08. Oktober 2007 Internet-Start-Ups gibt es inzwischen für fast alles. In der Hoffnung, das nächste MySpace oder das zweite Ebay zu werden, setzen Hunderte junger Unternehmen in Deutschland auf das Web 2.0 - alle Macht dem Nutzer, der sich vernetzt, kommuniziert und beim Einkauf selbstverständlich aus dem Long Tail auswählt, dem langen Rattenschwanz der vielen, individuellen Konsumentenwünsche.
Wie Mymuesli. Drei Studenten aus Bayern verkaufen dort Müsli - selbstverständlich in Web-2.0-Manier. Im Internet können die User schon lange die Inhalte bestimmen - nicht aber auf dem Frühstückstisch lautet der Wahlspruch des Unternehmens. Daher können sich die Kunden ihr Lieblingsmüsli am Bildschirm individuell zusammenmixen und per Post zuschicken lassen. Ergebnis: In den ersten fünf Monaten ihres Unternehmerdaseins haben die drei Gründer 12.000 Müslidosen verschickt und damit 70.000 Euro Umsatz erzielt.
Restposten für Club-Mitglieder
Viel Aufmerksamkeit ziehen auch die Vente Privée Dienste auf sich, die Markenprodukte nur an geschlossene Nutzergruppen verkaufen. Wie zum Beispiel Brands4Friends, die im September online gegangen sind. Dort können die Nutzer nur auf Einladung Mitglied werden. Was edel klingt, ist bei genauem Hinhören eine Web-2.0-Resterampe: Die Plattform verkauft Restposten von Markenartikeln in einem geschlossenen Club zu Discountpreisen, sagt Lukasz Gadowski, Gründer des Vorzeigeunternehmens Spreadshirt, der sich inzwischen bevorzugt als Investor engagiert und auch bei Brands4Friends eingestiegen ist.
Ebenfalls ganz neu auf dem Markt ist Onsari, ein soziales Netzwerk, das erst gar nicht den Versuch unternimmt, in der Nische groß zu werden. Bis zum Jahresende sollen zwei Millionen Mitglieder angelockt werden, was nur funktionieren kann, wenn diese Nutzer von anderen sozialen Netzwerken wie MySpace oder StudiVZ zu Onsari wechseln. Das Unternehmen hat eine klare Vorstellung, wie es die Nutzer zum Netzwerkwechsel bewegen will: Komplizierte Anwendungen bisheriger Social Networks lassen keinen echten Spaß beim Kommunizieren aufkommen. Vor allem schaffen sie es nicht, sich international durchzusetzen und die reichweitenkräftige Verbindung mit der realen Welt herzustellen.
Geld gegen Platzhirsche
Onsari ist angetreten, um dies zu ändern: Menschen international zu vernetzen; zu helfen, besser und moderner zu kommunizieren und auch Handel treiben zu können, heißt es ganz unbescheiden in der Selbstdarstellung des Unternehmens, das gleich mehrere revolutionäre Funktionen verspricht, um die Welt zu erobern. Seit Combots hat niemand mehr den Mund so voll genommen - zumal es mit Bloomstreet oder Unddu.de inzwischen genügend Beispiele gibt, dass auch gut finanzierte neue Gemeinschaften den Platzhirschen nicht gefährlich werden können.
Bodenständiger geht es bei Verwandt.de zu. Dort können die Nutzer Stammbäume ihrer Familien anlegen und nach ihren Ahnen forschen. Seit dem Start wurden knapp drei Millionen Profile eingerichtet und 220.000 Familienstammbäume angelegt, sagt Sven Schmidt, der das Unternehmen gemeinsam mit Daniel Grözinger nach dem amerikanischen Vorbild Geni.com gegründet hat. Seit wenigen Wochen ist das Unternehmen mit lokalen Seiten in Italien und Polen präsent; eine türkische Seite soll bald folgen. Noch stimmt das Wachstum: 5000 neue Stammbäume kommen jeden Tag hinzu.
Erinnerungsservice für Geburtstage
Die Idee hat allerdings einen Haken: Sind die Stammbäume erst einmal angelegt, haben die Nutzer zur Zeit wenig Anreize, häufig zurückzukommen. Deshalb wird Verwandt.de zur Familiengemeinschaft ausgebaut. Wir wollen Familien eine Plattform bieten, um Informationen auszutauschen, zum Beispiel Fotos hochzuladen, Feiern zu organisieren, Familienkalender zu pflegen oder Familienchroniken zu schreiben, sagt Schmidt. Zudem soll die Ahnenforschung erleichtert werden, indem eine öffentlich zugängliche Datenbank mit Toten aufgebaut wird, da diese Daten nicht mehr dem Datenschutz unterliegen, sagte Schmidt. Das künftige Geschäftsmodell soll auf mehreren Säulen basieren: Ein SMS-Erinnerungsservice für Geburtstage der Familienmitglieder, die kostenpflichtige Suche in der Ahnendatenbank und Online-Werbung. Vor allem Singlebörsen hätten Interesse gezeigt, auf Verwandt.de Werbung zu schalten, da die Nutzer hier fast immer die richtigen Angaben zu ihrem Familienstand machten.
Ebenfalls schon zu den etablierten Start-ups zählt Mr. Wong, ein so genannter Social-Bookmarking-Dienst, der in Del.icio.us ebenfalls ein amerikanisches Vorbild hat. Nutzer können dort ihre Lieblingsseiten im Internet als Lesezeichen ablegen. Je mehr Nutzer eine Seite als Lesezeichen abgelegt haben und damit dokumentieren, dass sie sie gut finden, desto höher wird diese Seite in der Suchmaschine angezeigt. Nach Angaben von Mr. Wong sind inzwischen Lesezeichen von 32 Millionen Seiten angelegt worden.
Welterschütterndes Geschäftsmodell
Schon fast ein Jahr im Internet gibt es Weblin, eine Web-2.0-Variante von Second Life. Nutzer können sich dort Avatare zulegen, mit denen sie auf anderen Internetseiten auftauchen, die ebenfalls gerade von Weblin-Nutzern besucht werden. Die virtuellen Charaktere sind nicht wie bei Second Life auf ein Programm beschränkt, sondern auf allen Internetseiten zu Hause. Weblin wurde vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Business 2.0 als eines der 10 welterschütternden Geschäftsmodelle ausgewählt. Das Unternehmen setzt vor allem auf Werbung und will eigenen Angaben zufolge Anfang kommenden Jahres eine sechsstellige Zahl an Nutzern haben.
Hitflip ist eine weitere schon etablierte Web-2.0-Seite, die sich als Tauschbörse für Medienprodukte versteht. Nutzer können dort nicht mehr benötigte DVS, Bücher oder CD's zum Tausch anbieten und gegen andere Medienprodukte tauschen. Interessant sind vor allem die Bewertungsmechanismen für die Produkte. Das Unternehmen finanziert sich aus den Transaktionsgebühren je Tausch.
Text: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 23