08. Januar 2008 Im weltgrößten Softwarekonzern steht das Ende einer Ära bevor: Der Gründer Bill Gates, der mit Microsoft zum reichsten Menschen der Welt geworden ist, wird sich im Juli aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Stattdessen wird er sich auf die wohltätige Stiftung konzentrieren, die er zusammen mit seiner Frau Melinda führt. Konkurrenten wie Apple oder Google machen Microsoft zunehmend das Leben schwer. Soeben hat Bill Gates in Las Vegas seine Abschiedsvorstellung gegeben und zum letzten Mal die traditionelle Eröffnungsrede der Messe für Unterhaltungselektronik gehalten. Die F.A.Z. hat am Rande der Messe mit ihm gesprochen.
Herr Gates, Sie haben gerade Ihre letzte große Rede auf der CES hinter sich gebracht, bevor Sie sich im Juli aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurückziehen. Ein Anlass, um sentimental zu werden?
Klar werde ich das vermissen. Ich habe es immer sehr genossen, meine Gedanken zu formulieren: Wohin die Industrie geht. Wie Software ein Teil des Lebens von Menschen wird und sie in ihrem Alltag überraschen kann. Gehen Sie davon aus, dass ich auch in Zukunft etliche Reden halten werde, aber dann wird es um meine Stiftung gehen, um Dinge wie Krankheiten und Erziehung. Ich werde also nicht die Bühne verlassen, aber auf dieser Bühne hier in Las Vegas werden Sie mich wahrscheinlich niemals wieder sehen.
Mit welchen Gefühlen sehen Sie ihrem letzten Arbeitstag bei Microsoft entgegen? Wird es Ihnen schwerfallen, loszulassen?
Wenn ich jetzt nur rumsitzen würde und nicht mit meiner Stiftung etwas hätte, das sehr wichtig ist und mich erfüllt, dann würde ich tatsächlich sagen: Es würde mir immens schwerfallen. In der Softwarebranche zu arbeiten macht mir riesigen Spaß.
Halten Sie sich für ersetzbar?
Natürlich. Und das können Sie daran sehen, dass ich gerade dabei bin, ersetzt zu werden.
Microsoft galt einmal als unangreifbar und marktbeherrschend. Der Ruf scheint aber heute zu bröckeln, der Wettbewerb wird immer schärfer…
Es gibt immer großartige Unternehmen, mit denen wir konkurrieren. Apple und Google zum Beispiel bekommen heute viel Beachtung, und sie machen auch gute Arbeit. Aber wir werden ihnen auch Paroli bieten. Bedenken Sie: Microsoft hat heute mehr brilliante Forscher denn je, mehr Umsatz denn je, mehr Gewinn denn je.
Man hat den Eindruck, ihr Wettbewerber Apple hat bei den Verbrauchern einen fast automatischen Coolness-Faktor, egal was er herausbringt. Microsoft wird dagegen nicht gerade als begehrenswerte Marke wahrgenommen…
Unser Wettbewerber bedient einen eher kleinen Markt und ist ein Nischenanbieter, so etwas wie der Mini von BMW bei Autos. Unsere Produkte sind dagegen allgegenwärtig, und die Menschen kennen sie aus dem Büro. Deshalb ist es völlig natürlich, dass wir unterschiedlich wahrgenommen werden. Aber ich gebe zu: Wir machen uns viele Gedanken über unsere Marke und wie wir für sie Begeisterung wecken können. Und manchmal wie bei der Xbox gelingt uns das auch ziemlich gut.
Ihr persönliches Image hat sich im Laufe der Jahre ziemlich geändert. Erst waren Sie der jugendliche Computerfreak und bewunderte Unternehmer. Dann wurden Sie zum rücksichtslosen Geschäftsmann, der seine Wettbewerber an die Wand drängt. Und jetzt werden Sie mit Ihrer Stiftung als Weltverbesserer gefeiert…
Die Menschen haben die unterschiedlichsten Wahrnehmungen. Es gibt Leute, die haben zuallererst vor Augen, wie viel Geld ich habe. Sie meinen, niemand sollte so viel besitzen. Andere Leute denken daran, dass ich für eine weite Verbreitung des Computers gesorgt habe und halten das für einen großen Verdienst. Wieder andere denken an Frusterlebnisse mit ihrem Computer und werfen sie mir vor. Und so gibt es all diese Eindrücke, und ich glaube, es war nie ausschließlich positiv und auch nie ausschließlich negativ.
Der Stahlbaron und Philantrop Andrew Carnegie hat den berühmten Satz gesagt: Wer reich stirbt, stirbt in Schande“. Ist das ein Hintergrund für Ihre Stiftungsarbeit?
Ich habe zusammen mit meiner Frau Melinda beschlossen, den größten Teil unseres Vermögens in die Stiftung zu geben. Ich vertrete nicht die extreme Auffassung von Carnegie, dass unser Vermögen auf Null schrumpfen sollte. Aber seine Philosophie geht schon in die richtige Richtung. Ich meine, man sollte der Gesellschaft, die einem Wohlstand ermöglicht hat, etwas zurückgeben und dies auf kluge Art und Weise tun.
Dies ist ein Auszug aus dem F.A.Z.-Gespräch mit Bill Gates. Das vollständige Interview lesen Sie in der F.A.Z. vom 9. Januar 2008. Das Gespräch führte Roland Lindner.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb