Enttäuschungen bei den Kanuten

Kurzarbeit bei den Medaillenzählern

Von Cai Tore Philippsen, Peking

Die Gesichter sprechen Bände - die Freude über Silber lässt bei Tim Wieskötter (l.) und Ronald Rauhe noch auf sich warten

Die Gesichter sprechen Bände - die Freude über Silber lässt bei Tim Wieskötter (l.) und Ronald Rauhe noch auf sich warten

23. August 2008 Bis zum Samstag waren die Rollen von Fanny Fischer und Nicole Reinhardt in der deutschen Mannschaft ganz klar definiert. Jung, schön und erfolgreich sind diese Kanutinnen. Das flotte Paar war schon vor der Abreise nach Peking ein Liebling der Medien, die „Playboy“-Fotos von Nicole Reinhardt taten ein Übrigens. Und als sie dann mit dem Kajak-Vierer am Freitag auch noch die erwartete Goldmedaille gewannen, war die Traumstory perfekt.

Einen Tag später scheiterten die beiden jungen Frauen dann an den übertriebenen Erwartungen. Im Finale über 500 Meter kamen die Weltmeisterinnen nur als Vierte ins Ziel und mit Tränen an Land. „Der Druck war enorm, damit muss man erst mal klarkommen“, sagte die 21 Jahre alte Fanny Fischer. Und ihre ein Jahr ältere Mitfahrerin meinte: „Das Boot ist überhaupt nicht ins Laufen gekommen. So einen Tag bei Olympia zu erwischen, das ist bitter.“

Tränen statt Gold

Die beiden waren schon beim Start, der eigentlich ihre Stärke ist, ins Hintertreffen geraten, lagen nach 250 Metern nur auf Platz fünf und konnten auch im Endspurt nur noch einen Platz gutmachen. Die Ungarinnen Katalin Kovac und Natasa Janic fuhren wie schon in Athen einen ungefährdeten Sieg heraus. Fanny Fischers Tante, Birgit Fischer - die erfolgreichste Kanutin aller Zeiten, wollte Trost spenden. „Mensch, du hast doch Gold!“, sagte sie zu ihrer Nichte, doch der liefen unentwegt die Tränen unter der Sonnenbrille hervor.

Und auch das vermeintlich sicherste deutsche Goldboot, der Kajak-Zweier der Männer, erreichte sein Ziel nicht. Seit 2001 waren Ronald Rauhe und Tim Wieskötter unbezwingbar, gewannen bei Weltcups, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen jedes Rennen. Im Shunyi-Park von Peking wurden sie nur Zweite.

Ein „geiles Ergebnis“ für Katrin Wagner-Augustin

„Das müssen wir jetzt erst einmal verdauen“, sagte Tim Wieskötter, während sein Partner Ronald Rauhe wie schon in Athen mit den Tränen kämpfte. Vor vier Jahren waren es allerdings Freudentränen nach dem Olympiasieg. „Die Krux ist, dass die Serie endet, wo sie auf keinen Fall enden sollte“, meinte Wieskötter. Sie hatten sich den Spaniern Saul Craviotto und Carlos Perez geschlagen geben müssen.

Als Gewinnerin fühlte sich an diesem 33 Grad heißen Tag nur Katrin Wagner-Augustin. Die Dreißigjährige gewann nach Gold im Vierer einen Tag später im Einer Bronze, nicht einmal eine Sekunde hinter Inna Ospirenko aus der Ukraine und der bereits 44 Jahre alten Italienerin Josefa Idem. „Dafür, dass ich hier eine Woche lang Antibiotika nehmen musste, ist das eine geiles Ergebnis“, sagte die Sportsoldatin, die nach drei Olympischen Spielen nunmehr vier Gold- und eine Bronzemedaille gesammelt hat.

Das schlechteste Abschneiden einer gesamtdeutschen Mannschaft

Kanadier-Fahrer Thomasz Wylenzek, der am Freitag nach der Silbermedaille im Kanadier-Zweier über 1000 Meter einen Kreislaufkollaps erlitten hatte, konnte am Samstag über die halbe Distanz wieder an den Start gehen. Erst fünf Stunden vor dem Rennen hatten die Ärzte ihr Einverständnis gegeben. Zusammen mit Christian Gille wurde er Dritter. „Am Freitag haben wir ganz knapp Gold verloren, heute haben wir ganz knapp Bronze gewonnen“, meinte Gille.

Am ersten Finaltag hatte neben dem Vierer der Frauen auch der Kajak-Zweier mit Martin Hollstein und Andreas Ihle Gold gewonnen. Wylenzek und Gille fuhren zu Silber im Kanadier-Zweier und der Kajak-Vierer der Männer holte Bronze. Mit insgesamt zweimal Gold-, zweimal Silber und dreimal Bronze bilanzieren die Medaillenzähler das schlechteste Abschneiden einer gesamtdeutschen Kanumannschaft bei Olympischen Spielen.

Die Erwartungen sind zu hoch

„Das Fazit fällt nüchtern aus. Ich kann ja nicht euphorisch sein. Wir hatten heute mit zwei weiteren Goldmedaillen gerechnet, und es ist keine geworden“, sagte Olaf Heukrodt, Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV).

Vor vier Jahren in Athen erpaddelten die deutschen Athleten noch viermal Gold und dreimal Silber. Andererseits sind die Kanuten wieder der erfolgreichste Teil der deutschen Gesamtmannschaft. Die Erwartungen der Athleten und Funktionäre sind einfach zu hoch. Sie verderben der Geschichte das Happy End.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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Knapp geschlagen: Ronald Rauhe und Tim Wieskötter verlieren das erste Rennen seit acht JahrenWagner-Augustin in ihrem Element - und ihrem pinken RennkajakTief enttäuscht über Platz vier: die Weltmeisterinnen Fanny Fischer (l.) und Nicole Reinhardt Die Gewinnerin des Tages: Katrin Wagner-AugustinBronze gewonnen: Christian Gille und der wieder fitte Tomasz Wylenzek (r.) freuten sich über ihre zweite MedailleSiegersohn: Meng Yuhangs Papa Guanliang hat das 500-Meter-Rennen im Zweier gewonnen