Gebraucht gekauft

Keine 50 Euro für einen Schreibapparat

Von Michael Spehr

Gut gebraucht: Tungsten C mit Palm-Tastatur

Gut gebraucht: Tungsten C mit Palm-Tastatur

02. August 2007 Über den rasenden technischen Fortschritt in der Welt der Elektronik kann man vortrefflich Klage führen: Das teure 700-Euro-Handy ist schon nach einem Jahr bestenfalls die Hälfte wert, und von da an fällt der Preis im Sturzflug. Man kann darin allerdings auch eine Chance sehen. Technik von vorgestern ist günstig wie nie, und manches alte Gerät taugt prima für neue Aufgaben.

Wir suchten für einen notorischen Bahnfahrer einen Notebook-Ersatz. Das Reisegepäck ist ohnehin schwer, da will man sich nicht zusätzlich belasten. Die Wahl fiel auf einen Taschencomputer, der gerade mal vier Jahre jung ist: den Tungsten C von Palm. 2003 kostete so ein Gerät mit 64 Megabyte Speicher um die 500 Euro. Heute ist er für weniger als 20 Euro gebraucht bei Ebay erhältlich. Und dazu kam eine zusammenklappbare Tastatur, ebenfalls von Palm, Baujahr 2002, damals für stolze 155 Euro im Regal, heute bei Ebay für weniger als 10 Euro zu haben. Mit dieser Ausstattung erhält man eine gute Schreibmaschine für unterwegs, und beide Komponenten sind zusammen nicht viel größer als ein dickeres Taschenbuch.

Der knappe Speicher ist kein Problem

Die Palm-Tastatur hatte uns schon vor fünf Jahren begeistert. Sie entfaltet sich wie ein Meisterwerk der Feinmechanik und gibt eine vollwertige Notebook-Tastatur preis. Damit kann der Zehn-Finger-Künstler so schnell schreiben wie daheim am PC, eine Stromversorgung ist nicht erforderlich. Vielmehr dockt die Tastatur am Palm an. Auch ist der Taschencomputer für Schreibarbeiten bestens gerüstet. Das Display löst mit 320 × 320 Pixel auf, eingebaut ist eine Art Mini-Office mit Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Powerpoint-Pendant namens „Documents to Go“.

Bedient wird er mit einem Stift und Handschrifterkennung, außerdem gibt es eine kleine Minitastatur unterhalb der Anzeige. Der knappe Speicher ist bei den Palm-Geräten kein Problem: Früher hatten die ersten Modelle nur zwei Megabyte und speicherten trotzdem Tausende von Adressen und Terminen. Eine E-Mail-Software ist auch dabei. Es fehlen allerdings eine Mobilfunkeinheit und Bluetooth. Den Kontakt zum PC stellt man mit einer Docking-Station her oder bucht sich via Wireless-Lan ins Internet ein.

Upgrades und Software im Internet

So weit, so gut. Beim Kauf eines gebrauchten Tungsten sollte man auf den Akku achten. Er ist nicht wechselbar und müsste wenigstens zehn Stunden im Dauereinsatz durchhalten. Unser Gerät war schnell in Betrieb genommen und arbeitete einwandfrei. Aber die mitgelieferte Software verweigerte die Kontaktaufnahme mit Outlook 2003 zwecks Datenabgleich. Sie installierte stets nur den „Palm Desktop“, aber nicht das Outlook-Modul. An dieser Stelle stand das Projekt zum ersten Mal auf der Kippe.

Zum Glück kann man im Internet bei www.palm.com flott aktuelle Software auch für ältere Geräte laden. Jetzt klappte endlich die Outlook-Anbindung, aber es wurden nicht alle Adressen richtig synchronisiert. Die nächste Idee bestand darin, die Software vom Treo 680 aufzuspielen. Nun funktionierte so weit alles, nur arbeitete sie nicht mit dem alten „Documents to Go“ zusammen. Also noch einmal ins Internet und dort ein „Upgrade“ auf die (nicht ganz aktuelle, aber hinreichende) Version 8 bei Hersteller www.dataviz.com für 23 Dollar gekauft. Dann fehlte nur noch der Treiber für die Palm-Tastatur, und fortan lief alles perfekt: Was man auf dem Tungsten verfasst, lässt sich Word-kompatibel auf der SD-Speicherkarte sichern und zum PC transportieren.

Nicht alle Hersteller sind so großzügig

Mit jeder Datensynchronisation landen alle Inhalte zudem automatisch auf dem Rechner. Was will man mehr? Vom praktischen Einsatz war unser Bahnfahrer begeistert: Die Hardware lässt sich schnell verstauen, und dank Wireless-Lan gelingt der Abruf von E-Mail oder Internetseiten an öffentlichen Hotspots oder zu Hause. Eine kleine Einschränkung dabei: Es wird nur die (unsichere) Wep-Verschlüsselung von Drahtlosnetzwerken unterstützt, nicht aber das aktuelle WPA-Verfahren.

Alles in allem haben wir zwei Nachmittage mit Installation und Einrichtung verbracht. Aber für um die 50 Euro einen schönen Schreibmaschinen-Ersatz zusammengestellt zu haben: Das war uns die Sache wert. Anzumerken bleibt, dass man für die Wiederbelebung älterer Geräte unabdingbar auf die mitgelieferte Software angewiesen ist. Während Palm hier vorbildlich selbst den fünf Jahre alten Tastaturtreiber ins Netz stellt, sind andere Hersteller weniger großzügig. Eigentlich müsste jemand Treiber und Programme sammeln, denn manches alte Schätzchen hat durchaus noch seine Existenzberechtigung.

Text: F.A.Z., 31.07.2007, Nr. 175 / Seite T2
Bildmaterial: Spehr

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