Von Sebastian Balzter, Jönköping
26. November 2009 Um kurz nach 8 Uhr kommt über dem Birkenwald die Sonne raus, da zieht Erik Höjenfält lieber die Vorhänge im Abteil zu. Widerlich, das Licht, sagt er, nur halb im Spaß. Ich bin eine Nachteule, ich mag es lieber dunkel. Neben sich auf der Sitzbank hat er einen Flachbildschirm platziert, in der Gepäckablage über ihm seinen Computer und einen Rucksack. Zusammen mit 200 anderen Videospielfans - kaum einer von ihnen ist älter als 20 Jahre alt, und nur eine Handvoll weiblich - ist der Achtzehnjährige in aller Frühe zu Gleis 12 am Hauptbahnhof in Stockholm gekommen, um sich einen Platz im Charterzug Dreamtåg der Schwedischen Eisenbahn nach Jönköping zu sichern. Alle sind schwer bepackt, auf Sackkarren und Bürostühlen haben sie ihre Ausrüstung für Dreamhack mitgebracht, die mit voraussichtlich mehr als 15.000 Spielern die größte LAN-Party der Welt.
Vier Stunden dauert die gemächliche Fahrt aus der Hauptstadt ins beschauliche Småland, wo das Festival an diesem Donnerstagnachmittag beginnt. Höjenfält zieht vorsichtshalber seine Sonnenbrille mit weißem Plastikrahmen auf, um sich gegen das fahle Herbstlicht zu schützen. Sein zwei Jahre jüngerer Abteilnachbar Rawezh Karim holt eine Taschenlampe aus dem Rucksack und simuliert damit ein Stroboskop. De-Ho! De-Ho! De-Ho!, rufen sie, so kürzt man auf Schwedische Dreamhack ab.
Die Vorfreude der beiden spricht daraus genauso deutlich wie ihre Nervosität - sie fahren in diesem Jahr zum ersten Mal zum Computerspiel-Event der Superlative. Dessen Wurzeln lassen sich zurückverfolgen bis zu einer Kellerparty, die vor 15 Jahren in dem schwedischen Provinznest Malung stattgefunden hat. Seit dem Jahr 2000 ist der Veranstaltungsort immer am letzten Novemberwochenende die Messehalle Elmia am Rand von Jönköping und strategisch günstig etwa gleich weit von Göteborg und Stockholm entfernt, den beiden größten Städten des Landes. Jahr für Jahr steigt seither die Teilnehmerzahl, was nicht nur die Schwedische Eisenbahn nun zur Einrichtung ihres Sonderzugs bewegt hat, auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen SVT wird in diesem Jahr erstmals live und ausführlich über das Spektakel berichten.
Feierabend - Counterstrike - Einschlafen
So zieht Jönköping nicht nur bekennende Nerds wie den Klempnerlehrling Erik Höjenfält an, der von sich selbst mit einer gehörigen Portion Stolz sagt, dass es zwischen Feierabend und Einschlafen nicht viel mehr als Counterstrike und World of Warcraft gibt. Die Delegation einer Spieleschmiede aus Schanghai, die in Schweden den Trends der Branche nachspüren will, hat einen Dolmetscher engagiert und ein ganzes Abteil im Dreamtåg besetzt, eifrig werden die draußen vorbeiziehenden Seen, Wälder und roten Holzhäuser gefilmt. Weil die zu bewältigende Datenmenge kolossal ist, werden sich auch Technikfreaks und Hardware-Hersteller Router und Server anschauen. Und im früheren Speisewagen des Zugs, der mit zwei Großbildschirmen zu einem Zockersalon umgebaut worden ist, spielen sich schon einmal die Favoriten des in Jönköping anstehenden Streetfighter-Turniers warm (siehe Interview: Computerspiel-Profi Lagerberg: Was wir machen ist Sport).
Rawezh Karim schließlich sieht die Reise sogar als eine Art beruflicher Fortbildung: Er will Programmierer werden, geht jetzt schon auf eine Schule mit IT-Schwerpunkt und hofft auf jede Menge Inspiration für seine künftigen Aufgaben. Die Aussicht auf vier Tage ohne natürliches Licht und frische Luft schrecken ihn nicht, lässt sich die Sonne zu dieser Jahreszeit in Schweden doch ohnehin kaum blicken. Beeindruckender ist da schon, wie ihn einer der aus Amerika angereisten Favoriten für das Streetfighter-Turnier im Spielwaggon abzieht. Der ist so unglaublich schnell, rechtfertigt er nachher die Schlappe. Und er wusste immer genau, was ich als nächstes machen wollte.
Wir sind das Woodstock der digitalen Generation
820 Kronen kostet die Eintrittskarte für das ganze Festival, das sind gut 80 Euro, drahtloses Internet und einen Platz für die Isomatte im Schlafsaal inklusive. Aber zum Schlafen werde ich bis zum Sonntag wohl kaum kommen, prognostiziert Erik Höjenfält. Viel Cola und Kaffee werde es stattdessen geben - und bis zum Sonntag auch jede Menge Bier. Wenn er abends mit seinen Freunden, mit denen er sich für Dreamhack verabredet hat, in Jönköping um die Häuser zieht, wird seine Reisebekanntschaft Rawezh Karim allerdings nicht mit von der Partie sein dürfen: Die meisten schwedischen Kneipen sind volljährigen Gästen vorbehalten. Und in der Dreamhack-Halle selbst herrscht strenges Alkoholverbot. Wir sind das Woodstock der digitalen Generation, hat das Organisationsteam als Motto ausgegeben. Nur ohne Schlamm und ohne Drogen.
Das werden auch die Mütter gern gehört haben, die ihren Nachwuchs am Morgen zum Dreamtåg-Bahnsteig in Stockholm gebracht haben. Große Sorgen scheinen sie sich um ihre Kinder nicht zu machen, die sich in den nächsten Tagen und Nächten auch mit Ballerspielen vergnügen werden, die in Deutschland auf dem Index stehen. In Schweden sind die Gesetze liberaler, und die öffentliche Meinung ist weniger kritisch - hat doch sogar das Gesundheitsministerium in einer Studie festgestellt, dass Computerspiele die Reaktions- und Teamfähigkeit verbessern.
De-Ho! De-Ho! De-Ho!, skandieren Erik Höjenfält und Rawezh Karim noch einmal, als der Sonderzug in Jönköping einrollt. Die Sonne hat sich hinter dunklen Wolken verkrochen, aber für die meisten Dreamhacker ist das Wetter jetzt sogar noch problematischer als drei Stunden zuvor: Es regnet in Strömen, das tut den Joysticks, Rechnern und Monitoren nicht gut. Aber zum Glück steht der Bus für die letzten Meter bis zur Dreamarena schon bereit. Und dort spielen Sonne und Regen dann endlich keine Rolle mehr.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Sebastian Balzter / F.A.Z.