Palm Treo

Die Faszination des kleinen mobilen Büros

Von Michael Spehr und Raymond Wiseman

Palm Treo 750v: Mit Minitastatur und Nachrichtenzentrale

Palm Treo 750v: Mit Minitastatur und Nachrichtenzentrale

09. Oktober 2006 Ein Palm-Taschencomputer mit Windows-Betriebssystem? Das ist für viele Freunde des amerikanischen Unternehmens ein Verrat an der guten Sache, denn die kleinen Organizer zur Verwaltung von Adressen und Terminen waren immer das genaue Gegenteil eines Windows-Produkts: Palm steht für ein schlichtes Betriebssystem ohne Schnickschnack, für einfache und logische Bedienung und sparsamen Umgang mit Ressourcen wie Arbeitsspeicher und Akkuleistung. Nun arbeitet der neue Treo 750 mit dem Windows-Mobile-Betriebssystem 5.2, und das ist für die Palm-Gemeinde schon ziemlich starker Tobak. Fairerweise muß man dazu sagen, daß es auch künftig Palm-Produkte mit Palm-OS geben wird, also kein Grund zum Schwarzsehen. Ein erster Blick auf den 750, den wir mit dem Namenszusatz „v“ als Vodafone-Version ausprobiert haben, zeigt Kontinuitätslinien zum älteren Palm-Treo 650 - etwa hinsichtlich der Minitastatur und der 4-Wege-Wippe unterhalb der Anzeige als zentrales Bedienelement -, aber auch einiges Neue: So ist die Antenne nun vollständig im Gerät verbaut, und das Gerät funkt nicht nur in vier GSM-Frequenzbereichen, sondern auch mit UMTS. Wireless Lan für einen besonders günstigen und schnellen Abruf von E-Mail oder Anhängseln fehlt leider. Bluetooth und Infrarot sind indes vorhanden.

Die rückseitig eingebaute Kamera hätte man sich - wie beim Treo 650 - sparen können. Sie löst mit 1,3 Megapixel auf, hat keinen Autofokus, und die Bildqualität ist unzureichend. Multimediale Inhalte sind ohnehin nicht die Stärke des neuen Treo 750, trotz MP3- und Video-Fähigkeiten. Das Display zeigt nur 240 × 240 Pixel, und beim Gang ins Internet beispielsweise wird der ohnehin knappe Platz durch die zahlreichen Windows-Steuerungselemente noch weiter beschränkt. Vergleichen wir mal: www.faz.net auf dem Treo 750 zeigt gerade mal den oberen linken Titelkopf des Internetauftritts dieser Zeitung. Auf einem Nokia E61 mit 240 × 320 Pixel und deutlich aufgeräumterem Display sieht man fast viermal soviel. Nein, trotz 128 Megabyte Speicher, erweiterbar mit Mini-SD-Speicherkarten und einem sehr kräftigen Lautsprecher auf der Rückseite ist der Treo 750 in erster Linie ein Organizer für den Geschäftsmann. Wie bei jedem Windows-Mobile-Gerät gelingt die Outlook-Synchronisation am stationären PC fehlerfrei und schnell. Imap- und Pop3-Konten lassen sich unterwegs abfragen, sogar in frei wählbaren Intervallen. Ferner gehört ein Blackberry-Programm zur Zusatzausstattung. Aber am beeindruckendsten fanden wir die Outlook-Synchronisation mit einem Exchange-Server, die sich auf www.vodafonebusiness.de konfigurieren läßt.

Kunde muß Administratorkonto eröffnen

Klinke-Anschluss und Schnittstelle zum Synchronisieren

Klinke-Anschluss und Schnittstelle zum Synchronisieren

Online läßt sich mit Managed Exchange - so der Name des neuen Vodafone-Dienstes - ein Mail-Server konfigurieren, auf dem sich zwischen einem und hundert Postfächer anlegen lassen. Zunächst muß der Kunde ein Administratorkonto eröffnen. Anschließend kann er dann Postfächer anlegen. Diese Voreinstellungen werden alle online im Browser-Fenster vorgenommen und gehen relativ einfach von der Hand. IT-Kenntnisse sind dank gut strukturierter Oberfläche nicht erforderlich.Nachdem diese Vorarbeiten erledigt sind, gibt es drei Möglichkeiten, auf den Inhalt eines Postfachs zuzugreifen: mit dem Internet-Browser, mit Outlook und mit dem Treo. Während der Zugriff mit dem Browser über die Web-Adresse außer einem aktiven Internetanschluß und der Kenntnis von Mailadresse und Kennwort keine weiteren Voraussetzungen erfordert, muß für die Einbindung des Vodafone-Dienstes in Outlook ein Profil erstellt und installiert werden. Hierbei hilft die Website von Managed Exchange in vorbildlicher Weise. Mit wenigen Mausklicks ist das Profil in Outlook eingebunden. So ist Outlook in kürzester Zeit nicht nur mit Vodafone verbunden, sondern zeigt auch - solange eine Online-Verbindung besteht - stets den aktuellen Inhalt des Postfachs an. Doch auch ohne Online-Verbindung lassen sich dank des Cache-Speichers von Outlook Mails lesen und schreiben, die dann bei der nächsten Verbindungsaufnahme versandt werden.

Um auch den Posteingang des Treo 750 stets auf dem aktuellen Stand zu halten, muß das Synchronisierungsprogramm des Palm auf den Exchange-Server eingestellt werden. Voraussetzung, um die Verbindung einzurichten, sind die Benutzerkennung, die Domäne des Servers, die Serveradresse und das Kennwort. Während die Adresse und das Paßwort den Angaben entsprechen, die auch beim Online-Zugriff auf das Postfach eingegeben werden, ist der Benutzername leider nicht identisch mit der Mailadresse. Ist diese kleine Hürde genommen, werden Mails des Postfachs, aber auch Adressen, Aufgaben und Termine übernommen. Daß der aktuelle Status gewahrt bleibt, dafür sorgt die Push-Mail-Funktion, die direkt bei Nachrichteneingang oder anderen Änderungen den entfernten Exchange-Server mit dem Gerät abgleicht.

Beschränktes Spektrum

So flexibel sich Managed Exchange auch erweist, bei der Vergabe der E-Mail-Adresse ist das Spektrum beschränkt. Mit seiner Absenderkennung tut der Vodafone-Kunden die Provenienz seines Providers stets deutlich kund, endet sie doch in jedem Fall auf „vodafonebusiness.de“. Eine eigene Absenderdomäne, beispielsweise die eines Firmenpostfachs, läßt sich hier nicht für den Versand eintragen. Wer auf die individuelle Domäne Wert legt, kann auf Managed Exchange verzichten und statt dessen den Palm mit dem Netzwerk seines Unternehmens verbinden, sofern dort ein Exchange-Server die Push-Mail-Funktion unterstützt. Auch dies funktionierte - die Kenntnis der Zugangsdaten vorausgesetzt - bei unserem Test problemlos.

Ob Push-Mail, Outlook oder Web-Access - die drei Zugriffsvarianten haben einen gemeinsamen Vorteil: Die Quelle, von der die Informationen abgerufen werden, ist stets die gleiche. So sind alle Änderungen direkt verfügbar. Datenwirrwarr und doppelte Abgleicharbeiten werden hierdurch vermieden, gleichgültig ob Änderungen am eigenen Arbeitsplatz oder unterwegs vorgenommen werden. Und durch die Möglichkeit, den Kalender für den Zugriff anderer Postfachinhaber des gleichen Accounts freizugeben, lassen sich Termine im Team schnell fixieren und beispielsweise freie Zeiten für Besprechungen wesentlich leichter ermitteln. Mit 500 Megabyte ist die Postfachgröße so angelegt, daß auch Nachrichten mit üppigeren Anhängen Aufnahme finden und sich längere Zeit im Postfach verfügbar halten lassen. Auch das maximale Volumen einzelner Mails ist mit zehn Megabyte ausreichend bemessen. Lediglich die Kapazität des Adreßbuchs, die auf 200 Einträge beschränkt ist, könnte kommunikationsstarken Benutzern knapp werden, zumal es sich nicht auf E-Mail-Kontakte beschränkt, sondern auch Anschriften und Telefonnummern aufnimmt, die sich zudem mit dem Treo 750 komfortabel direkt anwählen lassen.

Schneller und perfekter Abgleich von Daten

Und was kommt dabei heraus, wenn alles klappt? Zum einen der schnelle und perfekte Abgleich von Adressen, Terminen und E-Mail. Word- und Excel-Dateien lassen sich öffnen und in Grenzen bearbeiten. Und zum andern die faszinierende Möglichkeit, den gesamten Datenbestand an jedem Internet-Rechner via Outlook Web Access zu bearbeiten. So kann die Sekretärin Termine eintragen oder Kontakte ergänzen, und alles ist sofort mit dem Palm synchronisiert. Das hat uns begeistert. Der Spaß kostet 9,70 Euro je Postfach und erfordert die Tarifoption Vodafone-E-Mailconnect Fair Flat, in deren Preis von 23,20 Euro hundert Megabyte Übertragungsvolumen enthalten sind. Wer mehr mobilen Mailverkehr hat, zahlt je zusätzlichem Megabyte 1,86 Euro.

Die Kamera hätte man sich sparen können: schwache 1,3 Megapixel

Die Kamera hätte man sich sparen können: schwache 1,3 Megapixel

Wie jeder Pocket-PC mit Windows ist auch der Treo nicht gerade einfach zu bedienen. Das herunterfallende Start-Menü soll eine Reminiszenz an Windows auf dem PC sein, bewährt sich aber nicht. Bildlaufleisten auf dem kleinen Display schränken die Übersicht ein, und die Menügestaltung ist eine Katastrophe. Was die Ergonomie anbetrifft, kommt man mit einem Blackberry oder Nokia E61 stets schneller zurecht, vor allem unterwegs im Ein-Hand-Betrieb. Profile für unterschiedliche Situationen fehlen dem Treo. Das alles ist nicht Palm vorzuwerfen, sondern Microsoft. Palm hat sogar viel getan, um den Umgang mit dem Treo einfacher zu machen. Mit der 4-Wege-Wippe und den Bedientasten läßt sich manches Mal der Griff zum Stift sparen, und der Heute-Bildschirm erlaubt die Schnellwahl von Rufnummern. Auch die Sprachsteuerung Voice Command (von Microsoft) ist ein Gewinn. Ohne jedes Training läßt sich jeder Kontakt im Adreßbuch damit flink anrufen. Die Minitastatur gehört normalerweise nicht zur Standardausstattung von Pocket-PCs. Ob man sie mag und nutzt - oder lieber mit dem Stift oder der virtuellen Bildschirmtastatur arbeitet -, ist eine Frage der persönlichen Präferenzen. Ein zweiter Nachteil der Windows-Taschencomputer ist ebenfalls nicht Palm anzukreiden: Der Treo ist so stromhungrig, daß das Handbuch zu Recht empfiehlt, ihn so oft wie möglich zu laden. Nach spätestens anderthalb Tagen muß er ans Netz. Alles in allem aber ist der erste Palm mit Windows Mobile - derzeit nur bei Vodafone für 260 bis 650 Euro zu haben - eine interessante Neuerscheinung. Wer die Tastatur zur Eingabe von kurzen Texten mag, liegt hier genau richtig. Und die Anbindung an Vodafonebusiness mitsamt Exchange und Co. ist rundum genial.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite V16

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