Von Cai Tore Philippsen, Peking
18. August 2008 Es wäre der perfekte Abgang von der Bühne des Wasserspringens und der Beginn eines unbeschwerteren Lebens in Chinas High Society gewesen. Mit ihrem fünften und letzten Sprung im Finale vom Drei-Meter-Brett gewann die große Favoritin Guo Jingjing vor 15.000 begeisterten Zuschauern beim letzten Wettkampf ihrer einmaligen Karriere die Goldmedaille.
Der zweieinhalbfache Delfinsalto gelang der sechsundzwanzig Jahre alten Chinesin ebenso perfekt, wie die vier Sprünge zuvor. Für Guo Jingjing war es nach Synchron-Gold mit Wu Minxia der zweite Triumph in Peking. Insgesamt hat sie bei vier Olympischen Spielen vier Gold- und zwei Silbermedaillen gewonnen. Mehr als jede Wasserspringerin in der olympischen Geschichte.
Habe noch nicht über meine Zukunft nachgedacht
Der richtige Zeitpunkt für die Königin des Wasserspringens (Bundestrainer Lutz Buschkow) nach 20 Jahren Leistungssport abzutreten, zumal der in China so populäre Sport sie zur reichen Frau gemacht hat. Doch Guo Jingjing wollte nach ihrem Sieg den allgemein erwarteten Rücktritt noch nicht bestätigen. Ich habe noch nicht über meine Zukunft nachgedacht, vielleicht springe ich auch weiter, sagte sie.
Als Guo Jingjing 2000 in Sydney ihre ersten beiden olympischen Silbermedaillen gewann, verdiente sie noch 2000 Yuan (rund 200 Euro) im Monat. 2002 unterschrieb sie ihren ersten Werbevertrag mit der Brauerei Aodeli und kassierte bei ihren Weltcupsiegen bereits ein Vielfaches. Nach den zwei Goldmedaillen in Athen machten sie Verträge mit McDonalds, Toshiba und Coca Cola zur Millionärin, wobei der Staat immer mitkassierte. Ihr Partner Fok Kai-kong stammt zudem aus einer steinreichen Industriellenfamilie aus Hong Kong.
Zwei Deutsche hatten den Schlussdurchgang verpasst
Guo Jingjing genoss nach Jahren in der Kaderschmiede endlich einmal das Leben. Nun füllten die Geschichten über die Diving-Diva nicht mehr die Sportseiten, sondern die Klatschspalten der chinesischen Zeitungen. Dann rückten die Spiele von Peking näher und unter dem Druck der Funktionäre, die nicht auf eine sichere Goldgewinnerin verzichten wollten, konzentrierte sie sich wieder ausschließlich auf ihren Sport. Eine lohnende Investition.
Die beiden deutschen Springerinnen Ditte Kotzian und Katja Dieckow hatten als 15. und 18. des Halbfinales den Schlussdurchgang verpasst. Die 30 Jahre Julia Pachalina aus Russland beendete ihre Karriere mit einer Silbermedaille. Vielleicht kann die Drittplazierte Wu Minxia ihre wohl bald scheidende Synchronpartnerin in Zukunft auf dem Brett ersetzten, die Aura einer Königin umgibt sie nicht.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP