Von Roland Lindner
22. Juli 2008 Es war ein unbehaglicher Moment in der Telefonkonferenz des amerikanischen Computerkonzerns Apple zur Vorlage der Quartalszahlen: Der Analyst der Investmentbank Lehman Brothers nahm es auf sich, die Frage zu stellen, die alle interessierte. Er wand sich hin und her und entschuldigte sich vorab, bis die Frage aus ihm herauskam: Wie steht es um die Gesundheit des Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs? Finanzvorstand Peter Oppenheimer gab eine knappe Antwort: Steve liebt Apple. Er dient zur Freude des Verwaltungsrates von Apple als Vorstandsvorsitzender, und er hat keine Pläne, Apple zu verlassen. Seine Gesundheit ist eine Privatangelegenheit“. Jobs selbst hatte an der Telefonkonferenz wie üblich nicht teilgenommen.
Diesem Wortwechsel sind wochenlange Spekulationen über die Gesundheit von Jobs vorausgegangen. Beim letzten öffentlichen Auftritt von Jobs zur Vorstellung des neuen iPhone 3G im Juni waren viele Beobachter erschrocken von seinem Erscheinungsbild. Jobs sah fahl und eingefallen aus. Es ist zwar bekannt, dass der 53 Jahre alte Jobs ein strikter Vegetarier ist, und er war auch vorher alles andere als korpulent. Trotzdem wirkte er diesmal viel hagerer als sonst. Mit dem etwas rundlicheren Gesicht, das im Profil von Jobs auf der Internetseite von Apple zu sehen ist, hatte seine Optik im Juni kaum noch etwas gemein.
Jobs ist die überstrahlende Figur bei Apple
Es dürfte wenige Unternehmen geben, bei denen das Wohlbefinden des Vorstandsvorsitzenden ein für die Finanzmärkte so hochsensibles Thema ist wie bei Apple. In der Branche wird daher heftig darüber diskutiert, ob die Gesundheit von Jobs in der Tat eine Privatangelegenheit ist oder nicht. Das hat vor allem damit zu tun, dass Jobs die alles überstrahlende Figur bei Apple ist. Der Erfolg des Unternehmens wird maßgeblich mit ihm in Verbindung gebracht. Jobs gilt als der große Pionier und Innovator: Er hat Apple im Jahr 1976 mitgegründet und einen der ersten erfolgreichen Personalcomputer auf den Markt gebracht. Im Jahr 1984 kam unter seiner Führung der revolutionäre Macintosh, der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche. Mitte der achtziger Jahre wurde Jobs aus dem Unternehmen gedrängt, er feierte aber im Jahr 1997 eine triumphale Rückkehr. Seither hat Apple einen Erfolg nach dem anderen gelandet, vom iMac-Computer über den digitalen Musikspieler iPod bis zum Multifunktions-Handy iPhone.
Die Gesundheit von Steve Jobs ist im Jahr 2004 zum ersten Mal ein Thema geworden: Das Unternehmen teilte damals mit, dass Jobs an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war und ihm ein Tumor entfernt wurde. Jobs musste eine zwischenzeitliche Auszeit von seiner Arbeit nehmen, versicherte aber hinterher, er habe den Krebs überwunden.
Apple: ein harmloser Bazillus
Spätestens seit dieser Zeit sind die Finanzmärkte aber nervös, wenn es um die Gesundheit von Steve Jobs geht. Das hat auch damit zu tun, dass die Öffentlichkeit im Unklaren über eine Nachfolgeregelung ist. Bei den großen Produktvorstellungen beansprucht Steve Jobs das Rampenlicht für sich selbst, und es gibt niemanden, der offensichtlich aufgebaut wird, um eines Tages die Verantwortung zu übernehmen.
Die Sorgen um Steve Jobs haben sich nach der Veranstaltung im Juni wieder verstärkt. Vor allem in Internetblogs wurde darüber spekuliert, ob Jobs womöglich wieder schwer erkrankt sein könne. Apple sah sich daraufhin zu einer Stellungnahme gezwungen und erklärte das Erscheinungsbild von Jobs damit, er habe sich einen harmlosen Bazillus eingefangen und müsse Antibiotika nehmen. Für Beruhigung sorgte das aber nur bedingt, zumal Apple auch bei der ersten Erkrankung erst mit großer Verspätung mit der Wahrheit ans Licht rückte, wie die Zeitschrift Fortune“ vor einigen Monaten erstmals berichtete.
Vor der Telefonkonferenz am Montag war das Thema durch einen Bericht des Boulevardblattes New York Post“ wieder hochgekocht. Darin hieß es, verschiedene Menschen, die Jobs zuletzt gesehen hätten, seien von seiner Optik beunruhigt gewesen. Das Apple-Management musste spätestens nach diesem Bericht damit rechnen, dass die Frage nach der Gesundheit von Jobs in der Telefonkonferenz aufkommen würde. Wenn die Antwort von Oppenheimer aber wohlüberlegt war, dann konnte sie die Sorgen um Jobs nicht zerstreuen. Denn er brachte das Szenario ins Spiel, wonach Jobs das Unternehmen verlassen könnte, ohne konkret danach gefragt worden zu sein. Und über den tatsächlichen Gesundheitszustand des Apple-Vorstandsvorsitzenden schwieg er sich aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS