail und Messenger nutzen. Der Tarif ist unabhängig von einem Vertrag über Sprachtelefonie bei E-Plus erhältlich und hat eine Mindestlaufzeit von lediglich einem Monat. Niemand kommt also um die Lektüre des Kleingedruckten herum. Und man muss vorab genau wissen, was man wirklich braucht. Ein Sorglos-Paket mit vorbildlichen Bedingungen ist die erwähnte Simyo-Karte der gleichnamigen E-Plus-Tochter mit 24 Cent je Megabyte. Hier sind zudem auch die Gebühren für Sprachtelefonate (9 Cent die Minute in alle Netze) im akzeptablen Bereich.
Wir nutzen die E-Mail auf dem Handy seit Jahr und Tag. Dafür fallen monatlich zwischen 5 und 30 Megabyte an. Das alles funktioniert mit nahezu jedem Gerät und kann empfohlen werden. Das Web auf dem Mobiltelefon macht derzeit nur mit dem iPhone wirklich Spaß. Wenn das mobile Internet zur Killer-Applikation werden soll, man also nach Feierabend im Biergarten mal eben in den Schlagzeilen des Tages blättern, bei einem Auktionshaus spontan mitbieten oder die Börsenkurse verfolgen soll, müssen die Handy-Hersteller ihre Software verbessern und die Netzbetreiber die Datengebühren drastisch senken sowie den Tarifwirrwarr beenden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: FAZ.NET-Andreas Brand
